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Pflegestudium in Deutschland : Nichts für schwache Nerven

  • -Aktualisiert am

Im Praktikum schuften, während die anderen feiern

„Mit der Pandemie rückt die Pflege in den Blickpunkt der Öffentlichkeit“, sagt Pasch. „Die Menschen erkennen jetzt, dass Pflegerinnen und Pfleger wirklich etwas bewegen können.“ Er hofft, dass dadurch auch die Löhne in der Pflegebranche langfristig steigen. Davon ist auch Studiendekanin Elsbernd überzeugt. Denn durch den neuen Ausbildungsweg könnten Pflegekräfte mit Ärzten auf Augenhöhe sprechen. Auch die Popularität in der breiten Bevölkerung werde steigen, glaubt sie: „Die Patienten und auch das Personal in den Krankenhäusern sehen jetzt, dass Pflege ein hochgradig professionalisierter Beruf ist, der viel Wissen erfordert.“

Diesen Eindruck hat auch die Studierende Haug: „Das Bild der Pflege ändert sich durch die Corona-Pandemie. Das merke ich auch bei den Patienten im Krankenhaus, die sind total dankbar, dass man ihnen hilft.“ Auch während der Corona–Krise sind die Studierenden im ambulanten Pflegedienst im Einsatz und üben im Labor – unter besonderer Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen versteht sich. Der Theorieunterricht findet ebenfalls weiterhin statt, wenn auch digital.

Haug arbeitet neben ihrem Studium in der Notaufnahme im Tübinger Krankenhaus. Sie muss Geld verdienen, denn im Gegensatz zur Berufsausbildung bekommen die angehende Pflegerin und ihre Kommilitonen kein Gehalt für das Studium. „Besonders die Wochen, in denen ich zusätzlich noch Praktikum habe, sind mega anstrengend“, sagt Haug. In ihren Semesterferien arbeiten die Studierenden jeweils fünf Wochen im Krankenhaus, in stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen. Während andere die ganze Nacht feiern, muss Haug im Praktikum schuften.

Das ist nicht für jeden das Richtige: Starteten im Wintersemester 2018 noch elf Studierende in den Pflege-Bachelor, sind heute nur noch sechs übrig. Hier will Studiendekanin Elsbernd gegensteuern: „Es ist geplant, dass die Studierenden ab dem kommenden Wintersemester für ihre Praktika entlohnt werden.“ Wegen ihres Jobs in der Notaufnahme bleibt für Haug auch während des Semesters oft wenig Zeit zum Verschnaufen. Denn für sie und die Kommilitonen ihres Jahrgangs gilt unter normalen Umständen eine Anwesenheitspflicht an der Uni. „Nach einem Sonntagnachtdienst konnte ich nur kurz bei McDonald’s frühstücken, bevor ich direkt weiter in die Univorlesung musste“, erzählt sie.

Begehrte Absolventen

Irgendwann nach dem zweiten Semester sei dann auch mal der Punkt gekommen, an dem sie an dem Studium gezweifelt habe. Doch aufhören wollte sie nie. „Am Ende lohnt sich die Anstrengung, denn durch das Studium bekommen wir andere Perspektiven als mit der Ausbildung und können schneller in neue Berufsfelder einsteigen“, sagt Haug. „Wir können in die Praxis gehen, aber auch in die Lehre oder in die Wissenschaft.“

Doch klar ist auch: Wer seinen Lebensunterhalt neben dem Studium selbst bestreiten muss, für den ist die Ausbildung mit einem festen Einkommen oft reizvoller als das Studium. Wissenschaftler der Bertelsmann Stiftung bemängeln außerdem, dass oft nicht klar sei, für welche Aufgaben studierte Pflegekräfte überhaupt eingesetzt werden können: „Da es kein konkretes Profil für hochschulisch qualifizierte Pflegefachpersonen gibt und zudem kaum Personen mit einem hochschulischen Abschluss in der Langzeitpflege arbeiten“, schreiben die Experten in einer Studie aus dem vergangenen Jahr, „besteht insbesondere in den ambulanten Pflegediensten und stationären Langzeitpflegeeinrichtungen Unklarheit bezüglich der Rolle, der Kompetenzen und Einsatzmöglichkeiten hochschulisch ausgebildeter Pflegefachpersonen.“

Das Studium hilft Aufträge zu hinterfragen

Pasch von der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf weiß, dass die hochschulische Pflegeausbildung noch am Anfang steht. Er macht sich jedoch keine Sorgen, dass die Absolventen Schwierigkeiten bei der Jobsuche bekommen. Der Bedarf an hochqualifizierten Pflegekräften sei riesig, und die Absolventen der Hochschulen seien entsprechend begehrt.

Auch Haug hat den Eindruck, dass das Studium ihr dabei hilft, Lerninhalte stärker zu hinterfragen und in Praktika selbstbewusster aufzutreten. Nach ihrem Bachelor will die 20-Jährige erst mal im Krankenhaus arbeiten, vielleicht macht sie auch noch einen Master. „Ich hätte auch Lust, dafür ins deutschsprachige Ausland zu gehen, dort ist die Auswahl der Studiengänge höher als in Deutschland“, sagt sie.

Denn in anderen Ländern ist die pflegerische Hochschulausbildung schon selbstverständlich. In Deutschland hingegen wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis die Menschen den Pflegeberuf wirklich wertschätzen – und Haug keine blöden Fragen mehr beantworten muss.

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