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Lebensführung in der Pandemie : Wie man Distanz gewinnt

  • -Aktualisiert am

Warteschlange in Berlin Bild: dpa

Das Virus verändert das Spiel von Nähe und Distanz. Aber es ändert nicht alles, wie manche Krisenrhetorik glauben macht.

          5 Min.

          Menschen existieren nicht einfach, sie fügen sich nicht nahtlos in eine Umwelt ein, sondern nehmen ihr Leben in die Hand und gestalten ihre Welt. Oder anders ausgedrückt: Menschen leben, indem sie ihr Leben führen. In diesem Kerngedanken der philosophischen Anthropologie des zwanzigsten Jahrhunderts steckt auch die These, dass Menschen zu sich Stellung nehmen, wozu ein Bild, eine „Deutungsformel“ gehört. Ohne eine solche Deutungsformel steht die natürliche Existenz des Menschen als kulturelles Lebewesen auf dem Spiel – als ein Lebewesen, das etwas auf sich und seine Welt hält.

          Angesichts der aktuellen Krisenlage sind einige Deutungen im Umlauf, deren Tauglichkeit durchaus fragwürdig ist. Denn weder ist ein von Carl Schmitt inspirierter Ausnahmezustand ausgerufen, noch leben wir in einer paradoxen Situation von Nähe und Distanz, die nicht gehandhabt werden könne. Es ist demgegenüber gerade der Topos der sozialen Distanzierung, in dem mehr steckt als eine schlichte Verwaltungsverordnung. Mit Distanz und Distanzierung ist zugleich das Prinzip angedeutet, nicht nur ein Leben zu haben, sondern ein Leben zu führen. Möglichkeiten der Distanzierung bestimmen das menschliche Leben und die Welt des Menschen, die Kultur.

          Unter den Bedingungen einer sich rasant ausbreitenden, lebensbedrohlichen Pandemie und den damit einhergehenden rigorosen Maßnahmen der Eindämmung, könnte man allerdings meinen, dass sowohl die menschliche Lebensführung außer Kraft gesetzt als auch die Deutungsmuster unserer Existenz abgeschafft worden sind. Menschen, so einige unüberhörbare Stimmen, seien in räumlichem Abstand voneinander zueinander nicht mehr in der Lage, ihr Leben zu führen. Und bewährte Deutungsformeln unseres persönlichen, sozialen und politischen Selbstverständnisses gingen verloren, etwa dasjenige der Selbstentfaltung.

          Filmreife Dystopie

          Doch ist eine solche Angst berechtigt? Leben wir wirklich in einem nicht mehr kontrollierbaren und auf Dauer gestellten politischen Ausnahmezustand? Und ist soziale Distanz etwas Ungewöhnliches, Fremdartiges, Bedrohliches, das man fürchten müsste?

          Wird die Versammlungsfreiheit zeitweilig beschränkt, werden Schulen und Universitäten, aber auch teilweise Geschäfte befristet geschlossen und der öffentliche sowie private Raum stark reglementiert, dann erkennt Giorgio Agamben darin einen politisch diktierten Ausnahmezustand, der zum Normalfall erklärt wird. Die menschliche Existenz werde auf das pure Faktum des nackten Lebens reduziert, Freiheitsrechte würden grundsätzlich in Frage gestellt. Agamben meint, eine solche Entwicklung aktuell in Italien zu beobachten angesichts der strikten Maßnahmen zur Bekämpfung der dortigen Corona-Epidemie.

          Es ähnelt allerdings eher einer filmreifen Dystopie, zu glauben, dass dies alle Regierungen der Welt unabhängig von ihrer jeweiligen politischen Verfasstheit und ideologischen Ausrichtung gleichzeitig tun und sich auch noch die komplette Menschheit einem solchen Diktat widerspruchslos fügt. Und es hilft auch nichts, einen solchen Ausnahmezustand wie Agamben herbeireden zu wollen.

          Man darf aber auch verwundert sein, wenn Slavoj Žižek behauptet, dass die Normalität nach der Pandemie eine andere sei als zuvor. Die Fragen sind erlaubt, von welcher Normalität genau die Rede ist und von welcher Position hier so sicher geurteilt wird. Nach Žižek sei es zudem eine metaphysische Herausforderung, zu begreifen, dass die alltäglichen Gewohnheiten wie das Besuchen von Freunden und das gemeinsame Feiern in Frage gestellt werden. Aber weder der Metaphysik noch dem Leben werden solche Thesen gerecht.

          Distanzierung nicht verteufeln

          Es ist auch alles andere als ein Paradoxon, dass Solidarität und Distanz zusammen auftreten. Sie schließen sich nicht aus. Wenn Solidarität auf Intimität angewiesen wäre, könnte es in modernen Gesellschaften weder Solidarität noch Solidargemeinschaften geben. Um andere für das gemeinsame Einstehen für eine Sache zu gewinnen, muss man sie nicht vereinnahmen. Und ebenso besteht Sympathie nicht darin, sich an die Stelle des anderen zu setzen und ihm seinen Platz streitig zu machen (und dabei die eigene Position zu verlieren). Das „Wunderbare“ der Sympathie (Scheler) besteht vielmehr in der dem Menschen eigenen Möglichkeit eines Mitfühlens auf Distanz.

          Wenn gegenwärtig von „social distancing“ als einer Maßnahme gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie gesprochen wird, so handelt es sich zum einen um einen technischen Begriff. Mit ihm wird ein gesundheits- und gesellschaftspolitisches Werkzeug benannt, um Epidemien zu stoppen oder zu verlangsamen. Das Konzept bezeichnet eine nichtpharmazeutische Maßnahme, wobei die Übersetzung von „social distancing“ mit sozialer Distanzierung zumindest erklärungsbedürftig ist. Denn gemeint ist ein räumlicher Abstand und nicht eine gesellschaftliche Bewertung.

          Zum anderen allerdings ist Distanzierung nicht nur ein sozialtechnisches Steuerungsmittel zum Stoppen von Infektionsketten. Es bezeichnet ebenso ein Prinzip der menschlichen Lebensführung und der Gestaltung einer gemeinsamen Welt. Distanzierung ist uns alles andere als fremd. Man muss weder davor erschrecken noch es verteufeln. Denn Menschen führen ihr Leben, indem Distanzen gesetzt, modifiziert, gestaltet, ausgehalten oder überbrückt werden. Ohne Distanzwahrung wären Menschen nicht lebensfähig; und ohne Distanzvermittlung könnte es keine Welt geben, in der Menschen leben. Diese Dialektik von Nähe und Distanz wird wieder sichtbar, sie wird die Gesellschaft auch weiter beschäftigen.

          Die Floskel der „runtergefahrenen“ Gesellschaft

          Die Möglichkeit, sich zu distanzieren und mit Distanzen umzugehen, zeichnet die menschliche Lebensform aus. Das stete Austarieren von Nähe und Distanz ist alles andere als neu oder außergewöhnlich, es hat seinen Sitz im Leben des Menschen. Auch die größte Nähe ist nur durch Distanz als eine menschliche Nähe zu verstehen. Georg Simmel beschreibt an der Wende zum 20. Jahrhundert in der Philosophie des Geldes „das Aneinander-Gedrängtsein und das bunte Durcheinander des großstädtischen Verkehrs“, welches ohne die Vermittlung des Geldes als einer distanzierenden Instanz „einfach unerträglich“ sei. „Dass man sich mit einer so ungeheuren Zahl Menschen so nahe auf den Leib rückt wie die jetzige Stadtkultur mit ihrem kommerziellen, fachlichen, geselligen Verkehr es bewirkt, würde den modernen, sensiblen und nervösen Menschen völlig verzweifeln lassen.“ Selbst die dichteste Nähe ist immer eine vermittelte, eine distanzierte Nähe. Und auch die größte Distanz ist nicht ohne eine vermittelnde Annäherung zu haben. Diese Dialektik zeichnet die Kultur als Welt des Menschen aus.

          Helmuth Plessner weist den Habitus der Distanz als eine Tugend der modernen Gesellschaft aus, die unter anderem in der Notwendigkeit des Taktes zum Ausdruck kommt. Der Distanzlose ist taktlos. In der modernen Gesellschaft lässt sich nicht einfach darüber verhandeln, ob „das Spiel der gegenseitigen Distanz gespielt“ wird. Man kann nur die Spielzüge und die Spielregeln kultivieren oder auch verlernen und damit taktlos werden. Es verwundert nicht, dass Hans Blumenberg, bestens geschult in der philosophischen Anthropologie und der Kulturphilosophie, auf die Frage, wie der Mensch möglich sei, schlicht antwortet: „durch Distanz“.

          Menschen gehen auf Distanz, um das Leben zu sichern, sie managen Distanzen, um das Leben zu führen, und sie vermitteln Distanzen, um neue Formen indirekter Nähe zu schaffen. Natürlich wird man über die Verhältnismäßigkeit einzelner aktueller politischer Maßnahmen sprechen müssen. Die wirtschaftlichen Folgen, die kaum mehr kalkulierbar, geschweige denn übersehbar sind, prägen schon jetzt das politische Geschäft; und sie werden es weiterhin national, aber auch international bestimmen. Auch gibt es einen Unterschied zwischen selbstgewählter, empfohlener, erlittener und verordneter Distanzierung, der nicht aus dem Blick geraten darf. Und selbstverständlich werden Einschränkungen in bestimmten Lebenslagen als bedrückend erlebt, im familiären Umfeld, unter Freunden, aber auch im Beruf.

          Die politische Urteilskraft, die mehr als nur eine Perspektive im Blick haben muss, kann in solchen Situationen nicht delegiert werden, sie ist gerade hier besonders gefragt. Auch ist über die fragwürdige Rhetorik zu diskutieren, die sich gelegentlich aufdrängt. Denn im Krieg beispielsweise befindet sich niemand. Ebenso sind die Floskeln, dass eine Gesellschaft ins Koma versetzt, runtergefahren oder stillgestellt werde, wenig hilfreich. Das Gegenteil, höchste Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, ist allerorten zu beobachten.

          Und man wird, dies ist sicherlich eine der komplexesten Fragen, sich sehr rasch überlegen müssen, wie man die Maßnahmen zurücknimmt. Politisches Handeln kann sich nicht darauf beschränken, allein die Gegenwart zu meistern, der Blick muss auch und gerade jetzt weiter reichen. Denn die Plastizität des kulturellen Spiels von Nähe und Distanz, die gegenwärtig auf eine Probe gestellt wird, darf für die Zukunft nicht außer Kraft gesetzt werden.

          Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Koblenz-Landau.

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