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Namenspaten für Hochschulen : Mehr als nur ein Name

  • -Aktualisiert am

Weil der Namensgeber der Beuth-Hochschule für Technik ein Antisemit war, wird die BHT nun umbenannt – und der 173 Tonnen schwere Betonschriftzug vor dem Campus entfernt. Bild: Picture-Alliance

Darüber, wie Hochschulen heißen sollen, gibt es häufig Streit. Vor allem, weil man nach weiblichen Namenspatinnen lange suchen muss.

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          Was haben die Heinrich-Heine-Universität, die Carl von Ossietzky Uni und die Beuth Hochschule für Technik gemeinsam? Klar, einen Mann als Patron. Aber das gilt für 96 Prozent aller Hochschulen, die nach einer Person benannt sind. Das Besondere an den drei Institutionen in Düsseldorf, Oldenburg und Berlin: Sie haben erst lange nach ihrer Gründung nach einem Namenspaten gesucht und jahrzehntelang darüber gestritten.

          An der Heine-Uni dauerte die Auseinandersetzung über ihren Namensgeber, den Dichter, zwanzig Jahre lang. In Oldenburg stritt man sich sogar fast 30 Jahre lang über den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen KZ-Gefangenen Carl von Ossietzky. Am Ende entschuldigte sich der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder bei den Nachfahren Ossietzkys persönlich für den erbitterten Streit.

          An der Beuth Hochschule hatte man sich erst vor zwölf Jahren darauf geeinigt, die damalige Technische Fachhochschule wieder nach dem Wegbereiter der Ingenieurswissenschaften, Christian Peter Wilhelm Beuth, zu benennen. Doch Beuth entpuppte sich als Antisemit. Auf Druck zweier Dozenten und vor allem der Studierenden hat die Hochschule nun schon zum zweiten Mal in ihrer Geschichte nach einem neuen Namen gesucht. „Wir hatten viele Vorschläge zu Namensträgern und gerade auch -trägerinnen, angefangen von Lise Meitner bis zu Greta Thunberg“, erzählt die Sprecherin der Hochschule. Vom 1. Oktober an wird die Berliner Institution aber nicht nach einer Frau benannt werden, sondern nur noch „Berliner Hochschule für Technik“ heißen. Die Hochschule teilt mit, sie wolle nicht wieder das Risiko eines Streits um einen Namensgeber oder eben eine Namensgeberin eingehen. „Da sind wir jetzt gebrannte Kinder“, sagt die Sprecherin, die schon die Umbenennung vor zwölf Jahren begleitet hatte.

          „Schwer, welche zu finden“

          Dabei wäre der ersten technischen Hochschule, die eine Frau im Namen trägt, viel Aufmerksamkeit sicher gewesen. Bisher ist nämlich keine einzige deutsche Universität nach einer Frau benannt. Lediglich zwei Fachhochschulen tragen den Namen ihrer Gründerinnen, bedienen aber auch Ausbildungen, die als typisch weiblich gelten: die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit, Erziehung und Gesundheit und die Palucca Hochschule für Tanz in Dresden, die auf die Künstlerin Grit Palucca zurückgeht. „Da Frauen vom Wissenschaftsbetrieb seit Jahrhunderten ausgeschlossen waren, ist es schwer, welche zu finden“, sagt die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger. Hochschulgründerinnen sowieso, aber auch Wissenschaftlerinnen, mit denen Studierende heute noch etwas anfangen könnten.

          Besonders radikal war das 19. Jahrhundert in dieser Hinsicht, so Stollberg-Rilinger. „Die paar Frauen, die es gibt, hat man mittlerweile in Förderprogrammen gewürdigt, etwa Emmy Noether oder Marie Curie.“ Nach der zweifachen Nobelpreisträgerin sind eine polnische und eine französische Universität benannt, passend zum Lebensweg der gebürtigen Polin. Der Name ist also schon mehrfach in Benutzung.

          Bei Emmy Noether ist das anders, aber in ihrem Fall sind sich Wissenschaftlerinnen uneinig. Dorothea Wagner, Vorsitzende des Wissenschaftsrats, hat die Mathematikerin aus Erlangen als Namenspatin für die Friedrich-Alexander-Universität oder die neu gegründete Technische Universität in Nürnberg vorgeschlagen. Doch die Tübinger Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard ist sich nicht so sicher, ob das eine gute Idee ist. „Frauen müsste man mit den gleichen Maßstäben wie Männer bewerten, was den Wirkungskreis oder die Bedeutung angeht“, sagt die Biochemikerin. Erst das Förderprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft, das nach der Mathematikerin benannt ist, habe Noether bundesweit bekannt gemacht – nicht ihre wissenschaftlichen Leistungen, „Das ist eben der Unterschied zwischen ihr und Marie Curie oder Hannah Arendt – die kennt man auch so“, meint Nüsslein-Volhard. Konsequenterweise findet sie den Vorschlag, selbst Namensgeberin der Universität Tübingen zu werden „äußerst peinlich: Solange ich noch lebe, möchte ich nicht, dass die Leute irgendwas mit mir assoziieren, ohne mich zu kennen.“

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