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Öffnungspläne an Unis : Weg vom Opfer der Pandemie

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Universitäten müssen wieder zum Ort der Begegnung, zum physischen Marktplatz für Ideen werden. Bild: dpa

Eigentlich müssten sich die Universitäten an die Spitze einer überlegten und durchdachten Öffnungsbewegung stellen. Doch es ist seltsam still um sie. Warum sich das ändern muss. Ein Gastbeitrag.

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          Universitäten drohen, zu einem Opfer der Corona-Pandemie zu werden, ohne dass die Gesellschaft davon Notiz nimmt. In allen anderen gesellschaftlichen Bereichen werden intensiv Öffnungskonzepte diskutiert und umgesetzt, während es um die Universitäten herum seltsam still ist. Es scheint fast so, dass viele Institutionen sich langsam an die Situation gewöhnen und ihr einiges abgewinnen.

          Dabei müssten sich die Universitäten eigentlich an die Spitze einer überlegten und durchdachten Öffnungsbewegung stellen. Nirgendwo sonst ist ein solches Wissenspotential vorhanden. Nirgendwo sonst können verantwortungsvolle Lehrer und Studenten zusammenwirken, um die Funktionsfähigkeit und Auswirkungen von Öffnungen zu testen, um daraus wissenschaftlich fundierte Schlüsse zu ziehen. Viele Mitglieder der Universitäten sind jung, aufgeschlossen für neue Technologien und Apps und an eine hohe Änderungsdynamik gewöhnt. Stattdessen freuen wir uns darüber, dass die Umstellung auf die Online-Lehre scheinbar so problemlos funktioniert hat. Debatten werden über die rechtlichen Voraussetzungen für Online-Prüfungen geführt. Auch das Homeoffice ist weitgehend als Dauerlösung akzeptiert. So wichtig der aktuelle Innovationsschub durch Online-Lehre und Videokonferenzen für die Hochschulen auch ist – es scheint fast so, als ob die Universitäten sich nicht mehr als Ort der Begegnung, als physischer Marktplatz für Ideen, als Impulsgeber für dauerhafte Netzwerke verstehen.

          Warum schreiten Hochschulen nicht mit einer vernünftigen Balance zwischen einer besonnenen Öffnungsstrategie und einem Einhalten hygienischer Standards zur Reduktion des Infektionsrisikos mutig voran? Anders als in den Vereinigten Staaten, wo Studenten sich wegen des nur noch online stattfindenden Studiengeschehens gegen die Bezahlung ihrer Studienbeiträge wehren, gibt es in Deutschland von Studenten keine Forderung nach einem Plan zur Rückkehr zur Präsenzuniversität. Die Hochschulrektorenkonferenz lobt zwar die pragmatische Umsetzung der Online-Lehre, schweigt aber zu einem möglichen Rückkehrplan. Das alles steht im Kontrast zu vielen Wirtschaftsverbänden, die für ganze Wirtschaftszweige Öffnungskonzepte vorgelegt haben. Selbst für Freibäder gibt es inzwischen detailliertere Überlegungen als für Universitäten.

          Hochschulen müssen eigenverantwortlich und offensiv eigene Öffnungskonzepte vorlegen. Sie haben zu Beginn der Krise gezeigt, dass sie mit den Anforderungen der digitalen Lehre deutlich besser als Schulen zurechtkommen. Sie müssen jetzt zeigen, dass sie den Weg zu einer neuen Kombination von Präsenz- und Digitallehre eigenverantwortlich gestalten können. Sogenannten Blended Learning Konzepten, also dem intelligenten Ineinandergreifen von Online-Angeboten und Präsenzlehre gehört die Zukunft. Die Corona-Krise könnte dafür ein Beschleuniger sein. Wenn die Hochschulen hier wieder ihre Vorreiterrolle einnehmen, profitiert letztlich die gesamte Gesellschaft.

          Gunther Friedl ist Dekan der TUM School of Management, der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Technischen Universität München, und Professor für Controlling.

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