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Präsenz an den Unis : Lehrst du noch, oder streamst du schon?

Studierende sitzen am 1. März 2021 in einem Hörsaal kurz vor einer Klausur mit Sicherheitsabstand an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Bild: Finn Winkler

Langsame Heimkehr: Das Zaudern bei der Rückkehr zum Präsenzbetrieb zeigt bekannte Strukturprobleme der Hochschulen. Den Mythos der Online-Lehre hat Corona entzaubert.

          3 Min.

          Über alle föderalen Unterschiede hinweg lässt sich zumindest eines sagen: Überstürzt ist das Tempo nicht, in dem die Hochschulen auf den fortschreitend virenfreien Campus zurückstreben. In Baden-Württemberg finden schon seit Mitte Mai wieder Seminare statt. Soweit es die Inzidenzwerte zulassen, sollen die Lockerungen ausgebaut werden. In anderen Ländern wie Berlin oder Hamburg sieht es dagegen so aus, als müssten die Hochschulleitungen von den Ministerien oder studentischen Initiativen regelrecht auf den Campus zurückgetrieben werden. Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, hat für das „Hybrid-Semester“ im Winter die bescheidene Quote von dreißig Prozent Präsenz in Aussicht gestellt. Bis zu vierzig Prozent der Seminare sollten in Zukunft ohnehin „gestreamt“ werden. Eine Rückkehr zu den alten Lehrformen könne es nicht geben. Warum eigentlich nicht? Weil das Studium kein sozialer Ort mehr sein darf?

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Sicher darf man nicht vergessen, dass bislang nur wenige Studenten geimpft und manche zu ihren Eltern zurückgezogen sind. Wie ist aber zu erklären, dass das in Baden-Württemberg kein Hinderungsgrund ist, während beispielsweise an der Technischen Universität Berlin der Plan der Landesregierung, noch in diesem Sommer Präsenz zu zeigen, von Professoren mit Spott kommentiert wird?

          Mit regionalen Schwankungen schreiben die Hochschulen das Bild fort, das sie während der Pandemie boten. Konnte die freiwillige Selbstklausur während der Corona-Hochzeit noch als vorbildliche Selbstbeschränkung einer wissenschaftlich denkenden Institution und als Crashkurs in Sachen Onlinelehre gedeutet werden, so war schon gespenstisch, wie demütig Verordnungen hingenommen wurden, die für Wissenschaftler und Studenten tiefe Einschnitte bedeuteten.

          Die soziale Komponente ist elementar

          Die Hochschulrektorenkonferenz hatte früh den Ton gesetzt, als sie die Pandemie zur Chance für den Umstieg auf die Onlinelehre erklärte, bei der Deutschland, wie von der Bertelsmann-Stiftung und anderen Interessensverbänden seit Jahren gepredigt wird, „weit hinterherhinke“ – ohne dass je zu erfahren gewesen wäre, welche phänomenalen Vorteile die Onlinelehre denn nun biete außer ein paar auflockernden Spielelementen. Man darf die Pandemie ruhig einmal für die Erkenntnis nutzen, dass die digitale Utopie in der Lehre gescheitert ist. Die psychischen Folgen sind ausreichend dokumentiert, und dass es dem sozialen Zusammenhalt nicht förderlich ist, wenn Studenten ihr Studium vom Bildschirm aus absolvieren, muss man nicht extra erforschen. Das hat Onlineevangelisten nicht davon abgebracht, ihre Heilsbotschaften zu differenzieren.

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          Während digitale Methoden in Forschung und Lehre kontinuierlich ausgebaut werden, konnte für die Lehre bis heute nicht überzeugend dargelegt werden, worin überhaupt der Gewinn von Bildschirmseminaren besteht. Dass für ein Präsenzseminar digitale Hilfsmittel verwendet werden, ist selbstverständlich, ersetzt aber nicht den Veranstaltungstyp selbst. Das mag man selbst für die Vorlesungen sagen, die besonders in der Kritik stehen. Ist es wirklich schöner, nur über den Bildschirm am akademischen Leben „teilzunehmen“? Sind Schönheit und Lebenserfahrung keine Kategorien der Bildungspolitik, oder werden sie es erst dann, wenn Psychologen nachweisen, dass daraus Motivation hervorgeht, die auch in der Arbeitswelt Vorteile bringt? Zumindest in philosophisch anspruchsvollen Fächern bedeutet das Studium eine schockartige Erweiterung der Realität. Das Kinderzimmer ist dafür nicht unbedingt die Ausgangsbasis. Und wer sich mit Peter-André Alt auf Streaming-Sessions freut, mag sicher auch Plastikblumen.

          Dass die Hochschulen trotzdem so schwer in die Gänge kommen, liegt an bekannten Strukturproblemen. Manche wiesen während der Pandemie darauf hin, dass es mit den überfüllten Präsenzseminaren auch nicht so weit her gewesen sei. Das ist jedoch keine Frage von online oder offline, sondern eine Folge des schlechten Betreuungsschlüssels. Es ist auch nicht überraschend, dass Dozenten lieber vom Bildschirm aus lehren, als ihre Zeit im ICE zu verbringen. Hier setzen sich bekannte Fehlstellungen der Hochschulpolitik fort: der Zwang zum häufigen Wohnortwechsel, der von der überdrehten Projektforschung forciert wird, und die Tatsache, dass Lehre für die wissenschaftliche Karriere nichts bringt. Die überfüllten Seminare sind wiederum Folge des politischen Wunsches, immer mehr Studenten auf Kosten der Lehrqualität durch die Hochschulen zu schleusen. Wenn die Universitäten darüber die Lust an sich selbst verlieren, ist das ein Warnzeichen.

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