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Nebenjobs in der Krise : Plötzlich selbständig

  • -Aktualisiert am

Der 20 Jahre alte Abiturient Jiro Yoshioka komponiert schon vor seinem ersten Tag an der Uni Filmmusik für Kunden auf der ganzen Welt. Bild: Fiverr

Während Corona haben viele Studierende ihre Nebenjobs verloren. Aber es gibt auch noch jetzt Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Einige davon sind online und kontaktlos – jedoch nicht ganz ohne Haken.

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          Kira von Bredow hatte eigentlich während ihres ganzen Studiums gearbeitet, entweder als Werkstudentin oder in Minijobs – schon früh berufliche Erfahrung zu sammeln ist der 23-Jährigen wichtig. Inzwischen ist sie fertig mit ihrem Bachelor in Internationalem Management in Karlsruhe. Eigentlich wollte sie die Zeit vor Beginn des Masters nutzen, um eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin zu machen. „Corona hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt sie.

          So wie von Bredow geht es zurzeit vielen Studierenden. Praktika, Auslandsreisen, Weiterbildungen – ein Großteil davon wurde abgesagt. Aber auch die Nebenjobs fallen häufig weg: Laut einer repräsentativen Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob im Mai haben 40 Prozent der Studierenden ihre Arbeit durch die Krise verloren. Da viele nur geringfügig beschäftigt sind, haben die meisten keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Weil sie Studierende sind, bekommen sie auch kein Arbeitslosengeld.

          Normalerweise arbeiten gut zwei Drittel aller Studierenden laut einer Erhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2017 neben dem Studium. Für viele ist der Wegfall des Jobs jetzt ein großes Problem, denn 59 Prozent der arbeitenden Studenten bestreiten mit ihrem Gehalt ihren Lebensunterhalt. Da Studierende häufig kaum Rücklagen haben, wird der Wegfall von Einnahmen schnell zum Problem.

          Ein Motivationsschreiben für unter zehn Euro

          Eckhard Köhn, Geschäftsführer der Jobbörsen Jobmensa und Studitemps, die sich speziell an Studierende richten, sieht den Rückgang an Studierendenjobs auch. Gleichzeitig beobachtete er im März und April, dass die Bewerbungen für Zeitarbeitsplätze für Studierende um knapp 80 Prozent gestiegen sind.

          Gerade Einzel- und Online-Handel profitierten zumindest anfangs stark von der Krise, zuerst überkompensierte das sogar die Arbeitsplätze, die wegfielen. „Die meistens Jobs sind jetzt auch vernünftig vergütet“, sagt er. „Die Kunden konnten die Preise nicht drücken. Im Gegenteil, die Stundenlöhne sind eher gestiegen.“ Jetzt in der Krise lägen die im Schnitt bei 11,58 Euro.

          In einen solch überfüllten Markt wollte sich Kira von Bredow trotzdem lieber nicht werfen. Stattdessen versuchte sie etwas anderes und eröffnete ein Profil bei Fiverr. Die Plattform erlaubt es, digitale Dienstleistungen an Kunden weltweit zu vermitteln. „Als Erstes ist es mir schwergefallen, zu entscheiden, was ich überhaupt anbieten kann“, erzählt von Bredow. Sie entschied sich für das aus ihrer Sicht Naheliegendste: Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie im Studium gelernt hatte, wie Konkurrenz- oder Wettbewerbsanalysen.

          „Das ist wirklich breit gefächert“

          „Am Anfang bekam ich direkt einen Auftrag und dann erst mal nichts mehr“, beschreibt von Bredow ihre Erfahrungen. Sie passte ihre Angebote dann noch etwas an und bietet jetzt vor allem virtuelle Assistenz an – das laufe deutlich besser als ihre anderen Vorschläge. Als virtuelle Assistenz formuliert sie dann Texte mal für Social Media, mal für Websites oder erledigt Anrufe für ihre Auftraggeber. „Das ist wirklich breit gefächert“, sagt von Bredow: Mal brauchen Auftraggeber nur bei einer bestimmten Sache Unterstützung, mal arbeitet sie länger mit ihnen zusammen.

          Die 23 Jahre alt Studentin Kira von Bredow arbeitet als selbständige Assistentin.
          Die 23 Jahre alt Studentin Kira von Bredow arbeitet als selbständige Assistentin. : Bild: Fiverr

          Etwa die Hälfte ihrer Kunden kommt aus Deutschland, die andere ist international verteilt. Seit zwei Monaten arbeitet von Bredow nun selbständig von zu Hause und ist sehr zufrieden. Gerade in Zeiten von Kontaktbeschränkungen sind das gute Voraussetzungen. Die Arbeitszeit hat sich auf ungefähr 20 Stunden pro Woche eingependelt, die kann sie sich selbst einteilen, so dass von Bredow nebenher noch flexibel Dinge für die Uni erledigen kann. „Ich habe das alles in der Hand, wenn es zu viel wird, kann ich auch Aufträge ablehnen“, erklärt sie.

          Um bei Fiverr Geld verdienen zu können, muss man aber nicht zwangsläufig studieren. Jiro Yoshioka ist gerade noch dabei, die Schule abzuschließen, und auch schon auf der Plattform unterwegs. „Ein guter Freund hat mich auf die Idee dazu gebracht“, erzählt der Abiturient. Yoshioka ist 20 Jahre alt und spielt seit dem Kleinkindalter Cello. Er bietet auf der Plattform an, die Hintergrundmusik zum Beispiel für Spiele oder Filme zu produzieren.

          Alles rund um Online-Handel gefragt

          Dafür spielt er dann die Melodie, nimmt sie auf, mischt je nach Anforderung noch mehrere Spuren und schickt die Dateien dann digital an seine Kunden. Nach dem Abi will er Komposition für Filmmusik studieren, nächsten Monat veröffentlicht er außerdem sein erstes Album. Die Online-Aufträge helfen ihm dabei, schon mal Erfahrung dafür zu sammeln. „So kann ich jetzt schon ein bisschen mein Hobby zum Beruf machen und damit Geld verdienen“, sagt er.

          Peggy de Lange, Vizedirektorin für internationale Expansion bei Fiverr, ist überzeugt, dass ihre Plattform gerade in diesen Krisenzeiten ideal für Studierende ist. „Man kann sehr gut Erfahrungen sammeln“, erzählt sie. „Außerdem kann man sehr leicht anfangen und direkt von zu Hause arbeiten.“ Hinzu komme, dass die Nutzer ein sehr breites Publikum erreichten: Fiverr ist in 160 Ländern aktiv. Aber auch die Plattform hat durch die Krise eine Verschiebung von Angebot und Nachfrage erlebt.

          Während in den ersten Wochen vor allem Angebote nach persönlicher Weiterentwicklung eine hohe Nachfrage hatten, sei nun alles gefragt, bei dem es um Online-Handel geht. Grundsätzlich habe das Unternehmen aber von der Krise profitiert, es seien deutlich mehr Dienstleistungen gebucht worden als zuvor.

          Geringe Löhne über Fiverr?

          Plattformen wie Fiverr, bei denen Menschen ihre digitalen Dienstleistungen weltweit online zur Verfügung stellen können, gibt es unterschiedliche. Einer der größten Kritikpunkte sind die niedrigen Löhne: In der Vergangenheit war auch Fiverr häufig in die Kritik geraten, weil die Plattform Leistung zu Dumpingpreisen anbieten würde. Von Bredow und Yoshioka betonen zwar, dass sie gut verdienen, aber auch ihre Preise scheinen im ersten Moment unglaublich niedrig: Für unter zehn Euro bietet von Bredow an, ein Motivationsschreiben mit bis zu 500 Wörtern zu überarbeiten, von Yoshioka bekommt man zum selben Preis eine Cellomelodie bis 20 Sekunden.

          Nadine Luck, Autorin des Buchs „Selbständig in Teilzeit“, findet es nicht grundsätzlich schlecht, die eigene Arbeit erst mal über Plattformen zu vermarkten. „Der Einstieg dort ist sehr leicht, und man kann schnell erste Erfahrungen sammeln“, ordnet sie ein. Allerdings müsse man bedenken, dass es dort durchaus vorkomme, dass man mit seinem Stundenlohn unter Mindestlohnniveau bleibe. „Niemand sollte seine Arbeit so geringschätzen“, sagt sie dazu. Darum sollte man nicht dauerhaft auf diese Art von Plattformen setzen und sich außerhalb einen Kundenstamm aufbauen.

          Viele Studierende wollen in der Krise Vollzeit arbeiten

          Grundsätzlich hält sie es aber für sinnvoll, schon so früh in eine mögliche Selbständigkeit einzusteigen. „Im Studium ist man häufig noch nicht darauf angewiesen, mit einer Selbständigkeit den Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie. Zusammen mit geringeren Lebenshaltungskosten sei das eine gute Zeit, um Dinge auszuprobieren. Man könne dann Schritt für Schritt lernen, mit den Herausforderungen umzugehen, und sei nicht vollkommen darauf angewiesen, dass alles klappe.

          „Für einige Studierende kann das natürlich auch eine Doppelbelastung sein“, gibt sie zu bedenken. Auch jetzt während Corona hält sie es nicht für unmöglich, sich ein eigenes Projekt aufzubauen. „Es braucht vor allem Mut, für die eigenen Ideen einzustehen, Kreativität und Durchhaltevermögen“, meint sie. Hinzu komme immer auch ein gewisser bürokratischer Aufwand.

          Eckhardt Köhn von der Jobmensa glaubt nicht, dass sich der Arbeitsmarkt so schnell entspannt. Während auf seiner Plattform normalerweise rund 8000 offene Stellen ausgeschrieben sind, sind es gerade nur noch 6500. Manche Branchen wie der Tourismus oder die Gastronomie lägen noch fast ganz still. Dass Studierende nicht wirklich fehlende Erntehelfer ersetzen können, war Köhn von Anfang an klar: Da passe zum einen oft der Lohn nicht, außerdem suchten Studierende eher Jobs in großen Städten, die gut erreichbar sind – landwirtschaftliche Betriebe, zu denen man häufig nur mit dem Auto kommt, gehören nicht dazu.

          „Es liegt in meiner Hand, wann ich wie viel arbeite“

          „Neben dem zurückgegangenen Angebot an Jobs können wir bei vielen Studierenden in Anstellung einen Vollzeiteffekt beobachten“, erzählt Köhn. Weil die Studierenden nur Online-Vorlesungen haben und viele damit nicht im gleichen Maß ausgelastet sind wie normalerweise, wollen sie deutlich mehr arbeiten – ein Effekt, der sonst hauptsächlich in den Semesterferien vorkommt.

          Aber obwohl es für viele Studierende schwierig ist, gerade einen Job zu finden, gibt es Branchen, die noch immer stark nachgefragt werden: Köhn sieht das vor allem in der Logistik, aber auch im Lebensmitteleinzelhandel werden weiterhin zusätzliche Arbeitskräfte benötigt. „Der ganze IT-Bereich wird außerdem noch gefragter“, meint er. Technikaffine Studierende können demnach also sogar von der Krise profitieren.

          Auch wenn ihr Master in Management bald beginnt, möchte Kira von Bredow gerne weiter online Dienstleistungen anbieten. Sie schätzt das konstruktive Feedback von ihren Kunden und dass die Arbeit meist spannend sei, sie in vielen der Projekte etwas lerne und sich weiterentwickeln könne. Der größte Vorteil ist für sie aber die volle Flexibilität: „Das ist gut mit allem kombinierbar, und es liegt in meiner Hand, wann ich wie viel arbeite“, erzählt sie.

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