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Serie „Cum tempore“ : Nach fast zwei Jahrzehnten zurück an der Schule

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Hospitanz in der Schule Bild: dpa

Im Lehramtsstudium kommt man um eine Hospitanz in der Schule nicht herum. Als Spätstudierende liegt die eigene Schulzeit naturgemäß schon ein Weilchen zurück.

          2 Min.

          Als ich zum letzten Mal die Schulbank gedrückt habe, war Angela Merkel noch nicht Kanzlerin. Deshalb blickte ich meiner ersten Hospitanz innerhalb meines Lehramtsstudiums zwar mit Freude, aber auch einer gewissen Anspannung entgegen. Das erste Praktikum, das wir als Drittsemester nun begonnen haben, absolvieren wir in den letzten drei Wochen der Semesterferien en bloc, danach an einem Schultag je Woche für den Rest des Schuljahres.

          Wir beobachten unsere Praktikumslehrkraft, stehen aber auch an jedem Praktikumstag mindestens einmal selbst vor der Klasse. Zunächst müssen wir nur Unterrichtssequenzen, irgendwann aber auch ganze Stunden planen und halten. Mindestens eine Schulaktivität sollen wir mitorganisieren oder bei Elterngesprächen beisitzen. Zusätzlich noch ein besonders förderungsbedürftiges Kind betreuen. Kurz: Wir sollen üben, Kinder zu selbstbewussten und eigenständigen Schülerpersönlichkeiten zu erziehen, und das mit kind- und altersgerechten Lehrmethoden. Wie diese genau aussehen könnten, davon haben mir die ersten Einführungskurse an der Uni allerdings nur eine Ahnung vermittelt. Natürlich habe ich mich darauf gefreut, endlich auch in der Praxis mit Kindern arbeiten zu dürfen. Theoretisch habe ich in den ersten beiden Semestern auch einiges dazu gelernt – mit der Betonung auf theoretisch. Kann ich mich gegen unaufmerksame und störende Kinder durchsetzen? Für Ruhe und Konzentration sorgen? Und trotzdem Spaß an der Schule vermitteln? Schon zum Ende des letzten Semesters habe ich die Mitteilung vom Praktikumsamt erhalten, dass mich ein Praktikumsplatz in einer ersten Klasse erwartet. Ich sehe Kinder vor mir, von denen manche noch keinen Buchstaben kennen und keinen Stift halten können. Ob ich das schaffe? Andererseits finde ich es gut, dass sich viele Hochschulen in puncto Lehrerausbildung darum bemühen, ihre Studierenden schon früh mit der Praxis zu konfrontieren.

          In der Nacht vor meinem ersten Tag in meiner Praktikumsklasse schlafe ich schlecht. In der Morgendämmerung radle ich mit klopfendem Herzen zu meiner 15 Minuten entfernten Praktikumsschule. Meine Betreuungslehrerin begrüßt meine beiden Kommilitoninnen und mich herzlich, aber auch etwas hektisch. Die ersten beiden Schulwochen waren hart. Die Hälfte der Klasse kommt aus sozial schwierigen Verhältnissen, ein Kind ist derzeit sogar im Heim untergebracht, weil es Gewalt erfahren hat. Sechs der Kinder sind verhaltensauffällig, können sich nicht konzentrieren, reagieren oft respektlos oder aggressiv auf Mitschüler oder Lehrkräfte. Der Lärmpegel ist hoch, die Atmosphäre unruhig. Vielen gelingt es noch nicht, rechtzeitig im Klassenzimmer zu sein, alle Arbeitsmaterialien beisammenzuhaben und länger als ein oder zwei Minuten stillzusitzen und zuzuhören. In der ersten Woche komme ich jeden Tag gegen 13 Uhr nach Hause und gehe erst einmal auf die Toilette, um dann zwei Liter Wasser zu trinken – während der Schulzeit habe ich beides schlicht vergessen. In der Reflexion am Ende des Schultags macht uns die Lehrerin Mut. „Wir schaffen das!“ Sie sagt es auch zu sich selbst.

          Unsere Autorin geht mit Mitte 30 noch mal zur Uni. Hier berichtet sie regelmäßig von ihrem Leben als Lehramtsstudentin - unter Kommilitonen, die zum Teil halb so alt sind wie sie.

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