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Lehre des Distanzunterrichts : Dozenten in die Hochschulen!

Nur weiter im Text, Herr Professor: Die Denkmalstürmer sind noch nicht bis Kaliningrad gekommen, wo Immanuel Kant vor seiner Universität seine Freiluftvorlesung einstweilen ungestört fortsetzt. Bild: Picture-Alliance

In einigen deutschen Bundesländern dürfen die Hochschulen wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren. Doch sie tun es nur zögerlich. Das könnte ein Fehler sein.

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          Im Bonn der neunziger Jahre gab es einen Philosophieprofessor und Kant-Fachmann, den bezeichneten die älteren Studenten als „Transzendentalpantomimen“. Mit anmutig kreisenden Bewegungen seiner Hände malte er unter gelegentlichem Befeuchten der Lippen Kants Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis in die Luft. Wenn die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer nachzulassen drohte, hielt er mit stechendem Blick den gesamten Hörsaal in Schach. Als ein Gelegenheitshörer einmal mitten in der Vorlesung Anstalten machte, in seine geräumige Winterjacke zu schlüpfen und die Bankreihe zu verlassen, fielen dem Professor mitten in der Jonglage sämtliche zwölf Kantischen Kategorien vor die Füße. Scharf fragte er den Studenten: „Wollen Sie gehen?“, um im gleichen Atemzug zu fordern: „Bitte gehen Sie!“ Der Leichtfertige quetschte sich an seinen Kommilitonen vorbei, stolperte die Treppe hinab und griff fast panisch nach der rettenden Türklinke. Der Professor hatte die ganze Zeit über kein Wort gesagt, er hatte nach unten geblickt, sich gesammelt, bevor er, grenzenlos enttäuscht von dieser Aufkündigung seiner Präsenzlehre, sein Handwerk wieder aufnahm.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit Zoom wäre das natürlich nicht passiert, dafür kann man in einer Videokonferenz nicht Kants „Kritik der reinen Vernunft“ erklären. Selbst der Transzendentalpantomime brauchte Helfer – an jeder Ecke versuchten einem die Bonner Philosophen zu dieser Zeit, den Kantianismus einzubimsen. Zu erleben war Präsenzlehre in reinster Form, der Gewinn war erheblich. Man bekam nicht nur ein ausreichend stabiles Weltbild, auch Goethes Symboltheorie oder Kleists Erkenntniskrise waren mit Kant im Rücken mühelos zu meistern.

          Wie aber will man Kant in Zeiten der Corona-bedingten Distanzlehre unterrichten, Zeiten, in denen viele Professoren zudem davor warnen, die deutschen Universitäten würden im Windschatten der digitalen Lehre zum Dienstleistungsbetrieb umgestaltet? Eine besorgniserregende Perspektive. Allerdings ist das Gegenprogramm in vielen Bundesländern greifbar nahe. In Hessen zum Beispiel sind Präsenzveranstaltungen seit der vergangenen Woche wieder möglich. Doch hat die Deutsche Presse-Agentur nun bei einer Umfrage vernommen, dass die Hochschulen offenbar zögern, zur Präsenzlehre zurückzukehren. Die Argumente klingen etwas fadenscheinig: nicht überstürzt handeln, Planungssicherheit. Dabei sollte man doch denken: Wenn einem an der Präsenzlehre wirklich etwas liegt und man ihre schrittweise Aushöhlung ehrlich befürchtet, dann muss sie auch verteidigt werden, wo immer das die Virologie zulässt.

          Goethe, ein Gegenwärtigkeitsfanatiker, verhielt sich brutal gegenüber dem Kollegen Kleist, als er ihm in dem Brief vom 1. Februar 1808 an den Kopf warf, es bekümmere ihn, wenn er „junge Männer von Geist und Talent sehe, die auf ein Theater warten, welches da kommen soll“. Goethes Rat an Kleist ist mit Blick auf den Transzendentalpantomimen nichts hinzuzufügen: „Vor jedem Brettergerüste möchte ich dem wahrhaft theatralischen Genie sagen: hic Rhodus, hic salta!“

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