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Luther 1521 in Worms : Dem Teufel standgehalten

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Luther mit Himmelsblick: Ölgemälde von Hermann Freihold Plüddemann. Bild: Juergen Moers / vario images

Martin Luther sollte auf dem Reichstag in Worms vor dem Kaiser seine Thesen zurücknehmen. Nichts scheint die Bedeutsamkeit des Ereignisses deutlicher zu belegen als das publizistische Echo, das es fand.

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          Unter den apokryphen, also zweifelhaften, nicht als gültig anerkannten Luther-Worten ist es das berühmteste: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen.“ Mit diesen Sätzen soll der Wittenberger Augustinermönch jene Rede beendet haben, die er am 18. April 1521 vor Kaiser Karl V., den Kurfürsten und den Vertretern des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation auf dem Reichstag zu Worms gehalten hat. Ein halbes Jahrtausend ist das jetzt her. Die Bekenntnisszene des den Widerruf verweigernden Luther gilt bis heute als die bekannteste und heroischste seines Lebens. Die Sätze sind zur Pathosformel geworden. Als rhetorische Codierung für Zivilcourage, Gewissensfreiheit und das mutige Einstehen für eigene Überzeugungen sind sie ins kollektive Gedächtnis Deutschlands, des Protestantismus, Europas und der Christenheit auf der ganzen Welt eingegangen.

          Sollte man deshalb nicht mit dem Wittenberg-Fan Giordano Bruno intonieren: Se non è vero è molto ben trovato? Auch wenn das Logion erfunden sein mag, ist es treffend ersonnen. Denn in diesem Sprachgestus verdichtet sich in einzigartiger Weise, was es um die ikonisch gewordene Szene von Worms ist. Der unerschütterliche Bekenner, allein auf sein in Gott gebundenes Gewissen gestützt, trotzt der kirchlichen und politischen Macht. Das unansehnliche Mönchlein widersteht allein mit dem Wort dem mächtigsten Herrn der damaligen christlichen Welt, in dessen Reich die Sonne buchstäblich nie unterging – David gegen Goliath, das Märchen vom tapferen Theologlein.

          Entmythologisierung mag hier tatsächlich zum Scheitern verurteilt sein. Doch lehrreich ist es schon, sich den Weg zu vergegenwärtigen, den die Formel und mit ihr das Bild des standhaften Gewissensstreiters zurückgelegt haben. Am Anfang der Worms-Memoria stand nämlich die Ernüchterung. Als älteste Erinnerung an das später zum Event verklärte Ereignis teilte der soeben aus Worms abgereiste Theologieprofessor Luther seinem Freund Lucas Cranach in Wittenberg mit: Er habe erwartet, dass der Kaiser „ein Doctor oder fünfzig versammlet“ habe, um ihn, den „Münch“, „redlich“ zu überwinden. Stattdessen sei „nichts mehr hie gehandelt denn so viel: Sind die Bücher dein? Ja. Willtu sie widerrufen oder nicht? Nein. So heb dich!“

          Martin Luther in Worms

          Im Laufe der kommenden Jahre und Jahrzehnte aber wuchs die Worms-Szene in Luthers Erinnerung. Gegenüber Thomas Müntzer schöpfte er Autorität daraus, dass dieser Ängste, wie er sie in Worms durchlitten hat, nie habe erleben müssen. Auch als Beispiel, dass er gegen den großen Versucher, den Teufel, standgehalten habe, führte er sein Worms-Erlebnis später gerne an. Besuchern an seinem Tisch im heimischen „Schwarzen Kloster“ vermittelte der alternde Reformator das Gefühl, dass Worms eine Art Wendepunkt der Geschichte, ein großer Moment seines Lebens, gewesen sei.

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          Nichts scheint die Bedeutsamkeit des Ereignisses „Luther in Worms“ deutlicher zu belegen als das publizistische Echo, das es fand. Denn auch wenn der Auftritt des durch den Papst rechtskräftig verurteilten Ketzers nicht der wichtigste Verhandlungsgegenstand des ersten Reichstages des jungen Kaisers war – in der Publizistik überstrahlte er alles. Nicht weniger als 120 Drucke auf Latein und Deutsch erschienen im engsten zeitlichen Umkreis seines Verhörs und berichteten von diesem. Zahlreiche dieser Drucke enthielten auch Teile seiner Reden und genaue Aufzeichnungen darüber, was Luther zwischen dem 16. April, dem Tag seiner Ankunft, und dem 26. April, dem Tag der Abreise, jeweils getan und mit wem er gesprochen hatte. Luther selbst und seine Umgebung, Leute wie der kursächsische Sekretär Georg Spalatin, der Erfurter Humanist Justus Jonas oder sein Fakultätskollege Nikolaus von Amsdorf waren der Ausgangspunkt dieser Publizistik – und damit auch der Vorform der „Hier stehe ich“-Formel.

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