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Open Access und Forschung : Der Preis des Publizierens

  • -Aktualisiert am

An der University of California geht es bei einer jährlichen Zahl von 1400 Artikeln bei der Veröffentlichung derselben um viel Geld. Bild: Picture-Alliance

Trotz oder wegen der Umstellung auf Open Access wird das wissenschaftliche Publizieren teurer und exklusiver. Wie ließe sich das ändern? Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Wissenschaftliche Arbeit wird zum großen Teil an Universitäten und Forschungsinstituten vom Staat und damit mit öffentlichen Geldern bezahlt. Aber um sie zu lesen und frei nutzen zu können, muss man teure wissenschaftliche Zeitschriften bezahlen. Zwar werden die meisten dieser Zeitschriften wiederum von Universitäten und Forschungsinstituten abonniert, aber auch diese müssen eben dafür bezahlen.

          Seit langem versuchen die Forschungseinrichtungen mit den großen Verlagen, die die wichtigen Zeitschriften herausgeben, eine Einigung zu erzielen. Nach und nach werden seit einigen Jahren Vereinbarungen zwischen Verlagen und Universitäten oder Verbünden wie dem Projekt „Deal“ unter Federführung der Hochschulrektorenkonferenz abgeschlossen: Die Forschungseinrichtungen sollen nicht mehr für den Kauf oder das Abo der Zeitschriften bezahlen, sondern für die Veröffentlichung des Forschungsartikels. Der Zugang zu den Inhalten der Zeitschriften soll dann aber allgemein kostenlos und frei sein. Insbesondere dem Open Access, dem freien Online-Zugriff auf die Forschungsarbeiten, steht dann nichts mehr im Wege. Anfang des Jahres wurde ein solcher Vertrag zwischen Springer Nature und Deal abgeschlossen, auch die University of California hat sich mit Springer Nature geeinigt.

          Ist das tatsächlich die bessere Lösung? Für all diejenigen, die nicht an Forschungseinrichtungen arbeiten und selbst nicht forschen, scheint das zunächst so zu sein: Journalisten und Autoren von populärwissenschaftlichen Büchern, Unternehmen, die ganze Öffentlichkeit hätte unmittelbar vollen Zugriff auf die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft – wenn sie sie denn verstehen. Anders sieht es mit der Möglichkeit aus, selbst zu publizieren. Jede Veröffentlichung in einem Forschungsjournal kostet dann ein paar tausend Euro, die an den Verlag zu zahlen sind, und umso größer die Reputation des Journals ist, desto teurer dürfte die Publikation eines Papers sein. Kleine Institute und finanzschwache Universitäten werden ihre Schwierigkeiten haben, die finanziellen Mittel für die Spitzentitel aufzubringen, ganz zu schweigen von Einzelforschern, die ihre Arbeit selbst finanzieren.

          Mit doppelter Blindheit geschlagen

          Sicherlich ist die Meinung verbreitet, dass Spitzenforschung ohnehin nur noch an finanzstarken Instituten in großen Teams möglich ist und dass dort die paar tausend Euro für eine Veröffentlichung nicht ins Gewicht fallen. Aber das ist nicht ganz richtig. Für die University of California geht es bei einer jährlichen Zahl von 1400 Artikeln und einer durchschnittlichen Bearbeitungsgebühr von 3200 Dollar immerhin um rund viereinhalb Millionen Dollar im Jahr. Für kleinere Forschungseinrichtungen kann die Publikation in einem führenden Journal bei diesem Prinzip schnell an den Kosten scheitern. Und nicht nur in der Philosophie und in den Geisteswissenschaften gibt es noch einzelne private Wissenschaftler, die auf eigene Kosten an Spezialthemen oder am großen Wurf forschen, den Spezialisten, der nach dem Studium und neben seinem Broterwerb an einer revolutionären Idee arbeitet. Insbesondere in den theoretischen Bereichen der Naturwissenschaften gibt es auch freie Forscher, die mehr oder weniger eingebunden in das Netzwerk der Universitäten und Institute eigene Forschungsvorhaben verfolgen.

          Diese Wissenschaftler haben nach dem bisherigen Verfahren wenigstens grundsätzlich die Möglichkeit, in führenden Journalen ihrer Disziplinen zu veröffentlichen. Die anonyme Einreichung und das doppelt-blinde Peer-Review-Verfahren sorgen zumindest im Prinzip dafür, dass jede eingereichte Arbeit geprüft wird und dass nur nach ihrer Qualität und Originalität über eine Veröffentlichung entschieden wird. Wenn zu diesen fachlichen Hürden nun allerdings noch eine finanzielle Hürde von einigen tausend Euro kommt, dürfte es kaum noch möglich sein, dass eine freie Forscherin oder auch nur ein kleines Institut ohne großen Etat in einem solchen Journal die Möglichkeit zur Veröffentlichung hat. Spätestens jetzt stellt sich die Frage, wozu das überhaupt nötig ist. Warum nicht einfach auf der privaten Website oder in einer Open-Access-Datenbank die bahnbrechenden Theorien oder die Ergebnisse langer beharrlicher Analysen veröffentlichen? Die Antwort auf diese Frage klärt auch, warum die führenden Verlage überhaupt so viel Geld für ihre Arbeit verlangen können, sei es nun fürs Abonnement oder für die Publikation der Paper. Die Antwort ist, dass sie eine Reihe von Dienstleistungen erbringen, die staatliche Forschungseinrichtungen zwar brauchen, aber selbst nicht erbringen wollen.

          Das beginnt schon mit der puren Organisation des Peer-Review-Verfahrens: Wissenschaftler reichen ihre Arbeiten bei Journalen ein. Diese müssen nun zwei bis drei passende Gutachter bestimmen; dazu muss der Herausgeber, meistens auch ein ausgewiesener Wissenschaftler, aber erst einmal wissen, worum es in der Arbeit geht und wer sie beurteilen kann. Dann wird die Arbeit anonymisiert verschickt. Die Reviewer müssen gemahnt werden, dass sie ihre Bewertungen pünktlich, genauer gesagt: mit nicht zu großem Verzug abgeben. Manchmal müssen weitere Reviewer beauftragt werden. Die Prüfer haben oft Kritik am Werk der Kollegen, diese muss aufbereitet, zurückgegeben werden, neue Termine werden gemacht; die Sache geht von vorn los. Eine erhebliche Korrespondenz und Verwaltungsarbeit sind nötig. Ist die Arbeit dann tatsächlich angenommen, muss sie redaktionell publikationsreif gemacht, in den Publikationsprozess eingebracht und schließlich veröffentlicht werden.

          Qualitätssicherung kostet eben

          „Nature“, das weltweit führende Journal der naturwissenschaftlichen Forschung, beschäftigt beispielsweise ausschließlich professionelle Herausgeber, dazu ein paar Dutzend Redakteure, Leute für die Produktion, für die digitale Ausgabe und anderes. Das alles ist Teil des wissenschaftlichen Qualitätssicherungsprozesses, und auch wenn an diesem Prozess vieles schlecht läuft, ist noch niemandem etwas Besseres eingefallen, um dafür zu sorgen, dass weltweit doch ziemlich viele Forschungsarbeiten hoher Qualität veröffentlicht werden. Es ist ja nicht so, wie die Wissenschaft vielleicht auch manchmal gern glauben machen möchte, dass die Forschung schon von sich aus einfach fehlerfreie, neue und vor allem wichtige Erkenntnisse am Fließband produziert. Die möglichst unvoreingenommene strukturierte Kollegenkritik ist dafür enorm wichtig, und der Aufwand dafür liegt eben nicht nur bei den Kollegen aus anderen Instituten, die kritisieren, sondern bei den Journalen, die das organisieren. Ohne diese Arbeit würde zwar, vor allem online, unendlich viel veröffentlicht, aber kein Wissenschaftler hätte Lust, die Arbeit der Kollegen zu lesen, weil er fürchten würde, sich durch Ungereimtheiten, Fehler und Doppelungen oder Nebensächlichkeiten quälen zu müssen.

          Damit wird die wichtigste Funktion der Zeitschriftenverlage sichtbar: Sie sorgen dafür, dass sich die Forscher bei der Sichtung der Arbeit ihrer Kollegen auf das konzentrieren können, was weltweit oder auch lokal als das Wichtigste angesehen wird. Auch hier kann man sich nicht ganz sicher sein, ob das wirklich funktioniert; aber weitgehend scheint es so zu sein, dass das, was es in die anerkannten, führenden Journale schafft, eben auch gut, neu und wichtig ist. Deshalb brauchen die Wissenschaften diese Journale – und da es ihnen über die Jahrzehnte der modernen Forschung nicht gelungen ist, diese Journale als staatliche, öffentliche Einrichtungen einzurichten, haben private Verlage überhaupt die Macht, sich diese Ordnungs- und Sortierfunktion hoch bezahlen zu lassen.

          Gäbe es Alternativen? Natürlich sind Journale als öffentlich-rechtliche Körperschaften denkbar, die aus steuerlichen Etats für Forschung finanziert werden, unabhängig von den einzelnen Universitäten und Instituten. Da sind vor vielen Jahrzehnten, als die großen Wissenschaftsjournale entstanden, allerdings die Weichen falsch gestellt worden. Bis solche Journale die Reputation führender Wissenschaftsverlage aufgebaut haben, die international anerkannt wären, vergehen Jahrzehnte.

          Aber da nützt alles Jammern nichts: Wer will, dass staatlich finanzierte Forschung kostenlos allen frei zugänglich ist, die sich dafür interessieren, muss ein völlig neues System aufbauen, das leistet, was die Verlage heute tun: Qualität sichern und nachvollziehbar Reputation ermöglichen. Das geht vermutlich kostengünstiger, als es Privatverlage wie Springer, Elsevier und Wiley machen; aber mit einer offenen Plattform für freies Publizieren ist es eben nicht getan. Da wäre ein abgestimmtes Vorgehen nötig, und das ist mehr, als einen Deal mit großen Verlagen auszuhandeln.

          Der Autor ist Philosoph und Unternehmer.

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