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Politikberatung in der Krise : Wissenschaft im Praxistest

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Die Pandemie fordert die Mediziner als Politikberater Bild: dpa

Die Bekämpfung der Pandemie fordert die praktische Kompetenz der Wissenschaft heraus wie nie zuvor. Die Brücke zur Politik könnte effektiver gestaltet werden. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Sicherheit in der Corona-Krise gibt es nicht. Aber die Politik gibt täglich vor, sie wüsste, wie die richtige Lösung aussieht. Dabei berufen sich die Politiker öffentlich gerne auf die Wissenschaft in Form von Professoren der Virologie oder Epidemiologie und deren Institute. In den politischen Schlussfolgerungen spielen logische Widersprüche keine Rolle: Als die Vereinigten Staaten am 11. März ihre Grenzen für alle Bürger aus den europäischen Schengen-Staaten schließen, geht ein Aufschrei durch Europa, diese Strategie entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage und sei rein politisch motiviert.

          Wenige Tage später ringt die Europäische Union um eine große gemeinsame Maßnahme gegen eine Corona-Pandemie und beschließt, die Außengrenzen der EU ab dem 17. März dichtzumachen. Der Widerspruch zur Wissenschaft wird kommentarlos in Kauf genommen. Denn auf andere Maßnahmen können sich die Staaten nicht einigen, und irgendetwas Gemeinsames ist das politische Gebot der Stunde.

          Der größte Autobauer der Welt macht alle seine europäischen Werke zu, um seine Arbeiter durch die notwendige geringe soziale Distanz im Produktionsprozess der Autos nicht zu gefährden. Dieses Argument fügt sich elastisch und öffentlich sehr gut vorzeigbar in die „Flatten the curve“-Strategie der Regierung ein. Nicht dazugesagt wird, dass VW dadurch Versorgungsengpässen aus gestörten Lieferketten und gesunkener Nachfrage entgeht und darüber hinaus noch von der kurzfristig zugesagten Sonderförderung der Regierung profitieren kann. Wissenschaftlich wird nichts Falsches im politischen Diskurs gesagt, aber eben auch anderes, wissenschaftlich ebenso Richtiges absichtsvoll verschwiegen.

          Unklare Empirie

          Nicht viel besser sieht es mit den Tests aus. Ärzte und zum Teil freiwillige Helfer setzen sich aufopferungsvoll rund um die Uhr für Tests ein. Die Hoffnung ist, verlässliche Informationen über Ausmaß und Verbreitung von Coronavirus-Infektionen zu erhalten, um Infektionsketten zu unterbinden. So wichtig dies wäre, so wenig liefert die Wissenschaft dafür Sicherheit. Virologen schätzen die Dunkelziffer der Corona-Infektionen um bis zu zehnmal höher ein, als dies die Anzahl der positiven Testergebnisse verrät.

          Wenn die tatsächlichen Infektionszahlen aber so viel höher sein könnten als die Anzahl der positiv Getesteten, kann nach wissenschaftlichen Standards die Messung kaum als empirische Grundlage anerkannt werden, um die Anzahl an Infektionen zu bestimmen. Die schwache wissenschaftliche Grundlage sagt aber keineswegs, dass die Tests nicht aufgrund der Notwendigkeit einer umfassenden politischen Beurteilung gerechtfertigt wären, auch wenn diese massiv ausgeweitet werden müssten.

          Virologen und Epidemiologen treten auch regelmäßig in den Medien auf und werden dort zur aktuellen Lage und zu richtigen Maßnahmen befragt. Sie äußern sich vorsichtig und keineswegs immer einig in ihren Schlüssen auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse über Virusepidemien.

          In dieser Situation entsteht sogar noch zusätzlich sehr großer Druck auf die Mediziner, sich umfassend über die Notwendigkeit und die Chancen von Gegenmaßnahmen zu äußern. Wenn Virologen und Epidemiologen aber die psychischen Folgen von Ausgehverboten oder die wirtschaftlichen Folgen für die Arbeitnehmer und Kleinunternehmer beurteilen sollen, dann fehlen ihnen die besonderen wissenschaftlichen Kompetenzen dafür. Das zeigt, dass hier auch andere Wissenschaftsdisziplinen außerhalb der Medizin zur Bewältigung der Corona-Krise etwas beizutragen haben. Auf diese disziplinären Grenzen von Wissenschaftlern hinzuweisen ist aber im öffentlichen Diskurs sehr schwierig. Denn hier interessieren sich die Bürger und Journalisten für praktische Lösungen und nicht für die Feinheiten der wissenschaftlichen Disziplinen.

          Modell für die Kooperation von Wissenschaft und Politik

          Die Beispiele zeigen, wie die direkte Zusammenführung von Wissenschaft und Politik beide Bereiche beschädigen kann. Die besonderen Aufgaben und Leistungen von Wissenschaft und Politik können besser erhalten und gestärkt werden, wenn beide Bereiche getrennt handeln, aber durch eine professionelle Integration verbunden werden.

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