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Soziologische Debatte : Elf Einzelkämpfer sollt ihr sein

  • -Aktualisiert am

Unter Ideologieverdacht: die deutsche Nationalmannschaft Bild: dpa

Ist die Gesellschaft nur eine begriffliche Schimäre ohne Realitätsgehalt? Die Soziologie beschäftigt sich neuerdings verstärkt mit dem Zerfall von Kollektiven und Kollektivbegriffen.

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          „There is no such thing as society“, deklarierte Margaret Thatcher 1987 in einem Interview für das „Women’s Own“-Magazin. Damals galt ihr Ausspruch als Inbegriff eines kalten neoliberalen Radikalindividualismus. Und als Frontalangriff auf die Sozialwissenschaften, denen bei der Gelegenheit die Existenz ihres Gegenstands abgesprochen wurde. Doch inzwischen scheint die A-Sozialität der eisernen Lady bis in die Mitte ebendieser Sozialwissenschaften vorgedrungen zu sein, wo sie nun als Ausweis wissenschaftstheoretischer Reflexion und sprachkritischen Bewusstseins gilt. „Gesellschaft“ sehen viele Soziologen nämlich mittlerweile als begriffliche Schimäre ohne Realitätsgehalt, auf die man besser verzichtet.

          Neu ist das nicht: Schon Max Weber warnte davor, mit der „Gesellschaft“ ein Kollektivsubjekt zu konstruieren, das es ohne diesen Begriff gar nicht gäbe. Doch mittlerweile hat sich diese gesunde Skepsis in eine pauschale Ablehnung von Kollektivbegriffen schlechthin gewandelt, wie die Bamberger Soziologin Heike Delitz berichtet (Mittelweg 36, 6/2019 bis 1/ 2020). Nicht nur „Gesellschaft“, sondern auch „Kultur“, „Klasse“ und sogar „Gruppe“ stehen unter Ideologieverdacht. Den Benutzern solcher Substantive wird nicht nur die unzulässige Verdinglichung theoretischer Gebilde, sondern auch moralpolitisches Fehlverhalten vorgeworfen: Indem sie die Existenz homogener, naturgegebener Kollektive suggerierten, verleugneten sie Diversität, grenzten Menschen aus und spielten den Vertretern ethnischer Reinheit und identitärer Strömungen in die Hände. Folgt man dieser Argumentation, müsste man wohl auch die gegenwärtig vielbeklagte „Spaltung der Gesellschaft“ als Obsession homogenitätsfixierter Zwangscharaktere verbuchen.

          Heike Delitz kritisiert zu Recht diese Kritik, die in ihrer pauschalisierenden Heftigkeit übersieht, dass nicht jeder Gebrauch von Kollektivbegriffen automatisch „essenzialistisch“ und „homogenisierend“ ist. Eine Sozialwissenschaft, die statt von Gruppen nur noch von „Akteuren“, „Netzwerken“, „Handlungen“ und „Praktiken“ sprechen möchte, zahlt einen hohen Preis: Sie blendet zentrale Fragen wie die nach der gesellschaftlichen Formung der Individuen aus.

          Die Erfahrung von Zugehörigkeit

          Delitz verfolgt die Wurzeln der gegenwärtigen Kollektivphobie zurück bis zur Französischen Revolution, der Keimzelle der modernen demokratischen Gesellschaft. Um der Idee des von Gott geheiligten Königs etwas entgegenzusetzen, erklärten die Revolutionäre das Individuum für heilig. Zugleich erhoben sie aber auch das Volk zum Souverän. In diesem bis heute wirkenden Spannungsfeld orientiert sich die aktuelle Begriffskritik der Soziologen am Pol des Individuums, das zum einzig legitimen Ausgangspunkt erklärt wird. Delitz sieht hier eine Tradition, der sich seit 1945 insbesondere die deutsche Sozialwissenschaft verpflichtet sieht.

          Doch reicht die kollektivitätskritische Haltung wirklich so weit zurück? Immerhin waren „Gesellschaft“, „Klasse“, „Gruppe“, ja selbst das „Volk“ als revolutionäres Subjekt in den sechziger bis achtziger Jahren Schlüsselwörter einer links orientierten Sozialwissenschaft und ihres politischen Umfelds in der Bundesrepublik – ganz zu schweigen vom Marxismus-Leninismus der DDR. Überzeugender ist Delitz’ Verweis auf die neuere Ge-schichte: Angesichts der seit 1989 wiederaufgeflammten Kämpfe um nationale und ethnische Identitäten sieht sie hinter der soziologischen Leugnung der Kollektive das Motiv, die Individuen gegen ihre Vereinnahmung oder Ausgrenzung zu verteidigen. Interessant wäre allerdings, ob sich diese sozialtheoretische Aversion auch gegen die neuen Kollektivbildungen der Geschlechts-, Moral- und Opfer-identitäten richtet, die die Diversitätspolitik hervorbringt.

          Was bei Delitz ausgeblendet bleibt, ist die lange sprachkritische Tradition, in der die soziologischen Attacken auf die Kollektivbegriffe stehen. Der dahinterstehende Nominalismus, gekoppelt mit dem Glauben an die Wirkmächtigkeit von Wörtern, reicht von Friedrich Nietzsche über Fritz Mauthner und Benjamin Whorf bis zu den heutigen Verfechtern „geschlechtergerechten“ und moralisch korrekten Sprechens. Mauthner, österreichischer Schriftsteller und Philosoph des Fin de Siècle, verstand seine Sprachkritik als Kampf gegen einen „Wortaberglauben“, der Wirklichkeitsillusionen erzeuge. Tatsächlich beruht diese Art der Sprachkritik jedoch selbst auf einem Aberglauben, nämlich dem, dass Wörter den Verstand verhexen – ausgenommen natürlich den der Sprachkritiker – und auf diese Weise auch die Gesellschaft.

          Dass Wortbedeutungen nichts Festes sind, sondern changieren und sich wandeln, dass Begriffe auch von „normalen“ Sprechern reflektiert und mit der Realität abgeglichen werden, fällt unter den Tisch. Tatsächlich weist die Semantik von Kollektivbezeichnungen wie „Volk“, „Natio“, „Klasse“ oder „Gruppe“ in der Geschichte wie in der Gegenwart verschiedenartigste Facetten auf. Ihnen wohnt keine magische Macht inne, die die Sprecher nötigt, monolithische Sozialblöcke mit ihnen zu assoziieren.

          Was solche Bezeichnungen allerdings spiegeln, ist die Erfahrung von Zugehörigkeiten, die sich von der Nachbarschaft über den Freundeskreis, die Dorfgemeinschaft oder das Sozialmilieu bis zum Staatsvolk erstrecken. Diese Bindungen können auf den Zwängen sozialer Normen ebenso beruhen wie auf gemeinsamen Lebensstilen, geteilten Erfahrungen oder Gefühlen der Zusammengehörigkeit und dem Bewusstsein, „dieselbe Sprache zu sprechen“.

          Dass solche sozialen Realitäten sogar für den existieren, der ihre Namen löschen möchte, dafür ist Fritz Mauthner selbst ein eindrückliches Beispiel: Dass er „Sprachmythen“ und insbesondere Kollektivbegriffe ins sprachkritische Säurebad tauchte, hinderte ihn nicht an der Herausbildung einer glühenden deutschnationalen Gesinnung. Für Mauthner existierte das Volk, obwohl er das „Volk“ demontierte.

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