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Hochschullehre : Wege aus der digitalen Steinzeit

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Laptops auf, Google nutzen – und der Professor sitzt inmitten der Studierenden: So sieht digitale Lehre nach Meinung von Jürgen Handke aus. Bild: Uni Marburg

Der klassischen Hochschullehre fehlt es an so einigem: Qualitätssicherung, Transparenz, Zielgruppendifferenzierung – und Aufmerksamkeit der Studierenden. Die Digitalisierung ist der Schlüssel zur Lösung. Ein Gastbeitrag.

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          Da sind sie wieder, die Warner, die Bewahrer, die mit diffusen Ängsten operieren und uns in schöner Regelmäßigkeit weismachen wollen, welch schlimme Konsequenzen die Digitalisierung der Bildung doch hat. Im F.A.Z.-Gastbeitrag „Der Bildungsferne Campus“ vom 30.9.2019, wird Stimmung gemacht mit Begriffen aus negativ besetzten semantischen Feldern (z.B. „klagen“, „abschaffen“, „unterlaufen“). Mit bekannten Phrasen wie „sozial isoliertes Lernen“ oder „persuasive Technologien“ sollen die nicht zu bändigenden Risiken der Digitalisierung der Bildung plausibel gemacht werden. Da werden wie üblich die Kopfschmerzen und Handkrämpfe von Kindern bei der Arbeit am Laptop ins Feld geführt, es werden fast schon reflexartig Aspekte des Datenschutzes und die Verwerflichkeit der sozialen Netze diskutiert, sowie das kommerzielle Interesse von internationalen Bildungsanbietern als primäres Digitalisierungsziel ausgegeben.

          Sind das die letzten Rückzugsgefechte der erbitterten Gegner der Digitalisierung der Bildung? Oder müssen wir, die wir versuchen, endlich die digitale Steinzeit hinter uns zu lassen, in der Browsernutzung, E-Mail und die Verwendung einer Textverarbeitung bei vielen Lehrkräften immer noch die einzigen elektronischen Werkzeuge des täglichen Arbeitens sind, die Ausführungen des Autoren wirklich ernst nehmen?

          2014 hatte ich in meinem Buch „Patient Hochschullehre“ auf eine Beweislastumkehr gehofft, nach der im Internetzeitalter nicht die Entwickler digitaler Lehrszenarien, sondern die Befürworter klassischer Lehrformate nachweisen müssten, welche Vorteile ihre typisch deutsche Bewahrungskultur hat. Doch Aussagen wie „kein Mensch lernt digital“ im Gastbeitrag vom 30.9. zeigen deutlich, dass der Verfasser, wenn überhaupt, nur ein oberflächliches Verständnis von digitaler Lehre hat – und schon gar nicht von der Hochschullehre, wie er es durch den Begriff „Campus“ im Titel zu suggerieren versucht. All das macht deutlich, dass immer noch Klärungsbedarf besteht, insbesondere im Hochschulbereich. Dem will ich gern nachkommen und darlegen, wie sich der Campus im 21. Jahrhundert verändert.

          Von der klassischen Hochschullehre zur Digitalen Integration

          Viele Lehrveranstaltungen folgen seit Jahrhunderten einem festen Schema. In einem Hörsaal be-„lehrt“ ein „Lehrmeister“ sein Publikum, zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, nach dem vom ihm vorgegebenen Lehrtempo. In einer derartig organisierten Vor„lesung“ besteht die Hauptaufgabe der Studenten darin, zuzu-„hören“ (deshalb auch „Hörsaal“) und so gut es geht, das vermittelte Wissen zu erschließen. Da das nur wenigen direkt im Hörsaal gelingt, gehört zur klassischen Vorlesung immer auch eine Inhaltsvertiefungsphase, in der die im Hörsaal vorgetragenen Wissensmengen in Eigenarbeit oder in manchen Fächern in Kleingruppen durch zusätzliche Aufgaben vertieft werden. Typische Merkmale der klassischen Vorlesung sind:

          • Lehrer-Lerner-Synchronizität (gleiche Zeit/gleicher Ort für alle Teilnehmer)
          • Lehrerzentriertheit (vom Lehrer bestimmtes Lerntempo und Lernintensität)

          Hinzu kommen Probleme, die in traditionellen Lehrszenarien überhaupt nicht oder nur über zusätzliche Personalmittel gelöst werden können:

          • Mangelhafte Qualitätssicherung und Transparenz
          • Fehlende inhaltliche Quantitätsgarantien
          • Keine Zielgruppendifferenzierung
          • Schlechte Skalierbarkeit
          • Schneller Abfall der Aufmerksamkeit

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