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Im Ausland zur Uni : Europäisch studieren

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Ein Studium für ganz Europa – noch ist das Zukunftsmusik. Bild: dpa

Mit ein und demselben Studentenausweis mal in Tübingen, mal in Rom und mal in Brüssel an die Uni gehen – nur ein verrückter Traum? Nicht ganz!

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          Man stelle sich vor: Die Einschreibung an einer einzigen Universität reicht aus, um an mehreren Unis in verschiedenen Ländern Europas zu studieren. Mit ein und demselben Studenten- und Bibliotheksausweis. In verschiedenen Sprachen. Nach ein und demselben Studienplan. Ohne Semesterzwang, auch gerne nur wochen- und projektweise. Ohne Verlängerung des Studiums und ohne nennenswerte zusätzliche Kosten. Am Ende bekommt der Europastudent ein Zeugnis über einen europäischen Abschluss und spricht nicht nur mehrere Sprachen, sondern hat auch Kenntnisse von diversen europäischen Kulturen erlangt. So stellt sich die Europäische Union (EU) die Universität der Zukunft vor, die dann konsequenterweise „Europäische Universität“ heißt und nun tatsächlich auf den Weg gebracht werden soll (siehe Kasten).

          Wer sich künftig also an der Freien Universität Berlin (FU) einschreibt, so die Idee, kann auch in Bologna, Leuven, Edinburgh, Madrid, Paris oder Krakau studieren, weil diese Unis ein gemeinsames Netzwerk bilden. Und wer sich in Tübingen einschreibt, darf auch an den Unis in Athen, Stockholm, Madrid, Rom, Bukarest, Marseille und Brüssel Mensen und Bibliotheken benutzen. Da die Netzwerke zwischen all den Universitäten ganz frisch sind und noch viel Planungsarbeit benötigen, bekommen sie jeweils in den kommenden drei Jahren bis zu fünf Millionen Euro Startkapital von der EU. Das Gesamtbudget für das Projekt beträgt bis zu 85 Millionen Euro.

          Ein Blick nach Bremen zeigt, dass unter den an dem Projekt beteiligten Akteuren zwar viel Enthusiasmus und Engagement vorhanden ist, aber auch dass beides weiterhin bitter nötig sein wird. „Wir müssen alle zusammenarbeiten, um eine Europäische Universität zu verwirklichen: Wissenschaft, Politik und Wirtschaft“, sagte Bernd Scholz-Reiter, Rektor der dortigen Universität, im Rahmen der öffentlichen Vorstellung von „YUFE“. Die Abkürzung steht für „Young Universities for the Future of Europe“. Dieses bestimmte Netzwerk umfasst als „Vollmitglieder“ neben der Universität Bremen die Hochschulen von Maastricht, Antwerpen, Madrid, Zypern, Ostfinnland, Essex und Rom. Hinzu kommen sechs „assoziierte Partner“, darunter auch Wirtschaftsunternehmen wie die französische Adecco Group.

          Flexible Zeiträume

          Scholz-Reiter schwärmt bei Häppchen und Sekt im Bremer „Europa-Punkt“ von einer „völlig neuen Uni, die es so noch nicht in Europa gibt“. Man tue nun „die ersten Schritte“, stehe aber noch „ganz am Anfang“. Das europäische Austauschprogramm Erasmus sei für viele Studenten „mit großen Unsicherheiten“ verbunden. Das soll sich mit YUFE ändern, verspricht er, es soll „die Sicherheit für die Studenten, aber auch die Fähigkeit zur Mehrsprachigkeit erhöhen“. Die Aufenthalte an den bei YUFE beteiligten Unis seien selbstverständlich freiwillig, niemand würde gezwungen, im Ausland zu studieren. „Wer seinen Abschluss in Bremen machen will, wo er sich auch eingeschrieben hat, kann das selbstverständlich auch weiterhin machen.“

          Aber gab und gibt es nicht schon genügend Möglichkeiten für junge Leute, während des Studiums ins Ausland zu gehen, zum Beispiel eben über das Erasmus-Programm? Konrektorin Eva-Maria Feichtner stimmt dem zu, glaubt aber, dass das Auslandsstudium dank YUFE künftig „einfacher und lockerer funktionieren“ wird. „Bislang wirkt sich ein Studienaufenthalt an einer ausländischen Hochschule oft studienverlängernd aus. Mit YUFE soll dann vieles standardmäßig geregelt sein, vom Studentenausweis über den einheitlichen Studienplan bis hin zu den Partnerbetrieben für Praktika in der örtlichen Wirtschaft und günstigen Wohnmöglichkeiten vor Ort.“ Der Anreiz, ins Ausland zu gehen, soll „niederschwelliger“ werden.

          Erst kürzlich beklagten die Vorsitzenden des Philosophischen Fakultätentages, Bernadette Malinowski von der TU Chemnitz und Michael Sommer von der Uni Oldenburg, in der F.A.Z., dass für Studierende fast nur Erasmus-Studienplätze im englischsprachigen Ausland attraktiv seien, allenfalls noch an Universitäten, die über englischsprachige Studienprogramme verfügten. Fatalerweise hätte die Modularisierung der Studiengänge auch nicht die Mobilität der Studierenden gefördert, sondern sie „eher sesshaft“ gemacht. „Ein neues Land über das Studium in der dortigen Landessprache kennenzulernen, erscheint vielen unter dem Druck des dauernden Geprüftwerdens als unkalkulierbares Risiko“, bedauerten die Professoren.

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