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Raus aus den Studentenbuden : Zurück ins Hotel Mama

Immer jemanden zum Reden und nie ein leerer Kühlschrank: Viele Studierende sind wieder bei ihren Eltern. Bild: dpa

Studieren und bei den Eltern wohnen – was mal als Nesthocken galt, ist im Pandemiealltag oft eine vernünftige Lösung. Glücklich macht sie aber nur bedingt.

          5 Min.

          Baran Küçük ist erst 24 Jahre alt, aber er hat schon viel gesehen. Küçük studiert im siebten Semester Jura, hat vor Kurzem einen Schwerpunkt im Völker- und Europarecht begonnen und bis Januar 2020 ein Auslandspraktikum in Amsterdam gemacht. Bis dahin lebte er in einer Einzimmer-Studentenbude in Köln. Er liebte es, mit Freunden über den Campus zu spazieren, vorbei an der steinernen Albertus-Magnus-Figur auf dem Uni-Vorplatz. Er mochte die Atmosphäre in der Uni-Bibliothek, den leicht muffeligen Geruch der Bücher dort, das Lernen mit Kommilitonen – „und die gemeinsame Pause um 12 Uhr, in der wir rüber in die Mensa gingen“.

          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Jetzt sitzt Baran Küçük mittags wieder am Familientisch und zum Lernen in seinem ehemaligen Kinderzimmer in Stuttgart. Auch seine Schwester, ebenfalls Studentin, ist zurück zu den Eltern gezogen. „Das liegt nicht nur daran, dass es keine Präsenzveranstaltungen gibt“, sagt Küçük. Sondern vor allem an der Einsamkeit. „Meine Kommilitonen sind auch alle größtenteils zu Hause bei ihren Eltern.“ In Stuttgart muss er zwar hin und wieder mit einer wackeligen Internetverbindung kämpfen. „Dafür hat man immer jemanden um sich herum, wenn man sich mal allein fühlt“, sagt er.

          Wie Baran Küçük geht es zurzeit vielen Studierenden quer durch Deutschland. „Es gibt kein nennenswertes Studentenleben mehr. Deshalb ziehen sie zurück zu ihren Eltern oder gar nicht erst von zu Hause weg“, sagt Christiane Wempe. „Zu Hause sind sie zumindest nicht ganz allein.“ Hinzu komme, dass viele ihre Nebenjobs verloren haben und daher oft das Geld fehlt, um sich die Miete für ein Zimmer zu verdienen. Christiane Wempe ist Entwicklungspsychologin in Ludwigshafen; das sogenannte „Nesthocker-Phänomen“, also dass erwachsene Kinder noch im Elternhaus wohnen, ist eines ihrer Spezialgebiete.

          „Eigentlich wollte ich nach dem Abitur ausziehen“

          Sie sah schon vor der Corona-Zeit einen Trend zum immer späteren Ausziehen von zu Hause – und sie sah ihn kritisch. „Kinder bleiben im Elternhaus die Kinder, egal, wie alt sie sind. Konflikte sind deshalb programmiert.“ So würden sie erst später selbständig, ihnen fehlten die Erfolgserlebnisse, die damit verbunden seien, selbst einen Haushalt zu führen, es komme nicht das Gefühl auf: „Ich schaffe das alleine“. In dieser Krise komme hinzu, dass der verzögerte Auszug oder der Rückzug ins Elternhaus aus der Not geboren sei und oft auf eine ohnehin schon krisenhafte Grundstimmung treffe. „Die Folge kann eine Verbitterung sein, dass junge Menschen sich um diese eigentlich so wichtige Lebensphase betrogen fühlen“, sagt Wempe.

          Verbitterte Töne klingen auch durch, wenn man mit Roberto Romeo spricht. Er ist 20 Jahre alt und studiert im ersten Semester Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main. „Eigentlich wollte ich nach dem Abitur ausziehen“, berichtet er. „Aber in der jetzigen Phase bietet es sich einfach nicht an.“ Seine Eltern sind selbständig, arbeiten in der Gastronomie. Die Krise hat sie hart getroffen. Zum Auszug fehlt Romeo gerade der Mut. „Wenn ich mal Unterstützung bräuchte, könnten mir meine Eltern derzeit kaum helfen“.

          Dabei hatte er sich sein Leben nach dem Abitur völlig anders vorgestellt. „Ich wollte viele neue Leute kennenlernen, auch mal Party machen und ganz generell mehr auf eigenen Füßen stehen“, sagt er. „Wenn ich alleine wohnen würde, würde ich einkaufen gehen, Wäsche waschen, mir das Kochen beibringen. Aber hier zu Hause bin ich manchmal ein bisschen faul. Hier ist es klar, dass meine Mutter kocht, wenn sie nach Hause kommt.“ Die Studienbedingungen in der Wohnung der Familie sind auch nicht gerade ideal. „Ich teile mir ein Zimmer mit meinem Zwillingsbruder. Man kann sich daher nie so richtig zurückziehen“, sagt der 20-Jährige. „Ich hätte oft gern mal meine Ruhe.“

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