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Neue Uni in Nürnberg : Exzellenz auf Fränkisch

So sehr Söders Modell-Uni begrüßt wird, es wird auch Kritik laut. Bild: dpa

Rund 1,2 Milliarden Euro sind für die zehnte staatliche bayerische Universität im Investitionsbudget festgehalten. Doch das Leuchtturmprojekt von Markus Söder zieht auch Kritik auf sich.

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          Bayerns Landesvater Markus Söder bekommt endlich seine Universität in seiner fränkischen Heimatstadt Nürnberg. Am 1. Januar wird die Technische Universität Nürnberg (TUN) gegründet, die für den CSU-Ministerpräsidenten des Freistaates ein Leuchtturmprojekt für die deutsche Hochschullandschaft sein und internationale Strahlkraft entfalten soll. Mit der Zustimmung hat der Bayerische Landtag abgesegnet, was im Sommer die Landesregierung auf den Weg gebracht hatte.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Vorrangig geht es nun darum, hochkarätiges Personal zu finden. Eigentlich sollte die TUN ihren Vollbetrieb erst im Jahr 2025 aufnehmen. Doch beginnt das Treiben – zumindest auf dem virtuellen Campus – deutlich früher. Schon 2021 soll es Online-Angebote geben und erste Forschungsaktivitäten aufgenommen werden. So bekommt das Prestigeprojekt des Freistaates und dessen Ministerpräsidenten die Chance, sich früh einen Namen zu machen. Exzellenzen sind dringend nötig, um eine internationale Elite-Uni mit Modellcharakter zu kreieren.

          Es kann gar nicht anspruchsvoll genug sein: Rund 1,2 Milliarden Euro sind für die zehnte staatliche bayerische Universität und die erste Neugründung einer Uni in Deutschland seit 25 Jahren im Investitionsbudget festgehalten. Zwischen 200 und 240 Professoren sollen einmal mit 1800 bis 2000 Mitarbeitern die TUN-Flagge in Bayern, Deutschland und im Ausland hochhalten. Mit 5000 bis 6000 Studierenden ergibt sich ein für heutige Verhältnisse traumhaftes Betreuungsverhältnis von einer Professorin beziehungsweise einem Professor zu 25 Studierenden. Dementsprechend aufwendig ist der Betrieb mit einem jährlichen Etat von veranschlagten 240 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die TU München verfügt mit mehr als 43.000 Studenten über ein Budget von 560 Millionen Euro.

          Fachübergreifender Ansatz

          Der langjährige ehemalige Präsident der TU München, Wolfgang Herrmann, ist Leiter der 16-köpfigen Strukturkommission für die TUN und hat das Konzept maßgeblich entwickelt. Der noch zu bauende Campus im Süden Nürnbergs soll einen internationalen Lehrkörper beheimaten: Ein Drittel der Professoren soll aus dem Ausland kommen; im Bundesdurchschnitt sind es 6 Prozent. Unter den Studierenden ist ein Ausländeranteil von 40 Prozent vorgesehen statt der sonst in Deutschland üblichen 10 Prozent. Die Unterrichtssprache ist Englisch.

          Die ersten Masterstudiengänge sollen im Wintersemester 2023/2024 beginnen. Eine Besonderheit der TUN ist das Fehlen der klassischen Fakultäten. Die Uni verfolgt den fachübergreifenden Ansatz, in dem Technik-, Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften gleichermaßen einen Stellenwert haben. Die Rede ist von „interdisziplinären Forschungsdepartments“, die die Bereiche Mechatronic, Engineering, Quantum Engineering, Biological Engineering, Computer Science and Engineering, Humanities and Social Sciences, Natural Sciences und Mathematics abdecken.

          So sehr Söders Modell-Uni begrüßt wird, ohne Kritik geht es nicht. Warum ein derartig teures Prestigeprojekt in einer Region errichten, die schon gut versorgt ist? Die benachbarte Technische Hochschule Nürnberg mit rund 13.000 Studierenden gehört zu den 20 größten Fachhochschulen in Deutschland und ist eine ähnlich ausgerichtete Einrichtung. Auch die in Erlangen und Nürnberg angesiedelte Friedrich-Alexander-Universität (FAU) mit 40.000 Studenten muss Überschneidungen mit der TUN befürchten – wenn nicht gar eine aufkeimende Rivalität.

          Verena Osgyan, hochschulpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Grüne und stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, äußerte unlängst die Sorge, dass die FAU gegenüber der TUN zu kurz kommen könnte. Mehr noch: Die bestehenden Hochschulen in Bayern würden einen Investitionsstau von 5 Milliarden Euro vor sich herschieben. „Da nützen die ganzen Leuchttürme nichts, wenn andernorts überall Schiffe zerschellen“, sagt sie. Bei der Abstimmung im Landtag vor einer Woche haben sich die Grünen der Stimme enthalten.

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