https://www.faz.net/-gyl-a6fky

Junge Mathematikprofessorin : „Je höher die Karrierestufe, umso weniger trauen sich Frauen zu“

Lisa Hartung lehrt und forscht an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Stochastik. Bild: privat

Lisa Hartung wurde mit 27 Jahren Mathematikprofessorin. Im Interview spricht sie über das Schülerstudium, ihr Gehalt und warum sie nicht nur wegen ihres Alters eine Ausnahme ist.

          3 Min.

          Frau Hartung, mit 27 Jahren wurden Sie Mathematikprofessorin. Das ist ganz schön jung. Wie schafft man das?

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Ich habe schon als Schülerin Mathematikvorlesungen an der Universität in Bonn besucht. Nach dem Abitur konnte ich direkt daran anknüpfen und mir schon bestandene Prüfungen anrechnen lassen.

          Sie haben also ein Schülerstudium absolviert. Wie genau funktioniert das?

          Inzwischen gibt es das an fast jeder Universität für zulassungsfreie Fächer. Man braucht das Einverständnis der Schule, weil viele Vorlesungen vormittags stattfinden und man dadurch Schulunterricht verpasst. Wer sich ernsthaft dafür interessiert, sollte sich bewusst sein, dass ein Schülerstudium einen hohen zeitlichen Aufwand bedeutet, wie ein neues Hobby. Und die Schulen achten darauf, dass die Noten nicht leiden. Aber da es überhaupt keine Verpflichtungen von Seiten der Unis gibt, nach dem Abitur weiterzustudieren, ist so ein Schülerstudium sehr sinnvoll – gerade wenn man sich noch unsicher ist, was man machen möchte.

          Wie kamen Sie denn selbst auf die Idee, ein Schülerstudium aufzugreifen?

          Ich war in der Schule total desinteressiert, habe mich gelangweilt. Im Gespräch mit meiner Mutter hat mein Klassenlehrer dann vorgeschlagen, ob ich nicht mal eine Vorlesung besuchen möchte. Ich fand die Idee cool und habe mir das angeschaut. Vor der ersten Vorlesung war ich sehr nervös, aber die Inhalte und der Frontalunterricht haben mir sofort viel Spaß gemacht. Ich war auch nicht die einzige Zehntklässlerin an der Uni, deshalb war der Altersunterschied zu den anderen Studenten nicht so schlimm.

          Warum haben Sie sich für ein Mathematikstudium entschieden?

          Ich habe mich schon immer für Mathe interessiert. Ab der siebten Klasse habe ich an Matheolympiaden teilgenommen und mich am Wochenende mit Gleichgesinnten getroffen. Meine Eltern sind beide Mathematiker, die fanden es natürlich auch nicht so tragisch, dass ich mich für Mathe begeisterte. Und ich hatte eine Mathelehrerin, die mich sehr motiviert hat. Mit ihr halte ich bis heute Kontakt. Ich glaube, in der Mathematik hängt ganz viel von motivierten Lehrern ab. Oft gibt es eine Art Kipppunkt, an dem die Schüler aufgeben, weil sie etwas nicht verstehen und dann nicht mehr mitkommen.

          Wer eignet sich denn ganz allgemein für ein Mathematikstudium – sind das nur diejenigen, die schon in der Schule die totalen Mathe-Cracks waren?

          Mathe ist schon ein sehr anspruchsvolles und zeitintensives Studium, bei dem man sich nicht zurücklehnen kann. Es gibt immer was zu tun, und man muss unbedingt am Ball bleiben. Aber man kann da schon reinkommen.

          Lange Zeit dümpelte der Frauenanteil im Mathematikstudium vor sich hin, inzwischen liegt er konstant bei fast 50 Prozent. Haben die vielen Initiativen, die Mädchen für die Mint-Fächer begeistern wollen, also gefruchtet?

          Es hat sich bestimmt etwas getan, aber da ist noch viel Luft nach oben! Gerade zur Promotion und auch danach nimmt der Frauenanteil rapide ab. Je höher es in der Karrierestufe geht, umso weniger trauen sich Frauen zu.

          In der Fächergruppe Mathematik und Naturwissenschaften betrug der Frauenanteil an der Professorenschaft im Jahr 2019 nur 20 Prozent. Woran liegt das?

          Ich glaube, Frauen fühlen sich eher eingeschüchtert von ihrem Umfeld als Männer. Sie haben stärker das Gefühl, alle anderen um sie herum seien besser, was natürlich nicht die Realität abbildet. Das hat nichts mit ihrem tatsächlichen fachlichen Können zu tun, sondern scheint eher eine Grundeinstellung zu sein. Da braucht es Unterstützung von außen und ein positives Umfeld, in dem man sich wohl fühlt. Mein Doktorvater beispielsweise hat mir immer gut zugeredet, ich solle mir keinen Kopf machen. So etwas ist Gold wert.

          Sie haben neben Mathe noch Wirtschaftswissenschaften studiert, sich aber dann für eine akademische Karriere entschieden. Warum?

          Viele Jobs in der freien Wirtschaft habe ich mir nicht so spannend vorgestellt. Während der Schulzeit habe ich Schüler für Mathe-Wettbewerbe unterrichtet, das hat mir viel Spaß gemacht. Ich dachte mir also, ich kann ja mal promovieren und ausprobieren, ob es mir Spaß macht, den ganzen Tag Mathe zu forschen und zu lehren. Ich empfinde es als eine sehr vielfältige Arbeit, die von dem Austausch mit anderen Forschenden und den Studenten genauso lebt wie von administrativen Tätigkeiten und viel Selbstorganisation.

          Und ist der Beruf auch einträglich?

          Mit monatlich 6600 Euro brutto ist er tatsächlich sehr gut bezahlt. Und ich bin verbeamtet auf Lebenszeit, eine sicherere Stelle gibt es wohl nicht. 

          Spielt Ihr Alter im Alltag mit Studenten und Kollegen eine Rolle?

          Mein Alter ist eigentlich kein großes Thema. Meine Kollegen in Mainz haben mich total nett empfangen, und die wussten ja aus dem Bewerbungsverfahren, was sie erwartet. Die Studenten finden das, glaube ich, ganz cool, wenn sich die Dozenten etwas durchmischen. Und wer die Noten vergibt, hat automatisch eine gewisse Autorität. Aber ich werde auch ab und an mal auf dem Campus angesprochen, ob ich für die Semesterferien einen Studentenjob suche, das ist natürlich lustig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fahndungsfotos um 1971 von Mitgliedern der Baader-Meinhof Gruppe.

          Südlich von Hamburg : Waldarbeiter entdecken mögliches RAF-Depot

          Waldarbeiter haben in Niedersachsen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In einem vergrabenen Fass haben sie mutmaßliche RAF-Schriftstücke und andere verdächtige Gefäße entdeckt. Das Landeskriminalamt untersucht den Fund nun.
          Ein Teil eines Kreuzfahrtschiffs wird am Warnemünder Standort der MV Werften ausgedockt. (Archivfoto)

          MV Werften in der Krise : Schiffbruch an der Ostsee

          Die MV Werften sind durch Corona und hausgemachte Fehler in eine Schieflage geraten. Trotz hoher Staatshilfen fehlen die Perspektiven. Es wächst die Angst vor einem Kollaps.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.