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Triales Studium fürs Handwerk : Aus drei mach eins

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In der Backstube groß geworden

Auch Nicolas Biere kannte den Arbeitsalltag in seinem Beruf schon als Kind. „Ich bin quasi in der Backstube groß geworden. Es war immer klar, dass ich Bäcker werden will“, sagt er. Das triale Studium schien die perfekte Möglichkeit. „So konnte ich meine Liebe zum Handwerk mit Betriebswirtschaft kombinieren.“ Im Studium lernte Biere, nicht nur mit Zahlen umzugehen, sondern auch von seinen Kommilitonen und Kommilitoninnen aus anderen Fachbereichen, vor welchen Herausforderungen sie und ihre Betriebe stehen. Er liebt aber auch „richtig gutes Brot“ und die Kreativität, die im Bäckerberuf steckt. Weil er im Handwerk nur von den Besten lernen wollte, ging er nicht auf eine Meisterschule direkt in der Nähe von Köln, sondern pendelte für seine Kurse zwei Stunden lang zur Bäckerfachschule nach Olpe.

So schön es klingt, alles auf einmal machen zu können – so anstrengend ist es auch. Das weiß Harald Vergossen, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Studiengangsleiter an der Hochschule Niederrhein. „Die größte Herausforderung ist für die Studierenden, alles unter einen Hut zu bekommen“, sagt er. „Das ist eine extreme Belastung, die längst nicht immer gelingt.“ Die Studierenden bestätigen die Einschätzung des Professors. „Den Berufsalltag auf die Uni abzustimmen ist schwierig“, sagt Dominik Drabe. Er erzählt von der Zeit, als die Klausuren im Studium zusammenfielen mit den Prüfungen in der Ausbildung. Oder mit schwierigen Zeiten zu Hause, wie es Lina Höttges erlebt hat. „Es gab auch Momente, in denen ich das Ganze nicht mehr machen wollte“, sagt sie. Da hilft die Pandemie gerade sogar ein bisschen: Wenn alles online stattfindet, ist man zumindest flexibler.

Professor Vergossen sagt, eigentlich dürfte das triale Studium nicht so anstrengend sein, wie es gerade oft ist. Zwar wünschen sich die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber im Handwerk gut- ausgebildeten Nachwuchs, aber trotzdem haben nicht alle Verständnis für Programme wie das triale Studium. „Eigentlich sollten die Studierenden freitags freigestellt werden“, sagt Vergossen, „aber viele von ihnen kommen dann im Blaumann zur Uni.“ Da gerade die Auftragslage im Handwerk so gut sei, wollten und könnten viele Betriebe nicht auf die Arbeitskräfte verzichten. Dominik Drabe kann bestätigen, dass es nicht immer so leicht ist, beim Arbeitgeber die Zeit, die man für das Studium braucht, auch durchzusetzen. Schon mit einem Abi sei er eine Art Sonderling gewesen, erzählt Drabe. Inzwischen arbeitet er bei einem anderen Betrieb in der Industrie und erhält mehr Unterstützung.

Nicht alle bleiben dabei

Die ersten Studierenden, die 2015 wie Drabe in Mönchengladbach mit dem trialen Studium begonnen haben, haben auch gemerkt, wie groß die Herausforderungen sind. Statt nach fünf werden sie nun im Sommer nach sechs Jahren fertig. „Wir versuchen auf jeden einzeln einzugehen“, erklärt Studiengangskoordinator René Steinwartz, aber nicht allen reicht das: Rund 15 Studierende beginnen jedes Jahr an der Hochschule Niederrhein ein triales Studium, aus den vergangenen fünf Jahren sind aber bloß 55 bis heute dabei. „Wir sagen von Anfang an offen und ehrlich, dass das eine große Herausforderung ist“, meint Steinwartz. Trotzdem merkten einige Studierende erst im Laufe der Zeit, dass das nichts für sie sei.

Nicolas Biere ist sich sicher, dass sich die Ausbildung gelohnt hat. Er hat noch einen Master im Fernstudium angeschlossen, seit dem vergangenen Oktober ist er damit fertig. Mit Mitte 20 ist er Betriebsleiter der Bäckerei Josef Hinkel in Düsseldorf. „Ich fühle mich hier sehr wohl“, meint er. Außerdem hat Biere das Gefühl, dass er im Alltag perfekt kombinieren kann, was er in Studium und Ausbildung gelernt hat. Gerade jetzt während der Pandemie hat ihm das geholfen, digitale Lösungen für seine Bäckerei zu entwickeln. Kundinnen und Kunden können nun im Internet bestellen, am Fenster einen Code scannen und bekommen dann ihren Einkauf kontaktlos nach draußen gereicht. „Ich würde das jedem empfehlen“, sagt Biere über seine Ausbildung. „Es ist zwar anstrengend, aber das zahlt sich doppelt und dreifach aus.“

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