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Hybrid-Lehre im Wintersemester : Sehnsucht nach dem Sozialen

  • -Aktualisiert am

Sehnsucht nach dem Sozialen

Natürlich gibt es Fächer, die sich kaum digital lehren lassen. Kommunikation allein kann die Interaktion nicht ersetzen, die etwa ein Schauspielschüler braucht, ein Musikstudent oder jemand, der im Labor die Praxis des Pipettierens lernen soll. Es ist eigentlich trivial, aber Studieren ist doch mehr als Lesen und Schreiben. Es ist Unterweisung, es ist Korrektur in Echtzeit durch einen Anwesenden, es ist Körperlichkeit und viel Praxis. Im intellektualistischen Furor der Digitalisierung ist dieser Vorrang der akademischen Sozialisation vor der Kommunikation ein wenig vergessen worden.

Dass die Sehnsucht nach dem Sozialen in diesen Umfragen eher in den Bereich des Nichtakademischen neigt, ist völlig nachvollziehbar. Wenn Fitnessstudios wieder offen sind, warum sollten dann Mensen und Campus-Cafés geschlossen bleiben? Das Campusleben werde durch die Digitalisierung natürlich nicht ersetzt, beklagt der Stifterverband. Darum sei die „Zufriedenheit mit der Lernerfahrung“ im Vergleich zum Wintersemester davor von 85 Prozent auf einen Anteil von 51 Prozent im Sommersemester gesunken. Auch hier fehle das Sozialleben, häuften sich Konzentrations- und Motivationsprobleme zu Hause.

Bemerkenswerter sind aber andere Befunde der beiden Studien. Die Digitalisierung der Lehre deckt Schwächen der heutigen Studenten auf. Was von diesen vor allem vermisst wird, sind anscheinend die schulischen Anteile des Studiums. Als schwierig werden nämlich die „Selbstorganisation und eigenverantwortliche Zeitplanung sowie die Fähigkeit zum eigenständigen Lernen“ betrachtet. „Studierenden“, bemerkt die Hildesheimer Studie spitz, „wird – in Abgrenzung zu Schülern – zugeschrieben, eigenverantwortlich und selbständig ihren Bildungsprozess zu gestalten und ihr Studium bewältigen zu können.“

Offensichtlich kommen nicht alle mit dieser Zuschreibung zurecht. Es ist ein Kompetenzmangel, der ältere Gründe hat. Die Studie des Stifterverbandes, die sich in diesem Befund mit den Hildesheimern einig ist, präsentiert auch gleich den Schuldigen: „Insgesamt“ zeige das Sommersemester, dass digitale Formate „eigenständiges Lernen und bessere Selbstorganisation voraussetzen – Fähigkeiten, die nach Ansicht einiger seit der Bologna-Reform nicht mehr so stark gefordert wurden“.

Digitalisiertes Sozialleben?

Die Herausforderungen der Hochschul-Digitalisierung ähneln also zumindest in der Lehre eher denen der Schulen – was angesichts der steten Verjüngung der Erstsemester auch nicht überraschen sollte. Man muss also dem Senat der Hochschulrektorenkonferenz an dieser Stelle widersprechen. Der hat im Juli zur Corona-Krise erklärt, Vergleiche der Hochschulen mit den Schulen „gingen hier völlig fehl“, da die „Selbstorganisations- und Selbstlernfähigkeit“ von Studenten ungleich höher seien. Das gilt vielleicht für Teile der Studenten, aber mit Sicherheit nicht für alle.

Einig sind sich die beiden Studien trotzdem darin, dass auch ungeachtet der Pandemie der Trend zu einer stark digitalisierten Hochschullandschaft nicht mehr umkehrbar sein dürfte. Der Stifterverband sieht das eigentliche Defizit darum gar nicht bei der Digitalisierung der Lehre, sondern des Sozialen. Es brauchte mehr digitale „Formate zur Stärkung der sozialen Interaktion zwischen Studierenden“, um die Lernerfahrung zu verbessern. Lernen ließe sich das schließlich von den Unternehmen, die während der Corona-Krise hier wegweisende Experimente gestartet hätten. Allen Ernstes empfiehlt der Verband hier „digitales Speed-Dating“ als Pandemie-adäquates „Sozialformat“ insbesondere für Erstsemester und Austauschstudenten.

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