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Promotionsrecht : Die Herzkammer der Wissenschaft

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Bild: Picture-Alliance

Das Wissenschaftssystem braucht ein Zentrum, das bahnbrechende Erfindungen mit dem gesellschaftlichen Konsens vermittelt. Das können nur die Universitäten sein. Bei ihnen sollte daher auch das Promotionsrecht liegen.

          6 Min.

          Was ist das Wissenschaftssystem? Sind es die Akteure, die darin tätig sind: Professoren, sonstige Forscher, vielleicht sogar Studenten? Oder sind es alle Organisationen, in denen Wissenschaft betrieben wird: Universitäten, Max-Planck-Institute, die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Industrie? Ja und nein. Sie alle, die Akteure und die Organisationen, sind nur insoweit Teil des Wissenschaftssystems, als sie eben wissenschaftlich agieren. Mit anderen Worten: Nicht die Akteure oder die Organisationen definieren das Wissenschaftssystem. Sondern der Begriff Wissenschaft definiert, welche Akteure und Organisationen zum System gehören.

          Was aber ist Wissenschaft? Um es mit dem Bundesverfassungsgericht zu definieren: Wissenschaft ist jeder ernsthafte Versuch des planmäßigen Herausfindens neuer und wahrer Erkenntnis. Es gehört also zweierlei dazu: Wahrheit und Methode. Dabei ist die Ausrichtung auf Wahrheit unverhandelbar. Demgegenüber kann man über Methoden streiten. Auch die Astrologie verfährt nach bestimmten Regeln, und sie behauptet, wahre Aussagen zu treffen über den Charakter von Menschen (Sternbilder!) oder gar über die Zukunft (Horoskope!). Nichtsdestoweniger wird sie nicht als seriöse Wissenschaft anerkannt, eben weil ihre Methoden nicht wissenschaftlich sind. Kurz: Letztlich definiert die Methode, was Wissenschaft ist. Dabei mag sich die Methode in den verschiedenen Fächerkulturen zwar unterscheiden. Letztlich erhebt sie aber überall den Anspruch, Erkenntnisse rational und intersubjektiv nachprüfbar, und das heißt vor allem: kritisierbar, zu begründen. Man kann über die richtige Interpretation des Grundgesetzes ebenso rational streiten wie über die wahre Dauer des Urknalls.

          Sichtung und Wertung des Neuen

          Wenn aber die Methode definiert, was Wissenschaft ist, dann liegt auf der Hand: Jeder, der mit dieser Methode am „Diskurs“ teilnimmt (würde Habermas sagen) beziehungsweise „kommuniziert“ (so Luhmann), ist Teil des Wissenschaftssystems. Oder besser: Er ist nicht Teil, sondern er nimmt teil am Wissenschaftssystem. Noch genauer: Er leistet seinen Beitrag zum System Wissenschaft, er speist dort etwas ein. Und dies ganz unabhängig von seiner beruflichen und sozialen Stellung, sogar von seiner intellektuellen Begabung: Der schlimmste Außenseiter, ja der größte Idiot kann auf die beste Idee kommen. Das ist zwar nicht sehr wahrscheinlich. Aber wenn es die beste Idee war, bleibt sie es – ungeachtet ihres Urhebers.

          Was folgt daraus für das „Wissenschaftssystem“? Zunächst ein gewisses Paradox: Die „normale Wissenschaft“, die in den üblichen Bahnen Fortschritte macht, ist erstens relativ berechenbar und zweitens unverzichtbar. Ohne einen Mainstream verliert ein System seine Identität – man denke an die Kunst, insbesondere die Musik. Oder man denke an das System Recht: Wenn es dort keine „herrschende Meinung“ mehr gäbe über das, was rechtmäßig oder rechtswidrig ist, woran sollten sich die Juristen und die Rechtsunterworfenen orientieren?

          Demgegenüber ist das, was Thomas S. Kuhn einmal als „außerordentliche Forschung“ bezeichnet hat, erstens ebenso unverzichtbar. Es ist aber zweitens sehr selten und drittens nicht berechenbar. Es ist ein schockierender Einbruch des Zufalls in das normale System. Ebendeshalb ist außerordentliche Forschung, die einen „Paradigmenwechsel“ herbeiführt, oft das Werk von Außenseitern. Kopernikus war kein Astronom, sondern Arzt und Jurist; Einstein war nicht Professor, sondern Angestellter des Schweizer Patentamts; Gregor Mendel ein gärtnernder Mönch; Crick und Watson, die Entdecker der DNA, zwei chaotische Postdocs. Kurz: Nicht immer, aber mit großer Wahrscheinlichkeit kommt wirklich Neues von dort, wo es niemand erwartet.

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