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Distance Learning an Unis : Vielleicht werden wir sogar zweimal geschlossen

Valerie Köbele-Ennaji Bild: privat

An der Elitehochschule ENA in Straßburg wird seit Mitte März nur noch online unterrichtet. Was können deutsche Unis von den ersten Erfahrungen lernen? Eine Studentin berichtet.

          3 Min.

          Sie studieren an der ENA, der nationalen Hochschule für Verwaltung in Straßburg, und befinden sich gerade mitten im Semester. Wie traf Sie die Corona-Krise?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Valerie Köbele-Ennaji: Überraschend. Ich studiere ein verkürztes ENA-Programm für Ausländer. Wir haben letzten September begonnen, hatten dann einen Einführungsmonat und waren anschließend drei Monate im Praktikum. Am 13. März wurde uns vom Leiter der Unterrichtsabteilung in einem Hörsaal mitgeteilt, dass die Hochschule von Samstagmittag an geschlossen wird und wir von da an Unterricht von zu Hause aus haben werden. Wir durften dann aus der hauseigenen Bibliothek noch Bücher in unbegrenzter Zahl ausleihen. Am Wochenende wurden wir umfassend davon unterrichtet, wie es weitergehen wird. Ich habe mich dann entschieden, nach Berlin zu meinem Mann zu reisen.

          Wie schnell konnte das Präsenzstudium in Straßburg auf ein Online-Studium umgestellt werden?

          Ich finde, überraschend schnell. Wie versprochen bekamen wir am folgenden Montag die ersten Links, die zu digitalen Lehrveranstaltungen führten. Mein erster Kurs fand am Montagnachmittag wie geplant statt.

          Wie sieht das Online-Studium nun aus bei Ihnen? Den meisten deutschen Studenten steht es ja noch bevor.

          Alle unsere Veranstaltungen werden über ein Programm namens Classilio organisiert, das man über eine Via genannte App bedient. Im ersten Online-Kurs hörte ich nur die Stimme der Lehrkraft, die von zu Hause aus ihren Vortrag gehalten hat. In der Pause, das war ganz witzig, hatte sie offenbar das Mikrofon nicht abgestellt und unterhielt sich mit ihrem Sohn über Netflix. Diese Dozentin schreibt im Unterricht sehr viel an die Tafel, das hat sie nun in einen Chat verlagert. Für uns war das semigut. Wenn man nur den Ton zur Verfügung hat, der wegen überforderter Server auch manchmal hängt, bekommt man in einer Fremdsprache nicht alles mit. Wir hoffen, dass wir in Zukunft einen Ablaufplan der jeweiligen Veranstaltung bekommen, so dass man leicht wieder den verlorenen Faden findet. Am Morgen darauf hatte ich den nächsten planmäßigen Unterricht, einen Sprachkurs. Der hat mich sehr positiv überrascht, er hat online hervorragend funktioniert. Classilio kann auch Bild und Stimme übertragen, so kann man das Wort ergreifen, sich per Handzeichen melden und eine Art Whiteboard benutzen, auf dem auch Lerninhalte eingeblendet werden können. Im Grunde kann man sich das Ganze wie eine erweiterte Skype-Konferenz vorstellen.

          Die ENA in Straßburg

          Was fehlte Ihnen?

          Solch ein reiner Online-Unterricht ist für die ENA schon eine Herausforderung, weil der Ansatz betont praktisch ist. So kann zum Beispiel der Sportunterricht nicht mehr stattfinden, der zu unserer Ausbildung gehört.

          Tatsächlich?

          Ja, wir müssen alle eine Sportart betreiben, in der wir dann auch bewertet werden. Und in die Ausbildung der Franzosen ist eine Art Freiwilligendienst integriert, der ebenfalls gestrichen wurde. Auch die Podiumsdiskussionen mit Experten und Fragen aus dem Publikum lassen sich nur schwer umsetzen. Und was wird aus den praktischen Seminaren, die oft in Form von Rollenspielen stattfinden?

          Gibt es etwas, das Ihnen am Online-Studium sogar besser gefällt?

          Es ist angenehm, dass die Transportwege wegfallen. Viele Kurse könnten aus meiner Sicht mit dem entsprechenden Begleitmaterial sehr gut funktionieren. Und man wird vielleicht sogar aufmerksamer gegenüber den Kommilitonen: Geht es allen gut, können alle folgen?

          Wie wird man Studentin an der ENA?

          Ich habe nach einem Studium der Islamwissenschaften als Migrations-Expertin fast fünf Jahre lang im Bundestag als Wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet. Da ich künftig gerne international arbeiten möchte, kam mir die Ausschreibung der ENA gerade recht. In der Bewerbungsphase verfasst man ein Motivationsschreiben und schreibt eine vierstündige Klausur, auf Französisch. Hat man bestanden, wird man zu einer großen mündlichen Prüfung eingeladen.

          Müssen Sie irgendwelche finanziellen Einbußen fürchten?

          Nein. Mein Studium finanziere ich über ein DAAD-Stipendium, das man nach der ENA-Zulassung automatisch bekommt. Die Förderung läuft nach jetzigem Stand weiter.

          Fürchten Sie, dass Ihre Prüfungen unter den Umständen leiden?

          Diese Frage wird bei uns derzeit heiß diskutiert. Inwieweit wird sich bei den Prüfungen das übliche Niveau halten lassen? Für bestimmte prüfungsrelevante Projekte enthalten wir zum Beispiel Absagen von wichtigen Gesprächspartnern. Und die Franzosen fragen sich vor diesem Hintergrund, wie fair das sogenannte Classement, das Schlussranking, ausfallen wird. Denn die besten fünfzehn dürfen auf die besten Stellen der öffentlichen Verwaltung zuerst zugreifen.

          Wie blicken Sie in die nahe Zukunft?

          Tatsächlich befinden wir uns momentan in einer schwierigen Phase, da gerade darüber diskutiert wird, ob die ENA geschlossen wird. Macron hatte das ja während der „Gelbwesten“-Proteste im letzten Jahr angekündigt. Jetzt witzeln wir im Jahrgang darüber, dass wir möglicherweise die Einzigen sind, die gleich zweimal erleben müssen, dass die ENA geschlossen wird.

          Rechnen Sie damit, in der öffentlichen Verwaltung künftig vermehrt mit Krisen zu tun zu haben?

          Ich persönlich ja. Es ist zwar schwierig, einen generationenübergreifenden Vergleich zu ziehen, aber wenn wir allein auf den Klimawandel und die damit verbundenen Naturkatastrophen schauen, gehe ich davon aus, dass viele meiner Kollegen mit den Folgen beruflich verstärkt zu tun haben werden. Wir sind so gut wie alle Angehörige des öffentlichen Dienstes, die meisten sind Beamte. Viele von uns werden genau dafür ausgebildet: Krisenmanagement im staatlichen Bereich.

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus.

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