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Pflegestudium in Deutschland : Nichts für schwache Nerven

  • -Aktualisiert am

Praxisszene aus dem Studium von Alicia Haug (Mitte). Unser Bild entstand vor Corona – noch ohne Mundschutz Bild: Verena Müller

Anders als im Ausland haben die wenigsten Pflegekräfte in Deutschland studiert. Das soll sich nun ändern. Rückenwind bekommt das Pflegestudium durch die Corona-Krise.

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          Blöde Fragen hört Alicia Haug häufig, wenn sie von ihrem Pflegestudium erzählt: „Warum muss man studieren, um Bettpfannen zu wechseln und Hintern abzuputzen?“ Inzwischen reagiert die 20-Jährige gelassen: „Ich erzähle dann einfach, was alles zu einem Pflegestudium gehört, welche Module wir haben. Bei den meisten ändert sich dann relativ schnell die schlechte Meinung über das Studium“, sagt Haug.

          Denn ihr Modulplan für den Bachelor an der Eberhard Karls Universität Tübingen und an der Hochschule Esslingen zeigt die ganze Bandbreite des Pflegeberufs: Neben der Pflege- und Gesundheitswissenschaft erwarten Haug Fächer wie Medizin, Psychologie, Soziologie, Ethik, Rechtswissenschaft, Politik, Betriebswirtschaft und Ökologie. Einige belegt sie sogar gemeinsam mit Medizinstudierenden.

          In praktischen Übungen lernen sie an Puppen, wie man Magensonden legt oder Blut abnimmt. Nach sieben Semestern verlassen Haug und ihre Kommilitonen die Universität mit zwei Abschlüssen: einem Bachelor of Science in Pflege und der staatlichen Berufszulassung als Gesundheits- und Krankenpfleger beziehungsweise Pflegefachfrauen und -männer.

          Steigende Ansprüche im Beruf

          Damit sind die Studierenden des Modellstudiengangs, den Esslingen und Tübingen gemeinsam anbieten, unter den ersten ihrer Zunft. Denn bisher führen die Absolventen solcher Pflegestudiengänge eher ein Nischendasein in deutschen Krankenhäusern. Ende des Jahres 2017 hatten laut Statistischem Bundesamt weniger als ein Prozent der Beschäftigten ambulanter und stationärer Pflegeeinrichtungen einen pflegewissenschaftlichen Hochschulabschluss. Absolventen kamen lediglich aus Modell- oder weiterbildenden Pflegestudiengängen mit überschaubaren Teilnehmerzahlen. Die Pflege ist bisher also noch ein klassischer Ausbildungsberuf in Deutschland.

          Das soll sich nun ändern: Anfang des Jahres hat die Bundesregierung das grundständige Pflegestudium als zweiten Zugangsweg zum Pflegeberuf gesetzlich verankert. Nach ersten Modellstudiengängen ziehen nun weitere Hochschulen nach: Die Technische Hochschule Deggendorf etwa gab im Mai bekannt, dass Studierende ab Herbst einen Pflege-Abschluss mit einem Studium kombinieren können. Auch die Charité in Berlin bietet zum Wintersemester erstmalig einen solchen Studiengang an.Die Absolventen können sowohl in der Kranken- als auch in der Kinder- und Altenpflege arbeiten.

          Die Pflegeausbildung soll so den steigenden Ansprüchen an den Beruf gerecht werden. Denn die Deutschen werden immer älter, und die Zahl der Pflegebedürftigen und der chronisch Kranken steigt. Immer mehr Menschen in Pflegeheimen leiden an Demenz, gleichzeitig stirbt nach dem Einzug im Schnitt ein knappes Fünftel der Bewohner innerhalb eines Monats, wie Forscher des Alters-Instituts in Bielefeld herausgefunden haben.

          Pflegekräfte sind Generalisten

          Patienten beim Sterben zu begleiten und sie und ihre Angehörigen psychologisch zu betreuen wird damit zu einem zentralen Bestandteil der Pflege. „Pflegekräfte müssen heute über pflegewissenschaftliche, medizinische, psychologische und soziale Fähigkeiten verfügen“, sagt Astrid Elsbernd, Studiendekanin des Bachelorstudiengangs Pflege an der Hochschule Esslingen. Die Berufsschulen könnten solche komplexen Fähigkeiten oftmals nicht umfassend vermitteln. „An der Hochschule lernen die Studierenden auch, sich selbständig das bereits umfangreich vorliegende internationale Wissen anzueignen.“ Das werde immer wichtiger, da sich auch durch Digitalisierung und Forschung der Berufsalltag in der Pflege schnell verändere.

          Die Ausbildungsreform soll den Pflegeberuf zudem wieder attraktiver für junge Menschen machen. „Mit der akademischen Pflegeausbildung wird die Pflege auch für Abiturienten interessant, die studieren wollen und bisher von der dreijährigen Ausbildung nicht angesprochen wurden“, sagt Wolfgang Pasch, Studiengangkoordinator an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, die ebenfalls einen grundständigen Pflege-Bachelor anbietet.

          Pasch hofft, dass diese Zielgruppe sich künftig für das Hochschulstudium entscheidet. Die Chancen dafür stehen derzeit besonders gut, denn mit der Corona-Pandemie steigt das Interesse von Bewerbern an dem Pflegestudium: Das Bewertungsportal Studycheck verzeichnete zwischen März und Mai dieses Jahres 583 Suchanfragen zu dem Studiengang Pflege – 189 Prozent mehr als im selben Zeitraum im Jahr zuvor.

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