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Berlin : Humboldt-Universität verliert Prozess gegen Plagiatorin

  • -Aktualisiert am

Humboldt-Denkmal an der Straße „Unter den Linden“ Bild: picture alliance / dpa

Sie plagiierte in Dissertation und Habilitation. Doch wegen eines Formfehlers seitens der Humboldt-Universität kann eine Mainzer Professorin ihren Doktorgrad weiter tragen. Die oppositionelle Berliner CDU tobt.

          2 Min.

          Promotion und Habilitation an der Humboldt-Universität zu Berlin, seit dem Jahr 2011 Professorin für Soziologie an der Universität Mainz, seit langer Zeit Betreuerin von Doktoranden: Die wissenschaftliche Karriere von Marina Hennig ist nicht außergewöhnlich, aber erfolgreich. Doch es ist eine Karriere, die auf Verstößen gegen die gute wissenschaftliche Praxis aufgebaut wurde. In beiden Qualifizierungsarbeiten fand die Wissenschaftsplattform VroniPlag Wiki Plagiate in erheblichem Umfang.

          Die Humboldt-Universität (HU) prüfte daraufhin die Doktorarbeit und entzog den entsprechenden Grad. Damit wäre nach Berliner Landesrecht auch die Lehrbefähigung beendet gewesen. Doch wegen eines Formfehlers im Aberkennungsverfahren gewann Hennig nun ihren Anfechtungsprozess vor dem Berliner Verwaltungsgericht. Sie darf ihren Doktorgrad weiter führen. Zuerst hatte der „Spiegel“ berichtet.

          Neues Verfahren dürfte Jahre dauern

          Das Verwaltungsgerichte teilte der F.A.Z. mit, man sei zu der Ansicht gelangt, dass die Promotionskommission nach dem Ausscheiden eines Mitglieds wegen Besorgnis der Befangenheit nicht mehr ordnungsgemäß besetzt gewesen sei. Zur materiell-rechtlichen Frage der Täuschung, dem Plagiat, hätte man deshalb keine Ausführungen machen müssen.

          Die im Land Berlin oppositionelle CDU ist entsetzt. Gegenüber der F.A.Z. fordert der wissenschaftspolitische Sprecher der Fraktion im Abgeordnetenhaus, Adrian Grasse, eine Wiederholung des Verfahrens. „Generell sollten solche Prüfkommissionen mehrheitlich mit externen und damit unabhängigen Gutachtern besetzt werden“, sagt er.

          Er beklagt eine mangelnde Transparenz und die lange Dauer des Verfahrens. In der Tat brauchte das Berliner Verwaltungsgericht ungefähr dreieinhalb Jahre, um über Hennigs Klage zu entscheiden – und damit weitaus länger als im Durchschnitt aller Verfahren. Grund dafür ist unter anderem eine Unterbesetzung der Kammer. Da ein neues Verfahren abermals Jahre in Anspruch nehmen wird, und Hennig dagegen Berufung und Revision einlegen kann, wird die 1961 Geborene vermutlich in einigen Jahren als vollalimentierte Professorin in den Ruhestand gehen können. Sie könnte zwar später einen Teil ihrer Pension aberkannt bekommen, wogegen sie aber erneut Rechtsmittel einlegen dürfte.

          In der HU berät nun die zuständige Fakultät in Abstimmung mit dem Präsidium das weitere Vorgehen. Bisher sind in Deutschland erst fünf Gradentzugsverfahren nach Plagiaten wegen formeller Fehler vor Gericht gescheitert. Im Jahr 2016 hatte schon einmal ein Entziehungsbescheid der HU keinen Bestand vor Gericht. CDU-Mann Grasse sieht daher Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Ruf des Wissenschaftsstandortes Berlin beschädigt. Er verweist zudem auf das verunglückte Entzugsverfahren im Plagiatsfall Franziska Giffey – das die Freie Universität zu verantworten hatte.

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