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Klimafreundlicher Campus : Grüne Zeiten für Hochschulen

  • -Aktualisiert am

Ein „Recup“-Mehrwegbecher wird im Café befüllt. Bild: dpa

Mit einem Pfandsystem für Kaffeebecher ist es nicht getan: Viele Unis wollen nachhaltiger werden – aber nur wenige schaffen es.

          5 Min.

          Gegen Coffee-to-go-Becher kämpft die Leuphana Universität in Lüneburg schon seit sieben Jahren. Seitdem gibt es auf dem Campus die sogenannte „Keep Cup“, einen Plastikbecher aus recyceltem Kunststoff, um große Müllmengen durch Wegwerfbecher zu vermeiden. Damit die Studierenden ihren Mehrwegbecher aber nicht ständig mit sich herumtragen müssen, will die Hochschule im kommenden Jahr mit „Recup“ ein in vielen Städten schon etabliertes Pfandsystem einführen. Die Idee: Benutzte Trinkgefäße können einfach in den Cafés und Mensen zurückgegeben werden; dort werden sie gereinigt und wieder in Umlauf gebracht. Bis zu 500 Mal kann ein solcher Plastikbecher befüllt werden, danach wird er recycelt. Das System soll in ganz Lüneburg ausgerollt werden.

          Das Pfandsystem für Kaffeebecher ist das neueste Vorhaben in einer etablierten Nachhaltigkeitskultur an der Leuphana – die Hochschule ist die nach eigenen Angaben erste klimaneutrale Universität der Welt. Für diesen Titel berücksichtigt die Hochschule alle Bereiche, die den Energieverbrauch beeinflussen: Auf dem Campus sorgen zehn Photovoltaik-Anlagen für grünen Strom, die Architektur des Zentralgebäudes ermöglicht höchste Energieeffizienz, und Dienstreisen werden weitestgehend vermieden. Angestoßen wurde die grüne Bewegung an der Uni schon in den frühen neunziger Jahren als Folge des Brundtland-Berichts, den die Vereinten Nationen 1987 formuliert haben. Darin heißt es: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Auf Basis dieser Definition haben die Vereinten Nationen im Jahr 2015 dann 17 globale Nachhaltigkeitsziele formuliert, die bis 2030 umgesetzt werden sollen – darunter der Kampf gegen Armut und Hunger, die Rettung der Landschaften und Meere sowie die Gleichberechtigung aller Menschen.

          Erstmal kleine Schritte

          Im Herbst des vergangenen Jahres hat sich auch die Hochschulrektorenkonferenz für eine Kultur der Nachhaltigkeit ausgesprochen. Der Zusammenschluss von 268 deutschen Hochschulen empfiehlt allen Universitäten, das Thema Nachhaltigkeit zu einem festen Bestandteil ihrer Institution zu machen – nicht nur in Lehre und Forschung, sondern auch im Betrieb. Die Leuphana gilt unter den deutschen Hochschulen als Vorreiter. „Ein klimafreundlicher Campus ist schon für unsere Glaubwürdigkeit extrem wichtig. Was wir die Studenten lehren, müssen wir auch leben“, erklärt Irmhild Brüggen. Sie ist Beauftragte für Nachhaltigkeit und interne Weiterbildung an der Leuphana und sieht die Universitäten in einer gesellschaftlichen Verantwortung: „Wir bilden zukünftige Lehrer, Führungskräfte und Entscheider aus. Deshalb beschäftigt sich bei uns jeder mit Nachhaltigkeitsthemen – von der BWL-Studentin bis hin zum angehenden Juristen.“ Das Wissen in diesem Bereich sollen die Studierenden dann mit zu ihrem nächsten Arbeitsplatz nehmen.

          Schon im Jahr 2010 gründete die Hochschule die „Fakultät Nachhaltigkeit“. Dort belegen mittlerweile fast 1000 Studierende Fächer wie Umweltwissenschaften oder Nachhaltigkeitsrecht. An den anderen Fakultäten der Leuphana spielt Ökologie ebenfalls eine große Rolle: Um allen Studierenden schon zu Anfang das wichtigste Knowhow in Sachen Nachhaltigkeit mit auf den Weg zu geben, gibt es in Lüneburg das sogenannte Leuphana-Semester. Ganz unabhängig vom Studienfach lernen Erstsemester in Seminaren und Projektgruppen, wie sich Nachhaltigkeit im Alltag umsetzen lässt. Hochschulen, die auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit noch ganz am Anfang stehen, rät Nachhaltigkeitsbeauftragte Brüggen erst einmal zu kleinen Schritten: „Besonders im Energiebereich lässt sich unheimlich viel einsparen – auch monetär. Konkret heißt das erst mal: Licht aus, Heizung runter.“

          Vegane Kochkurse und Kleidertauschpartys

          Damit die Universitäten zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen können, wurde im Jahr 2016 das Netzwerk „HOCH-N“ ins Leben gerufen, das Nachhaltigkeit in alle Bereiche einer Hochschule bringen will – neben Forschung und Lehre also auch zum Beispiel in die Verwaltung. „HOCH-N“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und vom Kompetenzzentrum Nachhaltige Universität der Uni Hamburg koordiniert. „Um nachhaltige Entwicklung zu fördern, müssen die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zusammenarbeiten“, erklärt Projektleiterin Claudia Schmitt. Auch die verschiedenen Akteure an einer Hochschule – Studierende, Wissenschaftler, Lehrpersonen und Verwaltungsmitarbeiter – sollten bei Nachhaltigkeitsprojekten eingebunden werden. Ein Beispiel für ein solches interdisziplinäres Lern- und Forschungsprojekt ist die Planung eines Campusgartens. Schließlich stellen sich hierbei ganz unterschiedliche Fragen: Welche Pflanzen passen am besten zum Standort? Wie kann der Garten zu einem sozialen Treffpunkt werden? Und wie präsentiert man das Projekt nach außen, um möglichst viele Studierende anzusprechen?

          An der Universität zu Köln hapert es in der Umsetzung nachhaltiger Projekte häufig noch an den nötigen Strukturen. Mit fast 50 000 Studierenden gehört sie zu den größten Universitäten Deutschlands – trotzdem gibt es bisher keinen Nachhaltigkeitsbeauftragten und keine entsprechende Stabsstelle. „Wenn es um Nachhaltigkeit und Ökologie geht, ist die Uni als Institution meistens außen vor. Man weiß oft nicht, wer eigentlich für welchen Bereich zuständig ist“, erzählt Rosa Wolf. Sie ist 21 Jahre alt und studiert Volkswirtschaftslehre an der Uni Köln. Dort leitet sie das Asta-Referat für Ökologie und Infrastruktur. Ob veganer Kochkurs oder Kleidertausch-Party: Wolf will ihre Kommilitonen mit kleinen Aktionen abholen, „niederschwellige Projekte“ nennt sie das. Aber auch diese Projekte scheitern häufig an der Hürde der Bürokratie.

          „Langer Atem“ ist notwendig

          Wenn eine Universität klimafreundlich werden möchte, muss sie klare Strukturen schaffen. Das weiß auch Andreas Wanke, Leiter der Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Energie an der FU Berlin. „Es ist eine Frage der Organisation. Die Hochschule muss einen Ort finden, an dem sie die verschiedenen Aufgaben ansiedelt“, sagt er. Universitäten, deren Nachhaltigkeitsmanagement nur aus befristeten Stellen und Projekten besteht, könnten die Thematik nicht in ihren Strukturen verankern. Auch Wanke war anfangs nur befristet angestellt. Dann hat die Universität eingesehen, dass für das Thema Nachhaltigkeit ein langer Atem gefordert ist – und entfristete die Stelle. Mittlerweile beschäftigt die Stabsstelle ein Team von 15 Mitarbeitern.

          Wolf von der Universität zu Köln wünscht sich ebenfalls, dass sie in Zukunft vor allem langfristige Projekte auf die Beine stellen kann. Dauerhafte Zusammenarbeit sei an einer Universität besonders wichtig, da Hochschulen mit ihren Fakultäten und Instituten sehr dezentral organisiert sind. Die Ökologiereferentin merkt, dass der Wille der Universität eigentlich da ist: Als der Asta vor kurzem eine Aktionswoche für Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit organisierte, beteiligte sich das Kölner Studierendenwerk und verbannte einen Tag lang die Coffee-to-go-Becher aus allen Cafés und Mensen. Im Sommersemester 2019 gab es außerdem eine Ringvorlesung über globale Klimagerechtigkeit. Auch aus Wolfs Sicht tragen Universitäten eine gesellschaftliche Verantwortung für das Thema Ökologie. „Die Hochschule sollte ein Ort sein, an dem man Dinge ausprobieren kann“, sagt sie.

          Lebendige Labore

          Wissenschaftler nennen diese Orte gern „Living Labs“ (zu Deutsch: lebendige Labore). Sie dienen dazu, innovative Forschungsergebnisse im kleinen Rahmen praktisch umzusetzen. Ein Beispiel: An der TU Delft in den Niederlanden forschen Wissenschaftler und Studierende an nachhaltigen Mobilitätslösungen. Deshalb haben sie auf dem Campus Masten aufgestellt, die den Verkehr kontrollieren und aufzeichnen. Anhand dieser Daten testen sie in wenigen Monaten auf dem Universitätsgelände einen nachhaltigen Verkehrsbetrieb – mit autonomen Autos und Bussen sowie erweiterten Fahrradstraßen.

          An der Leuphana in Lüneburg steht schon das nächste große Projekt in den Startlöchern: der Campus als „Lebenswelt Hochschule“. Dabei spielt neben den ökologischen Aspekten vor allem die soziale Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. „Wir möchten Räume der Begegnungen schaffen, in denen sich die Studierenden auch außerhalb ihres Studiums austauschen können“, erklärt Nachhaltigkeitsbeauftragte Brüggen. Und auch die Gesundheit der Studierenden und Universitätsmitarbeiter soll in den Vordergrund rücken. Deshalb gibt es an der Lüneburger Universität seit einigen Monaten die „Gesunde Pause“, in der Studierende und Dozenten zwischen ihren Veranstaltungen zusammen Sport treiben können. Die Hochschule hält es schließlich wie die Vereinten Nationen: Nachhaltige Entwicklung dient dazu, eine bessere Zukunft für alle zu ermöglichen.

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