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Honorarprofessoren : Schein der Exklusivität

  • -Aktualisiert am

Die Hochschulen beschäftigen viel mehr Honorarprofessuren, als sie an die statistischen Ämter melden. Bild: dpa

Die Zahl der Honorarprofessuren ist um ein Vielfaches höher als gemeldet. Die Hochschulen ersparen sich mit der inflationären Titelvergabe die Berufung ordentlicher Professoren.

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          Die Zahl der Honorarprofessuren an deutschen Universitäten ist viel höher, als die Daten des Statistischen Bundesamtes angeben. Das haben Recherchen der F.A.Z. ergeben. Laut offizieller Mitteilung hat es im Jahr 2018 insgesamt 1615 Honorarprofessoren gegeben. Tatsächlich ist jedoch anzunehmen, dass es zehnmal so viele Honorarprofessuren mit oder ohne Lehrverpflichtung gibt. Eine Größenordnung von rund zwanzigtausend erscheint noch realistischer.

          Das würde bedeuten, dass der Titel „Honorarprofessor“ inflationär vergeben und damit fast aussagelos wird. Hochschulen binden so günstige Lehrkräfte an sich und ersparen sich die Berufung ordentlicher Professoren.

          Der Titel Honorarprofessor darf ohne den Zusatz „h. c.“ (honoris causa) verwendet werden. Die Titelträger können sich „Professor“ nennen. Es gibt keine zentrale Liste aller lebenden Titelträger. Daher fehlt auch eine Aufschlüsselung nach Universitäten oder Fakultäten. Viele Hochschulen hatten nach Anfragen dieser Zeitung sogar Schwierigkeiten, über die Zahl ihrer Honorarprofessoren Auskunft zu geben. Eigentlich müssten sie diese jährlich an die Statistischen Landesämter melden, die wiederum eine Summe davon an das Bundesamt weiterreichen. Doch aufgrund unterschiedlicher Messmethoden und falscher Zählungen sind schon die Zahlen in vielen Bundesländern falsch und wohl deutlich zu niedrig.

          Widersprüchliche Angaben

          Eine Fehlerquelle ist, dass Universitäten Honorarprofessoren teilweise nur als „Lehrbeauftragte“ melden. Das wird etwa für Niedersachsen vermutet. Von den deutschlandweit 92 000 Lehrbeauftragten dürfte in Wahrheit jeder vierte oder fünfte eine Honorarprofessur innehaben. Das ergibt eine nicht repräsentative Hochrechnung der F.A.Z. anhand eines Datenvergleichs zwischen Länderstatistiken und Mitteilungen einzelner Hochschulen. So verzeichnet Niedersachsen für das jüngste zur Verfügung stehende Berichtsjahr 2018 offiziell nur eine einzige Honorarprofessur. In Wirklichkeit hat allein die Universität Hannover mehr als 100 Honorarprofessoren, in Osnabrück werden 42 Personen geführt.

          Das zuständige Landesamt für Statistik hat inzwischen angekündigt, die Qualität seiner Personalstatistik zu verbessern. Man sei jedoch darauf angewiesen, dass die Hochschulen korrekte Angaben machen. Für das Bundesland Bremen sind beim Statistischen Bundesamt neun Honorarprofessoren notiert. Diese Zahl füllt aber schon die dortige Hochschule für Öffentliche Verwaltung aus. Hinzu kommen aber noch etliche Honorarprofessoren der Universität Bremen. Dabei benennt allein deren Juristische Fakultät elf Personen, davon sind allerdings drei im vergangenen Jahr hinzugekommen und können in der Statistik für 2018 noch nicht enthalten sein. Andere Fachbereiche führen jedoch mindestens acht weitere Honorarprofessoren auf.

          Versäumnisse der Hochschulen

          Ähnlich stellt sich die Lage im Saarland dar. Die Statistik nennt sechs Personen für das ganze Land, aber allein die Saarbrücker Universität führt nach eigener Auskunft „mindestens 69 Honorarprofessoren“, davon 37 an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät (wovon 21 aus Altersgründen keine Lehrverpflichtung mehr haben), acht in den Wirtschaftswissenschaften, sieben an der Naturwissenschaftlich-technischen Fakultät, drei in der Medizinischen Fakultät und 14 in der Fakultät für Mathematik und Informatik. Die Angabe der Philosophischen Fakultät fehlt, hier konnte die Pressestelle der Hochschule auch nach längerer Zeit keine Angabe machen. Das ist erstaunlich, denn eigentlich müsste die Hochschule die Zahl ihrer Honorarprofessuren jährlich an die Statistik melden.

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