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Studieren in Corona–Zeiten : Spicken 2.0

  • -Aktualisiert am

Statt Präsenzklausuren müssen die Studierenden ihre Prüfungen oft am heimischen Laptop ablegen. Bild: Leon Igel

Seit Corona finden viele Prüfungen gezwungenermaßen zu Hause statt. Hier haben Studierende neue Möglichkeiten, zu schummeln. Die Hochschulen tun sich schwer damit, das zu verhindern.

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          Während der Klausurphase gehen auf dem Verkaufsportal „Ebay Kleinanzeigen“ im Halbstundentakt Anzeigen wie diese online: Ein Student will jemanden engagieren, der für 600 Euro (Verhandlungsbasis) eine Klausur in Thermodynamik schreibt und besteht – egal, mit welcher Note. Titel: „Ghostwriter gesucht“. Der Student will aber erst nach bestandener Klausur zahlen. In Klammern hat er noch eine Info zur Klausur dazugeschrieben: „Findet online statt“.

          Schummeln, spicken, abschreiben – das gibt es wohl, seitdem Prüfungen geschrieben werden. In den vergangenen Monaten hat sich an den Hochschulen aber einiges geändert: Erst hat die Corona-Pandemie die Vorlesungssäle und dann den ganzen Campus leergefegt. Von jetzt auf gleich mussten die Unis ihre Lehre ins Internet verschieben. Bei Semesterarbeiten, mündlichen Prüfungen und Referaten hat sich dadurch relativ wenig geändert: Sie laufen mehr oder weniger wie gehabt ab, nur eben per Videokonferenz statt in Präsenz.

          Aber bei der klassischen Klausur sieht es anders aus. Technisch gesehen ist es kein Problem, sie nicht mehr im Hörsaal, sondern zu Hause im WG-Zimmer zu schreiben. Aber digitale Klausuren bringen auch bisher ungekannte Möglichkeiten zum Schummeln mit sich, und die Unis tun sich schwer damit, das zu kontrollieren.

          „Wenn bei Online-Prüfungen Kontrollinstanzen fehlen, ist die Bereitschaft zu täuschen sicher größer“, sagt Christian Teipel. Als Rechtsanwalt vertritt Teipel Studierende, denen vorgeworfen wird, bei Klausuren geschummelt zu haben, und die die Konsequenzen nicht einfach so hinnehmen wollen. Manchmal berät Teipel auch private Hochschulen, die bei solchen Verfahren auf der Gegenseite stehen. Vor der Pandemie erreichten Teipels Kanzlei in Köln jeden Monat sechs bis zehn Anfragen von Studierenden, bei denen es um Täuschungsvorwürfe in Klausuren ging. Seit dem Beginn der Pandemie und damit dem Beginn der Online-Lehre hat sich die Zahl fast verdoppelt.

          Wissen war nie wertvoller

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          Hochschulen kennen die Problematik

          Auch der Blick auf die Ghostwriter-Gesuche bei Ebay Kleinanzeigen suggeriert, dass Studierende die Lücken, die die Pandemie in die Prüfungsaufsicht gerissen hat, ausnutzen. Doch kaum einer der Suchenden will darüber sprechen. Nur der Student mit Sorge um seine anstehende Klausur in Thermodynamik ist zu einem anonymen Telegram-Chat bereit. „Natürlich ist es jetzt leichter, an die Credit Points zu kommen“, schreibt er. Auch einige seiner Kommilitonen würden die neuen Schummel-Chancen nutzen. „Aber es ist dumm, zu viel darüber zu sprechen.“ Dann bricht er den Chat ab. Auf die Frage, ob er einen Ghostwriter finden konnte, kommt keine Antwort mehr.

          Wie hart die Konsequenzen sein können, wenn man auffliegt, zeigen zwei Fälle an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). In einer geisteswissenschaftlichen Klausur und in einer sozialwissenschaftlichen Prüfung habe es zwei Täuschungsversuche gegeben, berichtet die Uni. Die Prüflinge hatten sogenannte Open-Book-Klausuren geschrieben, bei denen Hilfsmittel wie Vorlesungsskripte und Lehrbücher zwar erlaubt sind, aber die Zeit für die Lösung der Aufgaben relativ knapp bemessen ist. So wollen die Lehrenden verhindern, dass geschummelt wird. Anstatt Auswendiggelerntes abzufragen, sollen die Studierenden ihr Wissen auf spezielle Fälle anwenden, eine Übertragungsleistung, die sich – zumindest ohne Ghostwriter – schwer fälschen lässt.

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