https://www.faz.net/-gyl-a0856

Mitbestimmung an Hochschulen : Ein Fest der Demokratie

  • -Aktualisiert am

Die Universität Breslau Bild: Picture-Alliance

Mit der Exzellenzinitiative hat sich das Leitbild einer top-down gemanagten Universität durchgesetzt – zum Nachteil der Institution. Wie es besser geht, zeigt die Rektorenwahl in Breslau.

          2 Min.

          Es steht nicht gut um die Demokratie an Universitäten in Deutschland. Das Thema Mitbestimmung erinnert hierzulande an dogmatisch geführte Schlachten der sechziger und siebziger Jahre um Drittel- und Viertelparität, an erledigte Konflikte einer weit entfernten Zeit. Mit der Exzellenzinitiative hat sich seit der Jahrhundertwende das Leitbild einer top-down gemanagten Universität durchgesetzt, deren Legitimation implizit darauf beruht, die Prinzipien der Exzellenz und der Partizipation gegeneinander auszuspielen.

          Das ist ein Schaden für die Universität, denn nur Partizipation und Transparenz gewähren Schutz vor strukturellen Fehlentscheidungen, die von der Management-Universität gern unter den Teppich gekehrt werden.

          Gerade Polen, dessen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf nationaler Ebene Anlass zur Sorge geben, bietet ein Beispiel, wie demokratische Kultur an Hochschulen gepflegt werden kann. Die schlesische Universität Wrocław (Breslau), die seit vergangenem Jahr zu einer der zehn polnischen Exzellenzuniversitäten zählt, wählte Ende Mai einen neuen Rektor. Diese Wahl war, wie an allen polnischen Universitäten üblich, ein Fest der Demokratie: Es wurde ein Gremium von zweihundert Wahlleuten gebildet, die von den verschiedenen Gruppen der Universität durch Wahl bestimmt wurden: hundert Professorinnen und Professoren, fünfzig Postdoktoranden und Privatdozenten, vierzig Studenten und Doktoranden sowie zehn Verwaltungsmitarbeiter. Zur Wahl standen vier Kandidaten, deren Lebensläufe und Wahlprogramm auf der Homepage der Universität veröffentlicht wurden. Höhepunkt des Wahlkampfs war eine sehr sachlich geführte fünfstündige Podiumsdiskussion der vier Kandidaten, die live auf Youtube übertragen wurde und für alle Interessierten zugänglich war. Universitätsangehörige konnten Fragen stellen, die vorher schriftlich eingereicht wurden. Der Wahlakt selbst fand unter Beachtung der Corona-Schutzpflichten in der großen Sportarena Wrocławs statt, die ausreichend Platz für die distanzwahrende Stimmabgabe bot.

          Auch an polnischen Universitäten spielt die Frage, wie die wissenschaftlichen Qualitätslabels in Konkurrenz mit anderen Hochschulen errungen oder gewahrt werden können, eine große Rolle, und auch hier übt der Exzellenzwettbewerb Druck zur Reformierung der Hochschulstrukturen aus. Doch geht der Wettbewerb um die Auszeichnung von Forschungsqualität nicht zu Lasten demokratischer Partizipation. In seiner Wahlkampfrede betonte einer der Kandidaten, der 46 Jahre alte Mediävist Przemysław Wiszewski, die Notwendigkeit zu Reformen und versprach zugleich, die Universität „für partizipatorische Aktivitäten zu öffnen“. Wiszewski setzte sich mit 104 Stimmen im ersten Wahlgang klar gegen seine Mitbewerber durch.

          Der Autor ist Professor für osteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians- Universität München.

          Weitere Themen

          Wissenschaft im Grenzverkehr

          Transdizplinarität : Wissenschaft im Grenzverkehr

          Eine Konferenz an der TU Berlin überprüft das Schlagwort „Transdisziplinarität“ auf seine Praxistauglichkeit. Doch dafür hätte es zunächst einer Einigkeit über dessen Bedeutung bedurft.

          Ein Stupser für die Umwelt

          Nudging : Ein Stupser für die Umwelt

          Verhaltensökonomen erforschen mit Experimenten, wie Menschen sanft in eine „bessere“ Richtung gelenkt werden können – auch in der Umweltpolitik. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Wird die Sondierungsgespräche zusammen mit Annalena Baerbock führen: Robert Habeck

          Grünen-Vorsitzender Habeck : Jetzt nur nicht über Posten reden

          Robert Habeck will die Grünen beruhigen – und sie ermahnen, nicht über mögliche Rollen in einer neuen Bundesregierung zu sprechen. Schon gar nicht über seinen Plan, Vizekanzler zu werden.
          Winfried Kretschmann am Dienstag in Stuttgart.

          Zu wenige Gemeinsamkeiten? : Kretschmann zweifelt an der Ampel

          Bei den Grünen sind viele für ein Bündnis mit der SPD. Doch der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg hadert mit einer Koalition, die von den Sozialdemokraten angeführt wird. Die Union wäre ihm als Partner lieber.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.