https://www.faz.net/-gyl-a3m9p

Universitäre Sammlungen : Schatzkammern der Wissenschaft

Einblick in den Prozess der Wissenschaft

Weil es dafür nun einmal kein Gebäude gibt und weil es, wenn es das gäbe, immer noch schwer zu entscheiden wäre, welche der Zigmillionen Objekte aus den mehr als siebzig wissenschaftlichen Sammlungen dort ausgestellt sein sollten. Um dieses Problem zu lösen, hat man vor sieben Jahren die Zentrale Kustodie gegründet. Diese hat unter der Leitung von Marie Luisa Allemeyer jahrelang an einem Konzept gefeilt, das nicht nur alle Sammlungen integriert, sondern auch ein modernes, selbstreflexives und, das ist Allemeyer wichtig, lustvolles Bild der Wissenschaft präsentiert. Das Ergebnis ist das Forum Wissen, das im Herbst nächsten Jahres seine Pforten öffnen soll.

Das neue Museum wird im alten akademischen Museum einziehen, einem klassizistischen Bau direkt neben dem Bahnhof, der heute noch von Gerüsten eingekleidet ist. Den Innenraum wird der Besucher durch ein Säulenportal betreten, an der Rückfront hat man eine moderne Glas-Stahl-Konstruktion eingezogen. Auch das Ausstellungskonzept verbindet Altes mit Neuem. Es will nicht einzelne Schmuckstücke präsentieren, sondern Einblick in die Praxis und den Prozess der Wissenschaft geben. In den ersten drei Räumen wird der Besucher über Perspektiven, Methoden und Bedingungen der Wissenschaft aufgeklärt. Auf dem Parcours durch elf weitere Räume – vom Labor über die Feldforschung bis zur Bildgebung – kann er nachvollziehen, wie es zu dem kommt, was später Faktum genannt werden wird, und wie in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft damit umgegangen wird. Der Betrachter soll nicht in Vielfalt und Masse ersticken, sondern die Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit verstehen, die nicht auf die Besonderheit des Gegenstands angewiesen sind. Damit wird es möglich, fortlaufend neue Gegenstände aus den verschiedenen Sammlungen zu integrieren, ohne das Konzept selbst zu verändern.

Für neue Entdeckungen aus den Göttinger Instituten wird es einen eigenen Raum geben sowie eine Wechselausstellung, in der abgeschlossene Projekte vorgestellt werden können. Das entlastet die Wissenschaftler von der neuen Pflicht, ihr Wissen selbst zu präsentieren, über die, das ist kein Geheimnis, nicht jeder von ihnen hocherfreut ist. Aus der Zusammenarbeit mit zwei Agenturen, dem Atelier Brückner und den Exponauten, weiß Marie Luisa Allemeyer, dass bei der sinnfälligen Präsentation eine eigene Form von Professionalität gefragt ist, über die ein Wissenschaftler nicht von selbst verfügt.

Sinnliche Erfahrung der Wissenschaft

Man will keine toten Gegenstände zeigen, sondern Exponate, die einen didaktischen Wert haben oder weiter Einfluss auf die Forschung nehmen. Die achthunderttausend Pflanzen der botanischen Sammlung, die nach dem Übergang von der morphologischen Bestimmung zur Gestaltanalyse nur noch musealen Wert zu haben schienen, sind in der Forschung ebenso wieder gefragt wie die Sammlung von Algenkulturen, seit Algen als alternative Energiequelle gehandelt werden. Andere Sammlungen haben nur noch wissenschaftshistorischen Wert.

Für die Zentrale Kustodie bedeutet das eine große Integrationsarbeit. Viele Exponate, die aus den Fachbereichen kommen, müssen erst restauriert werden, wie immer an den Universitäten sind die Kassen knapp. Das Konzept jedenfalls überzeugt. Wer der Wissenschaft bei der Arbeit zusieht, wird einsehen, dass ein wissenschaftliches Faktum nicht verlustlos durch Meinungen ersetzt werden kann, und wer die konkreten Objekte vor Augen hat, an denen sich Theorie festmacht, bekommt vielleicht auch ein Verständnis dafür, dass hinter den vielen Perspektiven ein gemeinsamer Gegenstand steht.

Weitere Themen

Beschwingte Versammlung

Ulrike Crespo beschenkt Städel : Beschwingte Versammlung

Mit einer Sonderausstellung feiert das Frankfurter Städel die außergewöhnliche Geste von Ulrike Crespo, dem Haus ihre wertvolle Sammlung mit Gemälden und Zeichnungen zu schenken. Über das Zustandekommen dieser Sammlung wüsste man gerne mehr.

Topmeldungen

              Polarisiert: Andrea Nahles, hier kurz nach ihrem Rücktritt vom Parteivorsitz im Juni 2019

Wechsel zur Arbeitsagentur? : Nahles oder nicht Nahles

Die SPD will ihre frühere Vorsitzende offenbar zur Chefin der Bundesagentur für Arbeit machen. Die Arbeitgeber zeigen sich irritiert. Denn das Vorschlagsrecht haben eigentlich die Sozialpartner.