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Hochschulsystem : Wissenschaftsskepsis unter Wissenschaftlern

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Das Wissenschaftsbarometer befragt Wissenschaftler über das Hochschulsystem, im Bild die Humboldt-Universität zu Berlin Bild: dpa

Nach dem neuen Wissenschaftsbarometer wird an den Hochschulen zu viel verwaltet und zu wenig geforscht. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit von Studien ist nicht sehr ausgeprägt.

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          Wer den „Zustand“ des deutschen Hochschulsystems messen möchte, hat eine ganze Reihe von Größen zur Auswahl. Am naheliegendsten ist sicher die Frage, ob die wissenschaftlichen Mitglieder der Hochschulen wirklich zum Forschen kommen. Nach dem „Barometer für die Wissenschaft“, den das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung jetzt zum dritten Mal erhoben hat, können die 8822 Befragten aus allen Statusgruppen der Hochschulen immerhin 42 Prozent ihrer Arbeitszeit für die Forschung aufwenden. Der Rest geht drauf für Lehre und Betreuung, Drittmittelakquise und die akademische Selbstverwaltung.

          Allerdings ist das ein Durchschnittswert. Die Professoren können gerade noch 22 Prozent ihrer Zeit für die Forschung aufwenden, der wissenschaftliche Nachwuchs vor der Promotion aber auch nur 50 Prozent. Darüber klagen besonders die Professoren, der Zufriedenheit mit ihrer Position im Wissenschaftssystem tut das aber keinen Abbruch. Die fällt laut dem Barometer nämlich gerade bei ihnen sehr hoch aus, während der bereits promovierte Nachwuchs insbesondere mit seinen beruflichen Perspektiven sehr unzufrieden ist.

          Auch das ist keine neue Klage. Die Befunde des Barometers lassen allerdings an ihrer Begründung zweifeln. So haben sich die vertraglichen Arbeitsbedingungen des Mittelbaus infolge der Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes von 2016 deutlich verbessert. Überall hat sich der Anteil längerer Verträge von mehr als zwei Jahren erhöht. Von den Postdocs etwa geben 39 Prozent an, ihr Vertrag habe eine Laufzeit von drei Jahren, bei 23 Prozent lag sie sogar noch darüber. Dasselbe gilt für die an eine Promotion gebundenen Verträge. Hinzu kommt, dass die durchschnittliche Anzahl von betreuten Promotionen bei den befragten Professoren in allen Fächern sinkt. Außerdem sagen in dieser Umfrage 46 Prozent der Doktoranden, die Wissenschaft nach der Promotion sowieso verlassen zu wollen. Von denen, die nach dem Titel als Postdoc im System bleiben, geben immerhin 42 Prozent an, eine Professur anzustreben. Aber fast ebenso viele würden sich auch mit einer anderen Position in der Wissenschaft zufriedengeben.

          Vorteil für „Renommierte“

          Am schlechtesten bewerten die Befragten die Leistungsgerechtigkeit des Wissenschaftssystems. Mehr als sechzig Prozent finden sie schlecht bis sehr schlecht. Diese Einschätzung findet sich auch in den hohen Zustimmungsraten zu solchen Aussagen wie etwa, dass „renommierte Forscher“ alle DFG-Projekte bewilligt bekämen, auch die weniger guten. Knapp achtzig Prozent sind davon überzeugt, dass ihre Anträge oft von Konkurrenten begutachtet würden, denen es an kollegialer Neutralität fehle, weshalb man verstärkt Gutachter aus dem Ausland heranziehen sollte.

          Da überrascht es nicht, dass die Bereitschaft, als Gutachter von Förderanträgen zur Verfügung zu stehen, laut dem Barometer in den vergangenen zehn Jahren in allen Fächergruppen deutlich gesunken ist. Das gilt genauso für die Mitarbeit im Peer-Review-Verfahren der wissenschaftlichen Zeitschriften. Publiziert wird natürlich trotzdem immer mehr. Zugleich wird beklagt, dass der Antragsaufwand für Drittmittelprojekte im Verhältnis zum Ertrag immer größer und die Drittmittel für anspruchsvolle Forschung immer geringer würden.

          Geringes Vertrauen

          Aber sind für anspruchsvolle Forschung nicht die Exzellenzuniversitäten gekürt worden? Deren Beurteilung fällt ernüchternd aus. Selbst die Mitarbeiter der aktuell als exzellent geförderten Universitäten glauben nur zu 36 Prozent an eine „positive Auswirkung“ der Exzellenzstrategie auf den Wissenschaftsstandort Deutschland.

          Auch die in den letzten Jahren unter dem Stichwort „Replikationskrise“ diskutierten Zweifel an der Belastbarkeit der Forschungsergebnisse bilden sich im Wissenschaftsbarometer ab. Im Schnitt halten die Wissenschaftler nur siebzig Prozent des in ihrem Fachgebiet produzierten Wissens für „prinzipiell belastbar“. Ein Fünftel der Befragten ist sogar davon überzeugt, dass weniger als die Hälfte dieses Wissens vertrauenswürdig ist. Natürlich gibt es hier große Unterschiede zwischen den einzelnen Fächern, so ist das Vertrauen etwa der Mathematiker in die Validität ihrer Erkenntnisse sehr hoch, während etwa die Psychologen im Schnitt gerade einmal 53 Prozent ihres publizierten Wissensbestandes für belastbar halten. Wer also glaubt, Wissenschaftsskepsis grassiere allein außerhalb der Wissenschaft, wird von den Befunden dieser Umfrage eines Besseren belehrt.

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