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Dekanin in Halle tritt zurück : Verantwortung ist unteilbar

Hier wird man den Beschluss des Verwaltungsgerichts besonders genau studieren: Lesesaal des Juridikums der Martin-Luther-Universität in Halle. Bild: Imago

Ist Manipulation unmöglich, wenn mehr als hundert Personen an einer Entscheidung beteiligt sind? Über dieses kuriose Argument ist in Halle die Dekanin Petra Dobner gestolpert.

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          Die Martin-Luther-Universität suchte als Lehrstuhlinhaber für Regierungslehre und Policyforschung jemanden, der die von Suzanne Schüttemeyer nach Halle mitgebrachte „qualitative“ Parlamentsforschung fortsetzen sollte. Dass bei der Reihung der Bewerber nach Qualifikation der noch nicht über Halle hinausgekommene Lieblingsschüler Schüttemeyers an die erste Stelle gesetzt wurde, begründeten der Rektor und die Dekanin der Philosophischen Fakultät I im Wissenschaftsausschuss des Landtags von Sachsen-Anhalt kurioserweise mit einem quantitativen Argument: An einem Berufungsverfahren seien in Halle so viele Personen beteiligt, nämlich weit mehr als hundert, dass eine Intrige gar nicht möglich sei.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Abgeordneten wird das schwerlich überzeugt haben. Sie agieren als Parteipolitiker in großen Netzwerken und machen die Erfahrung, dass mit der Zahl der beteiligten Personen der Spielraum für die Steuerung einzelner Entscheidungen durch kleine Gruppen wächst, zumal alle Akteure gleichzeitig immer auch mit der Vorbereitung anderer Entscheidungen befasst sind, was Rücksichtnahme nötig und Gegengeschäfte möglich macht.

          Nachdem das Verwaltungsgericht Halle die Universität zur Wiederholung des Berufungsverfahrens verpflichtet hat, beschäftigt die Sache jetzt von neuem die universitären Gremien, und weit mehr als hundert Universitätsangehörige wird interessieren, was der rechtskräftige Gerichtsbeschluss für die Reputation der MLU und ihres Führungspersonals bedeutet. Im Senat wurde der Fall am 14. Oktober laut Sitzungsprotokoll „intensiv“ diskutiert. Da das Protokoll zu den Sachgesichtspunkten der Aussprache nichts mitteilt, kann es die große Zahl der Beteiligten noch einmal zur Erzeugung einer Konsensfiktion nutzen: „Im Ergebnis der kritischen Diskussion bekräftigten die Senatsmitglieder in voller Unterstützung des Rektorats ihre gemeinsame Verantwortung mit Blick auf die bestehenden hohen Qualitätsstandards in Berufungsverfahren und vergewisserten sich ihrer Wahrnehmung dieser gemeinsamen Verantwortung.“ Parlamentsforscher könnten solche Formeln allerdings an die Beratungen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Oktober 1966 erinnern.

          Die Dekanin Petra Dobner wollte ihre Fakultätskollegen lieber im kleineren Kreis unterrichten, berief für den 21. Oktober nur den engeren und nicht, wie von einem Kollegen beantragt, den erweiterten Fakultätsrat ein. Schon vor der Sitzung zeichnete sich ab, dass es Dobner für ihr Bemühen, die beiden institutsinternen Kritiker des rechtswidrigen Verfahrens als Nestbeschmutzer rügen zu lassen, an der nötigen Unterstützung in der Fakultät fehlte. Mit einer vorbereiteten Rücktrittserklärung kam sie in die Sitzung, die sie nach ihrem Rücktritt verließ.

          In ihrer Erklärung bekundete sie ihre Enttäuschung: Kaum ein Mitglied der Fakultät habe sich dazu verhalten, dass eine Kampagne gegen die Universität aus der Fakultät heraus munitioniert worden sei. Den auf eine Rüge zielenden Antrag brachte der frühere Dekan Burkhard Schnepel ein. Der Fakultätsrat sollte beschließen, dass die der Indiskretion beschuldigten Mitglieder der Berufungskommission sich für Aufgaben der Selbstverwaltung disqualifiziert hätten. Die Diskussion über den Antrag verlief kontrovers; sowohl an der Klugheit der Sanktion als auch am Sachgehalt der Vorwürfe wurden Zweifel angemeldet. Man verständigte sich darauf, den Antrag nicht zur Abstimmung zu stellen, sondern lediglich ins Protokoll aufzunehmen. So kann man sich verrechnen: Die Verantwortung für diesen Akt der Vergeltung wäre auf so wenige Schultern verteilt gewesen, dass die Mehrheit nicht mitmachte.

          Hinweis: In der ursprünglichen Fassung des Artikels hatten wir irrtümlich geschrieben, Petra Dobner sei zurückgetreten, als sie mit dem Antrag auf Rüge gescheitert sei.

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