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Schreibschule für Profis : Bachelor of Schriftsteller

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Bild: Picture-Alliance

Neue Studiengänge wie Literarisches Schreiben sollen auf eine Karriere als Autor vorbereiten. Aber gibt es ein Rezept für gutes Schreiben?

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          Natalie Harapat ist eine von sieben Auserwählten. Sie lernt, wie man gut schreibt – in einem eigens dafür vorgesehenen Studium. Im Herbst 2017 wurde sie Teil des ersten Jahrgangs an der Kunsthochschule für Medien in Köln (KHM) mit dem Schwerpunkt Literarisches Schreiben. Die mittlerweile 33 Jahre alte Harapat war schon vor dem Studium als freie Autorin tätig. Von dem Gang an die Kölner Kunsthochschule versprach sie sich, ihre Schreibfähigkeiten weiterentwickeln zu können. Der Studiengang an der KHM ist einer von dreien in Deutschland, in denen jungen Menschen das Rüstzeug zum Schriftstellerdasein an die Hand gegeben werden soll. Auch an der Universität in Leipzig lässt sich Literarisches Schreiben studieren, genauso wie an der Universität in Hildesheim; hier nennt sich das Studium allerdings „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“. Rund 71 500 Bücher sind im vergangenen Jahr auf dem deutschen Markt neu erschienen, zeigen Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Die meisten Studierenden wollen Teil dieses Marktes werden und planen eigene Veröffentlichungen – trotz finanzieller Risiken.

          Wichtig für ein Schriftsteller-Studium und eine potentielle Karriere als Autor ist vor allem eines: eine gute Schreibe. Das zeigt sich schon am Auswahlprozess. Bei der KHM etwa soll die schriftliche Bewerbung eigene Arbeitsproben enthalten. Wer wie Harapat die erste Hürde genommen und es in die engere Auswahl der Bewerber geschafft hat, wird an der Hochschule zu einem persönlichen Auswahlgespräch eingeladen. „Ein Gefühl und ein Interesse für Sprache sowie Leidenschaft und Entdeckerfreude“ – das sollten Studienanfänger bestenfalls mitbringen, sagt Barbara Köhler, Dozentin an der KHM. Die angehenden Studierenden sollten Sprache als ein Medium wahrnehmen. Konkret heißt das: Sie sollten mit Sprache umgehen können.

          Talent sollte realistisch eingeschätzt werden

          Das weiß auch Karriereberaterin Jutta Boenig aus Überlingen am Bodensee. Sie hat schon einige Interessenten für dieses Fachgebiet beraten. „Es braucht mehr als nur eine hervorragende Note in Deutsch. Wenn Bewerber eines solchen Studiengangs zu mir kommen, schaue ich genau, ob sie auch ein Händchen fürs Schreiben haben“, sagt Boenig. Viele bekämen von Familie und Freunden immer nur Komplimente für ihr vermeintliches Talent gemacht und benötigten daher eine objektive Meinung von einem Außenstehenden.

          Da der Schwerpunkt Literarisches Schreiben an der KHM im Rahmen des Studiums der medialen Künste gewählt wird, ähnelt der Aufbau grundsätzlich dem eines Kunststudiums: Die Studierenden arbeiten viel an Projekten, die sie sich im Anschluss gegenseitig vorstellen. Natalie Harapat ist etwa Mitherausgeberin der „Kurze“, einer jährlichen Anthologie, die ausgewählte literarische Projekte von Studierenden der KHM beinhaltet, darunter auch Texte von Harapat selbst. So erlernen die Studierenden gleich auch die Grundlagen der redaktionellen Arbeit.

          Jeder schreibt was ihm gefällt

          Das gesamte Studium ist praktisch ausgelegt und bietet stets Möglichkeiten, sich frei zu entfalten. Ob Kurzgeschichten oder doch lieber Gedichte – jeder kann das schreiben, was ihm am besten gefällt. „Das ist auch wichtig, da hier oft sehr unterschiedliche Menschentypen zusammenkommen“, sagt ein Studierender der Universität Leipzig in einem Image-Video des Studiengangs. So kam es schon vor, dass sich gelernte Bauarbeiter und ehemalige Philosophiestudenten im gemeinsamen Studium über das literarische Schreiben austauschten.

          Um ihre Literaturkenntnisse zu festigen, lesen die Studierenden regelmäßig klassische Werke aus verschiedenen Epochen. Auf dieser Basis setzen sie sich dann mit den Texten ihrer Kommilitonen auseinander. Gemeinsam mit den Dozenten geben sie sich gegenseitig Rückmeldung.

          Im eigenen Text steckt oft viel Persönliches. Das kann mitunter ganz schön nervenaufreibend sein, weiß Harapat. Den eigenen Text zu präsentieren, in dem in der Regel sehr viel Persönliches steckt, ist für die meisten schon Überwindung genug. Wenn die anderen dann auch noch ihre Meinungen dazu kundtun, kann das selbst ein tapferes Gemüt strapazieren. Die Studierenden müssen daher in jedem Fall gut mit Kritik umgehen können. Die Aufgabe der Dozenten in dieser Situation beschreibt Andreas Altenhoff, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der KHM, wie folgt: „Wir müssen immer analysieren, ohne zu beurteilen.“ Das Miteinander von Dozenten und Studierenden gleiche dabei eher einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit als dem klassisch einseitigen Lehrverhältnis. „Wir wollen ja auch etwas lernen“, sagt Dozentin Köhler.

          Es reicht nur knapp zum Leben

          Vielen Studierenden fällt es derweil schwer, ihre Texte am Ende auch wirklich fertigzustellen. Da es kein allgemeingültiges Rezept für das Schreiben zu geben scheint, kann es mitunter schwierig sein, grundsätzliche Entscheidungen zu treffen – auch weil im Laufe der Zeit so viele unterschiedliche Anstöße auf einen einprasseln. „Wenn man einen Text vorstellt und bespricht, gibt es viele Sichtweisen, so dass es schwierig ist, seinen eigenen Weg zu finden“, sagt Harapat. Falls also ein Kommilitone eine Figur aus dem eigenen Text nicht realistisch findet, ein zweiter aber wiederum meint, die Romanfigur sei das Beste an dem gesamten Text, wird es schon mal kompliziert für den Autoren. Aber: „Auch für die Entscheidungsfindung sind wir da“, sagt Dozentin Köhler. Die Lehrenden wissen, wie schwierig diese Aufgabe sein kann, da die meisten von ihnen selbst Schriftsteller oder Autoren sind.

          Diese Mischung aus Lehre und Autorendasein steht auch den Studierenden offen. Tatsächlich streben die meisten eine Schriftstellerkarriere an. Nach ihrem Bachelor können sie in Hildesheim oder Leipzig auch gleich noch einen Master draufsetzen. Natalie Harapat möchte nach ihrem Abschluss, wie auch schon vor dem Studium, weiter als freiberufliche Autorin arbeiten und ihre Texte verschiedenen Verlagen anbieten. Das Risiko bei dieser Berufswahl liegt auf der Hand: Ob ihre Werke gekauft werden, kann sie letztlich nur schwer abschätzen. Entsprechend kompliziert ist es, mit einem bestimmen Einkommen aus Honoraren zu planen. In der Regel reicht dies ohnehin nur knapp zum Leben.

          Zahlen zum Gehalt von Schriftstellern sind schwer zu finden. Die Zeitung „taz“ hatte im Jahr 2011 aber auf Angaben der Künstlersozialkasse verwiesen, wonach Autoren im Schnitt knapp 13 600 Euro jährlich verdienen – und zwar brutto. Auf Blogs von Schriftstellern ist von ähnlichen oder sogar niedrigeren Summen die Rede. Nur vom Autorendasein leben, das ist also auch nach einem Studiengang schwer, der einen das gute Schreiben lehren soll. Den Aufstieg zum Literatur-Star passgenau zu planen ist kaum möglich. Viele große Schriftsteller-Karrieren entstanden ohnehin mehr oder weniger durch glückliche Begebenheiten.

          Beraterin Boenig empfiehlt daher: „Um ein sicheres Standbein zu haben, kann es sinnvoll sein, erst einmal im Marketing zu arbeiten und Pressetexte zu schreiben“, sagt sie. Denn hier sind die finanziellen Möglichkeiten oft deutlich besser, und so können die Absolventen ihren Traum vom selbständigen, freien Autorenleben anschließend vielleicht einfacher realisieren. Und vielleicht entdeckt manch ein Studierender auch seine Leidenschaft für einen artverwandten Bereich und arbeitet am Ende im Lektorat, Marketing oder Journalismus.

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