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Musikwissenschaftler : Die üben, bis sie vor Erschöpfung umfallen

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Der Weg ins Musikgeschäft ist schwer: Wer sein Instrument nicht perfekt beherrscht, hat keine Chance. Bild: Frank Röth

Musikwissenschaftler an Musikhochschulen haben es nicht leicht. Studenten glauben oft, dass allein die musikalische Fähigkeit zähle. In den neuen Ansprüchen des Arbeitsmarkts an den Musiker steckt aber auch eine Chance.

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          Der Prüfling schaut auf seine Schuhspitzen und schüttelt den Kopf. „Sicher nicht? Überlegen Sie mal. Sie haben hundertprozentig eine der Sonaten gespielt.“ Pause, kurzes Nicken, lange Pause. Der Prüfer reißt sich zusammen, um nicht zu seufzen. Es ist die dritte mündliche Wiederholungsprüfung im Fach Musikgeschichte, die Endstation. Dabei ist auch diese letzte Frage besonders einfach. Der Prüfling ist Pianist, er muss doch die Titel der Beethoven-Sonaten kennen, wenigstens einen einzigen. Zum Beispiel den mit Mondschein oder den mit dem Hammer. Kopfschütteln auf der anderen Tischseite. Nichts zu machen, durchgefallen.

          Jeder Musikwissenschaftler, der an einer der 24 deutschen Musikhochschulen unterrichtet, kennt solche Situationen. Auch die den Prüfungsdebakeln oft folgenden Debatten mit dem Hauptfachlehrer – darauf komme es nicht an, Hauptsache, der Prüfling könne ausgezeichnet musizieren – sind allzu vertraut. Meist wird dann „zum Wohle der Studierenden“ eine Sonderregelung gefunden.

          Musikwissenschaftler an Musikhochschulen sind Anpassungskünstler, das waren sie schon immer. Manche haben mit Präsidenten zu tun, die Musikwissenschaft mit Konzertmoderation verwechseln, manche mit Verwaltungen, für die das Modell des wissenschaftlichen Mitarbeiters ein ewiges Rätsel darstellt, wieder andere mit Musikpädagogen, welche die (in ihren Worten) „traditionelle“ Musikwissenschaft unzureichend finden und Inhalte ihrer Wahl gleich selbst unterrichten. Und sie begegnen in Gremien oft Musikern, die Musik mit Sport und eine Musikhochschule mit einem Hochleistungszentrum gleichsetzen und die Abschaffung aller Nebenfächer herbeiwünschen.

          In der Zwickmühle

          Das Modell des gelehrten Künstlers à la Alfred Brendel oder Gidon Kremer scheint heute anachronistischer denn je. Nur wer mehr übt als die anderen, so hört man oft, hat eine Chance auf eine Stelle. Die verbleibenden Stunden des Tages braucht der Künstler zur optischen Selbstoptimierung, denn sexy muss man heute schließlich auch sein. Da ist für Musikwissenschaft kein Platz mehr, möchte man meinen. Muss sie an die Universitäten abwandern? Kann man der Musikausbildung im Korsett internationalen Leistungsdrucks noch ein Quentchen Wissenschaft mitgeben? Und wenn ja, was?

          Denkt man aus einer anderen Richtung, lässt sich aus den aktuellen Debatten um den Künstlererfolg allein zu Lernzwecken eine historische Brücke zurück ins neunzehnte Jahrhundert schlagen. Damals glaubte man erkannt zu haben, dass der Musik-Handwerker ausgedient hatte. Dies hatte nicht nur mit der damals schon großen Zahl an Musikabsolventen aus den ersten Konservatorien zu tun, die kaum alle beschäftigt, geschweige denn von einem öffentlichen Musikbetrieb aufgefangen werden konnten, der viel kleiner war als heute. Mindestens ebenso wichtig war die schmerzhafte Überdehnung einer Virtuosenpraxis, deren musikkritische Schilderungen amüsierten Berichten aus Zauberbuden und Zirkuszelten gleichen. Hier hatte sich ein Zweig bürgerlicher Musikausbildung endgültig im Spezialistentum verkeilt, war zu einem reflexionslosen Ereignis geworden, das nur noch bestaunt werden konnte.

          Es gab ein gebildetes Publikum, das mehr als Zirkuskünste erwartete. Vor 1900 verbreitete sich ein neues Konzept des Interpreten: Wer ein Dasein als rein reproduzierender Künstler anstrebte, ohne auch komponieren zu müssen, hatte als Künstlerpersönlichkeit aufzutreten – als jemand, der etwas zu sagen hat über das, was er tut. Doch bis dieser Bildungsanspruch die künstlerischen Fächer an Konservatorien erreichte, war es ein langer Weg. Hugo Riemann als Vertreter der Historischen Musikwissenschaft, der übrigens auch ein gutes Buch über Beethovens Klaviersonaten geschrieben hat, musste noch 1919 in seinem Musiklexikon einräumen: „Darüber ist indes wohl die Mehrheit vorurteilslos Denkender einig, dass die gegenwärtige Einrichtung der meisten Konservatorien eine durchaus nicht genügende, weil lediglich auf musikalische Dressur abzielende ist. Bei allen Instituten müsste der obligatorische Unterricht in den notwendigsten Fächern der allgemeinen Bildung Norm sein; aber von derartigen Fachschulen, die sich als Hochschulen ausgeben, muss auch eine wirkliche Vertiefung der Fachbildung gefordert werden, Gelegenheit zur Erwerbung historischer Kenntnisse auf musikalischem Gebiete, eingehenden Verständnisses der ästhetischen Grundlagen usw. Darum ist es noch immer übel bestellt.“

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