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Online-Uni : Mein Professor, der Avatar

Am Tisch mit Lauritz Lipp: ein Treffen in der virtuellen Hochschule Bild: Screenshot

Eine private Hochschule hat ihren Campus in einer virtuellen Welt nachgebaut. So sollen sich die Studierenden endlich wieder begegnen können. Über ein Experiment, das erstaunlich vielversprechend ist.

          3 Min.

          Wenn Professor Lauritz Lipp ein Gespräch unter vier Augen in entspannter Atmosphäre führen will, steigt er ins Motorboot. Es brummt sanft, die Sonne scheint, Regen gibt es nicht auf dem Virbela-Campus. Dafür eine winzige Insel mit hohen Klippen und immergrünem Rasen. „Wir hätten auch unsere eigene Außenumgebung konfigurieren lassen können, aber das geht nur gegen Aufpreis“, sagt der Professor.

          Sarah Obertreis
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Lipp lehrt Kommunikationsdesign an der privaten University of Europe for Applied Scienes (UE). Heute gibt er eine Tour durch sein neuestes Projekt: den virtuellen Campus der Hochschule. Zehn Wochen ist er alt. Trotzdem sieht hier alles ein bisschen aus wie bei den „Sims“, nur weniger modern. Lipp entschuldigt sich für die „ungelenke“ Grafik. So funktioniere der virtuelle Campus immerhin auch auf zehn Jahre alten Computern.

          Ayla Hentges, eine 26 Jahre alte Studentin von Lipp, hat sich am noch unbesetzten Empfang niedergelassen. Ihr Avatar trägt einen schwarzen Oversize-Blazer und eine weinrote Bluse. Lipp hat sich für eine Baseballcap, einen gelben Cardigan und weiße Anzugschuhe entschieden. Sein Avatar tritt an den Tresen, die Sprechblase über seinem Kopf blinkt, er spielt einen verirrten Studenten: „Hallo, könnten Sie mir bitte sagen, wo das Office of International Affairs ist.“ – „Äh“, antwortet Hentges.

          Kein bloßes Corona-Projekt

          Sie und ihre Kommilitonen kennen sich noch nicht so richtig aus in den fast 40 Räumen. Egal, Lipp findet auch so den Weg, er hat den virtuellen Campus mit all seinen Sitzgelegenheiten, Postern und Bücherwänden schließlich selbst mit eingerichtet. Die Schritte seines Avatars hallen durch die Flure, die Gespräche von Umstehenden dringen durch die Laptop-Lautsprecher. Wenn jemand vergisst, auf den Knopf zu drücken, der die Tür eines Seminarraums schließt, hört man im Vorbeigehen auch die Dozenten. „Das finde ich gerade das Interessante an dieser Welt“, sagt Lipp, „es gibt nicht zu viele Sicherungsmöglichkeiten.“ Das bedeutet aber auch: Kommt der Avatar eines Studierenden zu spät in die Vorlesung, sieht Lipp das direkt und kann ihn ermahnen. Tuscheln in Vorlesungen geht gar nicht – das hören dann alle.

          An der virtuellen Wand des International Office stehen die Semesterzeiten auf bunten Post-Its, die Tür ist zu. Da findet tatsächlich gerade ein Beratungsgespräch statt, stellt Lipp zufrieden fest. Hinter der Glastür stehen die Avatare der Uni-Mitarbeiterin und des Studenten.

          Der virtuelle Campus ist kein bloßes Corona-Projekt, er soll der UE langfristig dabei helfen, ihre Studierenden zusammenzubringen, die eigentlich an den echten Standorten in Berlin, Hamburg, Iserlohn und Potsdam zur Uni gehen. Ihre Avatare können nun nicht nur gemeinsam in Vorlesungen sitzen, sie haben in den vergangenen Wochen auch schon Karaoke gesungen, und in einem Seminarraum haben Hentges und ihre Kommilitonen ein Drei-Fragezeichen-Hörbuch-Quiz eingerichtet, bei dem jeder mitspielen kann, der gerade vorbeikommt. „Uns ist es wichtig, auch zufällige Treffen wieder zu fördern“, sagt Lipp. Über Zoom und Teams – das haben alle im vergangenen Jahr gespürt – funktioniert das nicht.

          „Die Luft ist gleich eine ganz andere hier“

          Auf dem virtuellen Campus können bis zu 200 der insgesamt fast 3000 Studierenden an der UE gleichzeitig an Vorlesungen teilnehmen. Während Lipps Avatar doziert, kann der Professor Folien an die Wände im virtuellen Audimax werfen oder sich selbst als Videobild. Wird es zu voll im Saal, klicken die Studierenden oder Lipp die Möbel weg – oder die Avatare stapeln sich einfach ineinander, Platzangst kennen sie schließlich nicht.

          Virbela – das Unternehmen, das diese Welt konzipiert hat, wurde vor zwanzig Jahren in Kalifornien von einem Verhaltenspsychologen gegründet. Alex Howland hatte in seinen Forschungen festgestellt, dass es kaum einen Unterschied macht, ob Menschen in einer simulierten Umgebung lernen oder in einer echten mit direktem Kontakt zu anderen. Das Gelernte blieb ähnlich gut oder schlecht hängen.

          Deswegen verspricht sich nun auch die UE, dass ihre Studierenden auf dem Virbela-Campus besser lernen als über Zoom-Vorlesungen. „In den Videokonferenzen ähneln sich die Situationen, aber hier kann man sich an bestimmte Räume und die Kleidung der anderen erinnern“, sagt Lipp. Sein weiß beschuhter Avatar geht auf einen der Computertische in den breiten Fluren zu. Hier zeigen die Studierenden ihre Abschlussarbeiten. Gerade läuft ein Videoporträt über eine junge Illustratorin.

          Es habe lange gedauert, sagt Lipp, bis sie ein geeignetes Programm gefunden hatten. Die meisten seien viel zu teuer gewesen für eine Hochschule – 200 000 oder 300 000 Euro – , aber die Software von Virbela ist bezahlbar, und Lipp plaudert gerne mit den Angestellten am Eingang, die – wie sie immer wieder versichern – wirklich keine Bots sind. „Ah“, sagt Lipp, als er direkt aus der Student’s Lounge an den Bootssteg hüpft. „Die Luft ist gleich eine ganz andere hier.“

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