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Sperrzone Italien : „Ich hatte Angst, nicht mehr aus Bologna rauszukommen“

Die Piazza Maggiore in Bologna Bild: Marie Steffens

Für die Erasmus-Studentin Marie Steffens gab es zum Semesterbeginn in Italien ein böses Erwachen. Die Unis schlossen und das Land wurde zum Sperrgebiet. Im Interview schildert sie das Umschlagen einer Situation.

          3 Min.

          Sie studieren in Bologna, an der ältesten Universität Europas, neuerdings liegt sie mitten in einer Corona-Krisenregion. Wie haben Sie die letzten Tage und Wochen erlebt?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Am 8. Februar bin ich in Bologna als Erasmus-Studentin angekommen, da war die Situation noch normal. Mein Semester hat am 21. Februar begonnen und auch dieser erste Tag verlief unspektakulär. Am Wochenende verschickte die Uni aber eine Mail mit dem Inhalt, dass der Lehrbetrieb ausfällt, zunächst für eine Woche. Daraufhin sind schon die ersten nach Hause gefahren, ich habe aber versucht, positiv zu bleiben und habe die Zeit genutzt, um mit meinen Freunden
          Ausflüge zu machen. In der zweiten Woche wurde dann das Lehrangebot auf Onlinekurse umgestellt. Und obwohl unsere Eltern sagten, wir sollten nach Hause kommen, sind wir weiter geblieben. Ab dem vergangen Sonntag hat sich die Situation aber zugespitzt, in den Bars wurde zum Beispiel plötzlich auf Abstand geachtet. Venedig wurde geschlossen, am Montagabend Bologna, und als klar wurde, dass an der Uni nicht mehr viel stattfinden wird und die Bars schließen würden, habe ich für mich entschieden, dass es keinen Sinn mehr macht, in Italien zu bleiben – und ich hatte auch Angst davor, dass ich nicht mehr aus dem Land herauskomme, dass meine Freunde abreisen und ich allein zurückbleibe. Deshalb habe ich mich auf den Weg nach Berlin gemacht

          Bei ihrer Anreise galt das Coronavirus in Italien noch nicht als große Gefahr?

          Ja, es war nicht klar, dass es dort zu einem Problem werden würde.

          Hat die Umstellung auf Onlinekurse an der Uni so kurzfristig geklappt?

          Das hat ziemlich gut geklappt. Ich war erstaunt, dass das innerhalb von einer Woche umgesetzt werden konnte. Wir haben uns dann mithilfe einer App eingewählt. Nicht ganz so optimal war, dass die Powerpoint-Präsentationen nicht angezeigt wurden, das Ganze war dadurch mehr ein Audio. Insgesamt hat die Uni gut kommuniziert.

          Marie Steffens
          Marie Steffens : Bild: privat

          Fanden Vorlesungen und Seminare gleichermaßen online statt?

          Bei mir ging es nur um Seminare, eine Interaktion konnte allerdings nicht stattfinden.

          Ein Dozent hat im Grunde einen Vortrag gehalten, der übertragen wurde?

          Ja, man hat sich über Microsoft Teams eingewählt und an einer Art Skype-Konferenz teilgenommen. Allerdings mussten alle ihr Mikrofon ausstellen, es sprach nur der Professor. Manchmal klappte es auch mit Powerpoint.

          War es schwer, aus der Krisenregion herauszukommen?

          Wir sind am Dienstagnachmittag zu fünft mit dem Auto aus der Stadt gefahren. Bei der Grenzüberschreitung hatten wir keine Probleme, wir wurden nicht einmal kontrolliert. Ich habe mich generell über die schwachen Kontrollen gewundert. Ein Freund hatte mich mal besucht, mit dem Flugzeug. Bei ihm wurde nicht einmal Fieber gemessen, als er nach Berlin zurückflog.

          Irgendwelche Absperrungen oder Kontrollpunkte sind Ihnen bei Ihrer Rückreise nicht begegnet?

          Nein. Wir hatten uns entschieden, über die Schweiz zu fahren. In Österreich gibt es wahrscheinlich strengere Kontrollen. Beim Übergang von der Schweiz nach Deutschland mussten wir nicht einmal anhalten.

          Wie ging es in Deutschland für Sie weiter.

          Ich bin jetzt zuhause bei meinen Eltern in Berlin und unterziehe mich einer freiwilligen vierzehntägigen Quarantäne. Zwei meiner Freunde, die mit mir zurück nach Deutschland gefahren sind, haben einen Test gemacht. Eine hat bereits ihr Ergebnis bekommen und ist negativ. Ich wollte mich auch testen lassen, aber in Berlin ist das ohne Symptome nicht möglich. 

          Und Sie gehen derzeit nicht vor die Tür.

          Bis jetzt noch nicht. Ich denke aber, dass ich mal einen Spaziergang mache, ich wohne hier im Grünen bei meinen Eltern.

          Studenten unter den Arkaden der Universität Bologna
          Studenten unter den Arkaden der Universität Bologna : Bild: Picture-Alliance

          Wie viele Corona-Fälle gab es in Bologna?

          Als ich abreiste, waren es, glaube ich, fünfzig Fälle in ganz Bologna, wo ja immerhin 400.000 Menschen leben. Studenten machen ein Viertel der Einwohner aus, von denen sind viele abgereist.

          Was hatten Sie genau vor in Italien?

          Ich studiere European Studies im Master an der Viadrina in Frankfurt an der Oder und wollte von Februar bis Juli das Semester in Italien verbringen.

          Wie ärgerlich ist die Entwicklung für Sie?

          Ich hatte einen guten ersten Monat, insgesamt habe ich es mir natürlich anders vorgestellt. Nachdem die Uni gesperrt worden war, blieb Corona schon dauerhaft im Hinterkopf. Weil, wenn man bleibt, obwohl die Eltern sagen, man solle zurückkommen, muss man gute Gründe vor sich selbst haben. Das hat mich schon belastet.

          Wie geht es für Sie weiter mit Italien?

          Meine Wohnung habe ich nicht gekündigt, weil das nicht ging. Ich werde auch zurückkommen, da bin ich sicher, ich hoffe, dass das im April möglich sein wird - wenn die Regierung sehr strikt vorgeht.

          War die Versorgung zuletzt ein Problem in Bologna?

          Nein, die Supermärkte waren gefüllt, keine Schlangen, keine Hamsterkäufe, die Leute waren generell nicht panisch.

          Fürchten Sie finanzielle Einbuße in irgendeiner Weise?

          Da ich momentan zuhause lebe, eigentlich nicht. Das Erasmus-Geld wird auf jeden Fall ausgezahlt.

          Gibt es universitäre Prüfungen, die Sie eventuell nicht ablegen können?

          Ich habe erst am 15. April meine erste Prüfung. Wir haben schon eine Mail von der Uni bekommen, die besagt, dass es auf jeden Fall möglich sein wird, die Prüfung online abzulegen.

          Sie studieren im Grunde weiter?

          Ja. Das ist wie Fernstudium. Am Mittwoch habe ich auf der Rückreise nach Berlin meine nächste Vorlesung gesehen, live. 

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

          Marie Steffens ist 22 Jahre alt und studiert im Master European Studies an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Sie ist freie Journalistin für verschiedene Zeitungen. Bis Juli reicht ihr Auslandssemester an der Universität in Bologna. 

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