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Sozialwissenschaften : Einstieg ins planetare Denken

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Erdgeister im Planetenzentrum: Die Rheintöchter in einer Frankfurter Aufführung von Richard Wagners Oper „Das Rheingold“ (2010) Bild: dpa

Der Mensch hinterlässt immer tiefere Spuren auf der Erde. Sozialwissenschaftler nehmen die Natur deshalb neu in den Blick und geben ihr eine eigene Stimme.

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          Die Conditio humana zu bestimmen war der eherne Monopolanspruch der Geistes- und Sozialwissenschaften in der Moderne. Im Mittelpunkt stand der Mensch. Soziologen wie Ulrich Beck oder Bruno Latour und Protagonisten der politischen Ökologie mahnten aus Anlass des Klimawandels eine Korrektur an: „Was das neue Klimaregime in Frage stellt, ist weniger der zentrale Ort des Menschen als seine Zusammensetzung, seine Präsenz, seine Konfiguration.“ So stellte Latours „Terrestrisches Manifest“ die Souveränitätsillusion individueller und kollektiver Akteure auf den Prüfstand und kehrte die vor allem von Ökonomen verhandelte Frage nach dem Verhältnis von Prinzipal und Agent um: Menschen haben tief in den Planeten eingegriffen und sind selbst zu einer geologischen Macht geworden, aber sie finden keinen Weg aus der von ihnen verursachten Zerstörung ihrer Umwelt. Der „Prinzipal Mensch“ hat versagt, die Natur tritt in Aktion, das besagt die Anthropozän-These.

          Sozial- und Kulturwissenschaften haben durchaus etwas zu bieten, um das Anthropozän, eine originär geologische Kategorie, zu „sozialisieren“. Auch dem Chemiker und Erfinder des Konzepts Paul Crutzen war bewusst, dass Generalisierungen wie „Planet“ oder „Menschheit“ nicht passen, wenn für die Überausbeutung der Ressourcen historisch wie aktuell nur rund ein Viertel der Weltbevölkerung verantwortlich ist. Vermeintlich „alle“ gleichermaßen betreffende Klimaschäden werden auch aus indigener und postkolonialer Sicht anders bewertet. Die Funktionssysteme wie Wirtschaft, Politik und Kultur reagieren ganz unterschiedlich auf die „Große Akzeleration“, und Appelle zur Veränderung der Lebensstile erfordern eine mikrosoziale Reflexion.

          Geologisierung des Sozialen

          Dass überdies objektive, aus Messdaten gewonnene „Leitplanken“ soziale Konstrukte sind und als symbolische Marker wirken, stieß bei Naturforschern auf Reserven, doch lassen sich Handlungspostulate an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eben nicht eins zu eins aus statistischen Projektionen ableiten. Schließlich kann der oft vorgenommene Kurzschluss in die angeblich benevolente „Ökodiktatur“ nur vermieden werden, wenn die politische Eigenlogik der Demokratie (darunter der zeitraubende Kompromiss) und ihre nachweislich bessere Performanz in Rechnung gestellt werden.

          Wenn man so Potenziale und Leistungen sozialökologischer Empirie und Theorie bilanziert, muss man auch, wie Nigel Clarke und Bronislaw Szerszynski in ihrem demnächst erscheinenden Buch „Planetary Social Thought“, darlegen, „das Soziale geologisieren“, es also in planetares Denken überführen. Diese vor allem im angloamerikanischen Sprachraum von Autorinnen wie der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak und der Ökofeministin Donna Haraway entworfene Denkform, die wenig mit herkömmlicher Sozio-Biologie zu tun hat, problematisiert den eingeübten Dualismus zwischen „aktiver“ menschlicher Subjektivität und „passiver“ Materialität und schließt Tiere und anorganische Materie als „mit-lebendig“ ein. Auch Materielles „handelt“, wenn Handeln nicht auf absichtsvolle Aktion eingeengt, sondern als Wirkmächtigkeit verstanden wird. Das war beim wahrlich welterschütternden Erdbeben von Lissabon 1755 der Fall und gilt bis heute, wenn etwa die durch anthropogenen Klimawandel bedingte Meereserwärmung nachweislich Seebeben auslösen kann.

          Prozesse der Ausdifferenzierung und Wechselwirkungen sind der Soziologie von Beginn an vertraut, doch muss sie nun neben der kulturellen Diversität in der Anthroposphäre auch die Vielfalt der Bio- und Geosphäre in den Blick nehmen. So begreift man den die Texturen der Kontinente prägenden Kolonialismus als bedeutenden Teil der menschlichen Naturgeschichte. Dabei sind dann spirituelle und „situierte“ Wissenspraktiken indigener Völker Erkenntnissen der säkularen und rationalen Moderne nicht länger untergeordnet, wie Clark und Szerszynski es ausdrücken: „Es geht nicht nur darum, wer für die Erde spricht, sondern auch zu fragen, wer mit und durch die Erde spricht – oder auch, wie die Erde durch uns spricht“.

          Die poetischen Metaphern irritieren nicht nur zünftige Sozialwissenschaftler, sondern auch den Mainstream der Naturwissenschaften. Gleiches gilt für die Erweiterung der Gaia-Hypothese, die James Lovelock jüngst in Richtung „Novozän“ vorgenommen hat. Lovelock skizziert eine posthumane Evolution unter der Ägide einer Künstlichen Intelligenz. Doch planetar denken unterdessen viele Disziplinen, im Rückgriff auf holistische Betrachtungsweisen seit der Stoa und der Renaissance, die jenseits der Konzepte von Welt, Erde und Globus die Relationierung menschlicher Existenz im Universum und die Relativierung ihrer Zentralstellung erkannt hatten. Je stärker Menschen die Erde bearbeiteten, desto mehr kam der Planet zum Vorschein, konstatieren übereinstimmend der in Chicago lehrende Historiker Dipesh Chakrabarty und der Klimawissenschaftler Will Steffen. Der planetare Denkraum endet nicht an den Grenzen der Erde, das bezeugt nicht zuletzt die Etablierung neuer Disziplinen wie Astrobiologie oder Big History. Aus dieser Warte war die Natur immer schon in Aktion.

          Die Geographie hat hier stets eine Vermittlerrolle eingenommen, aber auch die Soziologie kann Übersetzungen leisten, wobei Übersetzen stets auch die eigene Stimme zu Gehör bringt. Wenn wir die Erde materiell, epistemologisch und ethisch als Planeten anerkennen und menschliches (Zusammen-)Leben durch ihn erklären, hat dies Konsequenzen für die Art und Weise, wie wir Gesellschaft allgemein denken. Entscheidungen darüber, wie man auf unserem Planeten weiterleben, gut leben oder mit dem Verlust von Leben umgehen soll, hängen von Einsichten beispielsweise der jüngst gestarteten Solar-Orbiter-Expedition ab, wie das Universum als Ganzes funktioniert.

          Globale Demokratie?

          Dass dies ganz unabhängig von humanen Einflussmöglichkeiten der Fall ist, müssen allerorts aufgesetzte Nachhaltigkeitskonzepte anerkennen, ohne dass ihnen die Berechtigung und der Eifer genommen werden sollen. Alternativkonzepte einer planetozentrischen Betrachtung sind die Bewohnbarkeit der Erde und die Gastfreundschaft der Menschen, wobei Gast und Gastgeber nicht als Gegenüber, sondern symmetrisch verbunden angesehen werden. Im Besuchsrecht Immanuel Kants stand „allen Menschen zu..., sich zur Gesellschaft anzubieten, vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde“. Das haben im Bewusstsein der „planetaren Grenzen“ die Politologin Anne Fremaux und der Rechtswissenschaftler Louis F. Kotzé in Richtung eines „grünen Republikanismus“ und eines „globalen Umwelt-Konstitutionalismus“ ausgearbeitet. Beide Konzepte überschreiten nationalstaatliche (und auch kapitalistische) Grenzen, bedürfen als normative Haltung aber noch der genaueren Operationalisierung.

          Das wirft wieder die Frage auf, wie sich planetares Denken mit der liberalen Demokratie verträgt, die bis dato an den Nationalstaat gebunden ist. Martin Heidegger hat sich 1966 über die „planetarische Plattheit des Meinens und Redens und Schreibens“ als „Organisation der Seynsvergessenheit“ mokiert, was damals auf Kommunismus und Amerikanismus zielte und allgemein gegen moderne Technik und liberale Demokratie. Manche aktuellen Ansätze planetaren Denkens teilen diese Skepsis, als sei das Zeitalter der Nach-Demokratie angebrochen. Ob „der Mensch“ oder besser: politische Bewegungen, die Fähigkeit behalten haben, einen neuen Anfang zu setzen, gilt es zu beweisen.

          Claus Leggewie ist Initiator und Frederic Hanusch Geschäftsführer des jüngst eröffneten „Panel on Planetary Thinking“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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