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Medizinstudium : Freiräume für die Auswahl

  • -Aktualisiert am

Massenandrang: Medizinstudenten an der Universität Leipzig. Bild: ddp Images

Das Urteil zum Numerus Clausus im Medizinstudium bringt nicht nur Positives. Künftig fallen Auswahlgespräche weg – doch lässt sich mit ihnen am besten feststellen, ob jemand die richtigen Eigenschaften mitbringt.

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          Nun ist es raus. Auf dem 79. Medizinischen Fakultätentag in Mainz Anfang Juni wurde bekannt, dass mit großer Sicherheit ab dem Sommersemester 2020 keine persönlichen Auswahlverfahren mehr stattfinden können. Weiter hieß es, dass dies an der Stiftung für Hochschulzulassung liege. Sie habe die dafür notwendige Software nicht rechtzeitig installieren können. Und ein Schuldiger ist auch schon gefunden. Der Geschäftsführer der Stiftung musste seinen Hut nehmen. Wie konnte es zu diesem Desaster kommen?

          Eigentlich fing alles sehr gut an. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19. Dezember 2017 eröffnete die Chance, ein frustrierendes Zulassungssystem aus maßlos überzogenen Noten, einer intransparenten Lotterie aus Quoten und Ortspräferenzen und einer Lebenszeit fressenden Wartezeit menschlicher zu gestalten. Karlsruhe entschied nämlich, dass neben dem Abitur weitere Kriterien zur Beurteilung der Eignung heranzuziehen seien, und zwar solche, die neben kognitiv-intellektuellen Fähigkeiten insbesondere sozial-kommunikative und empathische Kompetenzen beurteilen sollten.

          Aber die Zeit war von Anfang an knapp bemessen. Denn das Gericht hat entschieden, dass das neue Verfahren bis Ende 2019 stehen muss. Diese kurze Frist ist zwar eine erfreuliche Nachricht für die Bewerber, stellt aber die Verantwortlichen vor große Schwierigkeiten. Statt durch den Einsatz von angemessenen Ressourcen dafür zu sorgen, dass das Urteil zügig und im Sinne aller Beteiligten optimal umgesetzt wird, soll es wohl nur eine äußerst unbefriedigende Minimallösung geben: Ministerien und die Stiftung für Hochschulzulassung haben sich darauf geeinigt, dass die Studienbewerber ab Sommersemester 2020 nur noch in einem nationalen Verfahren den Hochschulen zugeteilt werden. Lokal organisierte persönliche Auswahlverfahren werden nicht mehr möglich sein. Damit werden die Chancen, die das Karlsruher Urteil bietet, nicht genutzt, und für viele Studienbewerber wird sich die Situation verschlechtern und nicht verbessern. Diese Verschlechterung wird beispielsweise am künftigen Wegfall der standardisierten und strukturierten Auswahlgespräche deutlich, der aus Lübecker Sicht und aus Sicht der Bewerber vor allem aus drei Gründen äußerst bedauerlich ist.

          Gefühlte Knappheit entspannt sich

          Zum einen sind kommunikative und empathische Kompetenzen im Arztberuf von größter Bedeutung. Wie ließen sich diese Eigenschaften besser beurteilen als in einem Gespräch? Diese Möglichkeit entfällt nun für die insgesamt sieben der 35 staatlichen medizinischen Fakultäten, die derzeit Gespräche oder Interviews als Auswahlinstrument nutzen. Mittlerweile verfügen wir in Lübeck über eine Erfahrung von mehr als 1500 Gesprächen, die standardisiert und strukturiert durchgeführt und wissenschaftlich begleitet werden. Die halbstündigen Gespräche werden von dreiköpfigen Kommissionen geführt. Um Fairness und Ausgewogenheit zu gewährleisten, sind sie mit zwei Mitgliedern des Lehrkörpers und einem Studenten besetzt, gemischt aus Männern und Frauen, Erfahrenen und Neulingen, Theoretikern und Praktikern aus möglichst verschiedenen Kliniken und Instituten. Diese Heterogenität erlaubt unabhängige Bewertungen der Bewerber. Entscheidend für diesen Erfolg ist die intensive Schulung der Kommissionsmitglieder in Gesprächsführung und Bewertung sowie in der Selbstwahrnehmung eigener Vorurteile und impliziter Bewertungstendenzen. Dies spiegelt sich im Auswahlergebnis. Jahr für Jahr erweist sich das Verfahren als immun gegen systematische Benachteiligung. So haben Kinder von Ärzten keinen Bonus und die Geschlechterverteilung bleibt über alle Verfahrensschritte gleich. Die Ergebnisse der Begleitforschung zum Auswahlverfahren belegen, dass unsere strukturierten und standardisierten Auswahlgespräche transparent und frei von Diskriminierung sind.

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