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Wer orientierungslos ist, mag am Anfang erst einmal im Dunkeln stochern. Bild: Anne Reibold

Orientierungssemester : Studis ohne Plan

  • -Aktualisiert am

Nach der Schule wissen viele junge Menschen nicht weiter. Damit sie herausfinden, welches Studium zu ihnen passt, bieten immer mehr Universitäten Orientierungssemester an. Das gibt Zeit zum Ausprobieren – hat aber auch seine Hürden.

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          Sie ist jung, talentiert und planlos: Die achtzehn Jahre alte Helena Golderer könnte mit ihrem Abitur an die Universität gehen und ihre Karriere beginnen – wenn sie denn nur wüsste, welche. „Ich habe keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll“, sagt die junge Berlinerin. Trotzdem saß sie zu Beginn des Wintersemesters 2019/2020 in einem Seminarraum der Freien Universität Berlin und stellte sich ihren zukünftigen Kommilitonen vor. Die meisten in der Runde waren Berliner Abiturienten und genauso orientierungslos wie Golderer. Rund 1200 Bewerbungen erhielt die Freie Universität damals für einen Studiengang, den es erst seit zwei Jahren gibt: das Einführungs- und Orientierungsstudium „EinS@FU“.

          „Sie interessieren sich für mehr als einen Studiengang oder wollen ausprobieren, ob ein bestimmtes Studienfach zu Ihnen passt?“: So bewirbt die Internetseite der Freien Universität den Orientierungsstudiengang. Tatsächlich erzählen die Abiturienten zu Beginn ihres Studiums von Vorlieben für Kunstgeschichte, Medizin, Philosophie, Psychologie oder nicht selten alles auf einmal. „Die Kernidee ist: Wir wollen eine möglichst große Bandbreite davon aufzeigen, was im Studium möglich ist“, sagt Johannes Traulsen. Mit Nickelbrille und Strickpulli sitzt der Koordinator des Orientierungsstudiums in seinem Büro an der Freien Universität.

          Hinter betont modernen Eigennamen, wie College+, MINTgrün oder startING verbirgt sich an vielen deutschen Hochschulen eine Starthilfe in das akademische Leben. Etliche renommierte Universitäten wie die Technische Universität München, die Goethe-Universität Frankfurt am Main oder die Technische Universität Berlin bieten ein Orientierungsjahr an. In welche Fächer die Studenten hineinschnuppern können, variiert. So können Studierende an der Freien Universität Berlin aus den Bereichen Geisteswissenschaften, Kulturwissenschaften und Naturwissenschaften wählen.

          Zu breit gefächerte Interessen

          „Ich habe in diesem Jahr unter anderem Astrophysik, Gender Studies, Creative Writing, Philosophie und Betriebswirtschaftslehre belegt“, erzählt Balduin Eilmes über sein Studium Generale am Leibniz-Kolleg in Tübingen. Er habe nach dem Abitur nicht einmal gewusst, ob er sich den Natur- oder Geisteswissenschaften widmen sollte, zu breit gefächert waren seine Interessen. Eine Voraussetzung, um am Leibniz-Kolleg studieren zu können, denn mindestens einen Kurs aus jeder akademischen Fachrichtung müssen Eilmes und seine Kommilitonen belegen. „Die Kurse sind an universitäre Studiengänge angelehnt und werden vierzehn Stunden lang täglich im Haus angeboten“, sagt Eilmes. Hinter der Bibliothek der Universität Tübingen liegt das Leibniz-Kolleg: Dort lernen Jugendliche – wenn nicht gerade eine Pandemie grassiert – in einem holzvertäfelten Unterrichtsraum oder auf Sofas im Clubraum, während sie im Obergeschoss in einer Art Internat wohnen. Hausarbeiten, Lektürelisten – das Kolleg soll einen Eindruck davon vermitteln, wie der Studienstart inhaltlich und vom Arbeitspensum her aussehen könnte.

          An der Freien Universität Berlin nimmt das spezifische Programm von EinS@FU sechs Wochenstunden ein, „ist also bei weitem kein Vollzeitstudium“, sagt Koordinator Traulsen. Wer sich nach dem Abitur erst einmal eine Verschnaufpause gönnen wolle, könne hier beispielsweise lernen, wie man sich für Studiengänge oder Auslandssemester bewirbt. Ältere Studierende begleiten und leiten die Seminare für ihre jüngeren Kommilitonen. Wöchentliche Ringvorlesungen und Lernwerkstätten sollen zudem einen Einblick geben, welche Themen und Methoden in dem jeweiligen Schwerpunktbereich behandelt werden. So bot die Freie Universität Berlin im Wintersemester 2019/2020 unter anderem Lernwerkstätten zu der staatlich gelenkten Urbanisierung in China oder aber auch zu den ersten Schritten des Programmierens an. „Egal welchen Kurs man in diesem Jahr besucht, er wird als Kontextwissen immer eine gute Grundlage für das spätere Studium sein“, sagt Traulsen. Die Hauptidee von EinS@FU sei aber, dass die Studenten an den regulären Einführungsveranstaltungen von rund 40 Studiengängen teilnehmen. Welche Kurse die Studierenden wählen, ist ihnen überlassen – Institutsgrenzen spielen für sie keine Rolle. Oft werden die EinS@FU-Studenten zu verkappten Fachstudenten: Sie schreiben Hausarbeiten, halten Vorträge, schreiben Prüfungen und gehen mit ihren Seminar-Kommilitonen in eine der zahlreichen Mensen.

          Wäre da nicht die Corona-Krise: Die Umstellungen, die die Freie Universität aufgrund der Pandemie eingeführt hat, treffen Helena Golderer und ihre Kommilitonen hart. „Unsere Veranstaltungen vermitteln Orientierung durch das Zusammentreffen und den Austausch mit erfahrenen Studierenden. Das lässt sich auf Dauer nicht durch Online-Format ersetzen“, sagt Traulsen. Golderer hat sich deshalb im Sommersemester aus der Online-Universität zurückgezogen und schnuppert lieber durch Praktika in die Arbeitswelt hinein. Auch ihre Kommilitonin Julie Matzeit loggt sich nicht gerne in die digitalen Orientierungsveranstaltungen ein. Obwohl ihre Mentoren mittlerweile digitale Spieleabende und Ähnliches organisieren, um den Kontakt zu halten, sei es schwer, online über persönliche Dinge wie Motivation oder Ängste zu sprechen. Auch in dem Politik-Seminar, das sie dieses Semester belegt, traue sich Matzeit seltener, Fragen zu stellen oder sich an Diskussionen zu beteiligen. Anstelle der freundlich lächelnden Sitznachbarin im Seminarraum müsse sie mit einem unpersönlichen Gruppenchat kommunizieren. „Inhaltlich sind die Kurse aber ähnlich wie letztes Semester, und es ist cool, keine Fahrtwege mehr zu haben“, sagt die Studentin. Deshalb studiere sie im digitalen Orientierungssemester neben Politik auch Gender Studies und lerne Spanisch.

          Häufig falsche Vorstellungen vom Studiengang

          Wer ein ganzes Semester dabeibleibt, kann sich die Module, ob online oder mit Präsenz, auch für ein späteres Studium anrechnen lassen. Helena Golderer schmunzelt, als sie erzählt: „Einige meiner Kommilitonen versuchen deshalb so viele Psychologieveranstaltungen zu besuchen, dass sie im nächsten Jahr gleich ins dritte Semester einsteigen können.“ Auf diesem Weg könne auch der im ersten Fachsemester sehr hohe Numerus Clausus umgangen werden.

          „Häufig haben Studierende falsche Vorstellungen von einem Studiengang, was nicht selten zum Abbruch und somit einer Fehlallokation von Steuergeldern und persönlichem Misserfolg führt“, sagt Elke Wild, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Bielefeld. An der Freien Universität verringert sich die Gesamtanzahl der Studierenden nach den ersten Fachsemestern durchschnittlich um rund 20 Prozent. „Traurig, aber nicht zu leugnen ist auch: Wir haben einen massiven Nachwuchsmangel in klassischen Fächern“, sagt Traulsen. „Wenn ich ein Jahr lang in verschiedene Kurse schaue, merke ich aber vielleicht, dass Niederlandistik genauso spannend sein kann wie der Studiengang International Culture Management.“

          Probieren geht über Studieren – das gilt auch in der Studienorientierung, ist Bärbel Kracke sicher. Die Inhaberin des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie an der Universität Jena forscht zu den Bedingungen, unter denen Jugendliche beginnen, Pläne für ihre Zukunft zu schmieden. „Seine eigenen Fähigkeiten und Interessen zu reflektieren ist eigentlich sehr charakteristisch für das Jugendalter“, sagt Kracke. Am besten gehe das durch verschiedene Erfahrungen – ob im Fechtverein, beim Reisen oder eben im Schnupperstudium. Wer weiß, worin er gut ist und was ihm obendrein noch Spaß macht, könne beginnen, Berufe oder Studiengänge mit den eigenen Wünschen abzugleichen. „Die Studienmöglichkeiten sind heute kaum noch überschaubar“, sagt Kracke, deshalb empfiehlt sie, zunächst Berufs- oder Studiengruppen zu erstellen und dann immer mehr ins Detail zu gehen. „Am Ende muss man überlegen: Kann ich dieses Fach am besten an der Uni oder an einer Hochschule und an welchem Standort studieren.“

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          Zeit für die Persönlichkeitsbildung

          Der Orientierungsprozess braucht Zeit. Zeit, die politisch immer weiter verkürzt wird: „Mit einem Abitur nach zwölf Jahren bei gleichem Lernstoff wie früher fällt die Möglichkeit weg, sich in Themen zu vertiefen“, sagt Kracke. In einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr hätten Jungen ebenfalls Zeit zur Persönlichkeitsentwicklung gehabt. „Der Wegfall der Wehrpflicht ist dahin gehend nicht zu unterschätzen“, sagt Kracke, „gerade, weil sich Jungen durchschnittlich später entwickeln.“ Mit siebzehn oder achtzehn Jahren an die Universität: Nicht jeder ist bereit dafür. Als Helena Golderer im Seminar „Araber auf der Iberischen Halbinsel“ Lektüren und Hausarbeiten begegneten, nahm sie nicht mehr teil. „Dafür habe ich gerade keine Kapazitäten, ich bin noch viel zu nah an der Schule dran“, sagt Golderer. „Die letzten Jahre hatte ich keine Zeit mehr für nichts, man musste ja immer lernen“, sagt sie über ihre Abiturphase. Nebenbei spielte sie an renommierten Berliner Theaterhäusern, wie dem Deutschen Theater, der Volksbühne und der Neuköllner Oper. In ihrem Orientierungsjahr habe sie erstmals wieder Zeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. „Gerade weil wir immer älter werden und länger arbeiten müssen, sollte man sich am Anfang der Karriere etwas Zeit für die Persönlichkeitsbildung nehmen“, sagt auch Bärbel Kracke.

          Doch nicht jeder kann sich die Persönlichkeitsbildung leisten. Professorin Wild zufolge bedeutet ein Orientierungsstudium oder ein Freiwilligenjahr, „Lebenszeit zu verbringen, ohne eine direkte Ausbildung zu erhalten“. Als solches seien Studiengänge wie EinS@FU nur für bildungsnahe Schichten interessant. So verwundert es auch nicht, dass von fast 80 Prozent der EinS@FU-Studierenden mindestens ein Elternteil einen Universitätsabschluss erzielt hat. Der Anteil sei höher als in den regulären Bachelorstudiengängen der Schwerpunktbereiche, teilt ein Sprecher des Fachbereichs für Empirische Bildungsforschung der Freien Universität mit, welcher eine ausführliche Analyse des Studiengangs durchgeführt hat.

          Balduin Eilmes war nach dem Abitur klar, dass er studieren werde. Welche Optionen er hat, wurde ihm erst in seinem Jahr im Leibniz-Kolleg in Tübingen bewusst. „Ich habe ganz schnell gemerkt, dass ich Astrophysik nicht kann. Genauso war ich überrascht davon, wie reflektiert sozialwissenschaftliche Studiengänge wie Gender Studies sind.“ Grade deshalb genoss Eilmes es, sich in diesem Jahr noch nicht festlegen zu müssen: „Ein Freund von mir hat das Kolleg mal als ,Bubble of Freedom‘ beschrieben, wo Bildung als Selbstzweck steht und wir alle gesellschaftlichen Zwänge an eine Karriere ausklammern können.“

          Die meisten finden ein passendes Studium

          Mittlerweile studiert Balduin Eilmes Philosophie und Ökonomie an der Universität Bayreuth, beides Fächer, die er in seinem Jahr in Tübingen für sich entdeckte. Nach dem interdisziplinären Vorstudium nehme er die Wirtschaftswissenschaften jedoch als unreflektiert und einseitig wahr. „Die Modelle ordnen sich erst ein, je mehr ich über den Vorlesungsstoff hinaus lerne“, sagt Eilmes, der sich trotz straffen Studienverlaufsplans in Soziologievorlesungen hineinsetzt und Vortragsreihen zu Pluraler Ökonomie organisiert. „Wir hatten das Verständnis, dass man sich die Universität selbst gestalten kann. Aber das ist schwierig im Bologna-System.“

          EinS@FU zählt offiziell als Studium – auch für das Bafög-Amt –, trotzdem können Studenten ein Jahr lang frei vom Stressfaktor Regelstudienzeit die Universität genießen. „Egal wie unsere Studenten das Jahr nutzen, am Ende sollen sie irgendwo auf der Welt das machen, was sie wollen“, sagt Traulsen. Obwohl er damit ausdrücklich auch Ausbildungen meint, finden die meisten Orientierungsstudenten ein akademisches Studium, das zu ihnen passt. So auch Bärbel Kracke, die in einem sozialwissenschaftlichen Orientierungssemester in Göttingen die Psychologie für sich entdeckte. Einst orientierungslos an die Universität gekommen, leitet sie heute einen ganzen Lehrstuhl – wenn das mal keine Erfolgsgeschichte ist.

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