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Sozialwissenschaften : Einstieg ins planetare Denken

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Die poetischen Metaphern irritieren nicht nur zünftige Sozialwissenschaftler, sondern auch den Mainstream der Naturwissenschaften. Gleiches gilt für die Erweiterung der Gaia-Hypothese, die James Lovelock jüngst in Richtung „Novozän“ vorgenommen hat. Lovelock skizziert eine posthumane Evolution unter der Ägide einer Künstlichen Intelligenz. Doch planetar denken unterdessen viele Disziplinen, im Rückgriff auf holistische Betrachtungsweisen seit der Stoa und der Renaissance, die jenseits der Konzepte von Welt, Erde und Globus die Relationierung menschlicher Existenz im Universum und die Relativierung ihrer Zentralstellung erkannt hatten. Je stärker Menschen die Erde bearbeiteten, desto mehr kam der Planet zum Vorschein, konstatieren übereinstimmend der in Chicago lehrende Historiker Dipesh Chakrabarty und der Klimawissenschaftler Will Steffen. Der planetare Denkraum endet nicht an den Grenzen der Erde, das bezeugt nicht zuletzt die Etablierung neuer Disziplinen wie Astrobiologie oder Big History. Aus dieser Warte war die Natur immer schon in Aktion.

Die Geographie hat hier stets eine Vermittlerrolle eingenommen, aber auch die Soziologie kann Übersetzungen leisten, wobei Übersetzen stets auch die eigene Stimme zu Gehör bringt. Wenn wir die Erde materiell, epistemologisch und ethisch als Planeten anerkennen und menschliches (Zusammen-)Leben durch ihn erklären, hat dies Konsequenzen für die Art und Weise, wie wir Gesellschaft allgemein denken. Entscheidungen darüber, wie man auf unserem Planeten weiterleben, gut leben oder mit dem Verlust von Leben umgehen soll, hängen von Einsichten beispielsweise der jüngst gestarteten Solar-Orbiter-Expedition ab, wie das Universum als Ganzes funktioniert.

Globale Demokratie?

Dass dies ganz unabhängig von humanen Einflussmöglichkeiten der Fall ist, müssen allerorts aufgesetzte Nachhaltigkeitskonzepte anerkennen, ohne dass ihnen die Berechtigung und der Eifer genommen werden sollen. Alternativkonzepte einer planetozentrischen Betrachtung sind die Bewohnbarkeit der Erde und die Gastfreundschaft der Menschen, wobei Gast und Gastgeber nicht als Gegenüber, sondern symmetrisch verbunden angesehen werden. Im Besuchsrecht Immanuel Kants stand „allen Menschen zu..., sich zur Gesellschaft anzubieten, vermöge des Rechts des gemeinschaftlichen Besitzes der Oberfläche der Erde“. Das haben im Bewusstsein der „planetaren Grenzen“ die Politologin Anne Fremaux und der Rechtswissenschaftler Louis F. Kotzé in Richtung eines „grünen Republikanismus“ und eines „globalen Umwelt-Konstitutionalismus“ ausgearbeitet. Beide Konzepte überschreiten nationalstaatliche (und auch kapitalistische) Grenzen, bedürfen als normative Haltung aber noch der genaueren Operationalisierung.

Das wirft wieder die Frage auf, wie sich planetares Denken mit der liberalen Demokratie verträgt, die bis dato an den Nationalstaat gebunden ist. Martin Heidegger hat sich 1966 über die „planetarische Plattheit des Meinens und Redens und Schreibens“ als „Organisation der Seynsvergessenheit“ mokiert, was damals auf Kommunismus und Amerikanismus zielte und allgemein gegen moderne Technik und liberale Demokratie. Manche aktuellen Ansätze planetaren Denkens teilen diese Skepsis, als sei das Zeitalter der Nach-Demokratie angebrochen. Ob „der Mensch“ oder besser: politische Bewegungen, die Fähigkeit behalten haben, einen neuen Anfang zu setzen, gilt es zu beweisen.

Claus Leggewie ist Initiator und Frederic Hanusch Geschäftsführer des jüngst eröffneten „Panel on Planetary Thinking“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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