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Angriff auf Forschungsrechner : Shutdown der Rechensysteme

Von Hackern vorübergehend lahmgelegt: der „Supermuc“ in Garching, der den zehn schnellsten Rechner der Welt gehört Bild: dpa

Ein Hackerangriff legt die größten deutschen Forschungsrechner lahm. Wie lange der Ausfall dauert, ist ungewiss. Die Attacke trifft zentrale Bereiche der Forschung ins Herz.

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          Als systemrelevant gelten, je nach Kontext, nicht nur Supermärkte und große Banken, sondern auch Supercomputer. Ohne deren Rechenleistungen läuft heute in zentralen Bereichen der Forschung nicht mehr viel. Man stelle sich also vor, die leistungsfähigsten Forschungsrechner in Deutschland wären außer Betrieb.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Genau das ist geschehen. Vor zwei Wochen wurden die drei größten deutschen Rechner, der Hawk in Stuttgart, der Supermuc in Garching und der Juwels in Jülich von einem Hackerangriff komplett lahmgelegt. Weitere Angriffe trafen Hochleistungsrechner an den Universitäten in Dresden, Karlsruhe und Freiburg, die seither ebenfalls „down“ sind. Weil gleichzeitig mehrere Rechenzentren in Europa attackiert wurden, wird ein koordinierter Angriff vermutet, möglicherweise um an Informationen über die Forschung zum Covid-19-Impfstoff zu gelangen. Gegen diese Annahme spricht allerdings, dass nicht an allen betroffenen Rechenzentren zu Corona geforscht wird.

          Haya Shulman vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie hält es nicht einmal für wahrscheinlich, dass der Angriff überhaupt der Wissenschaft gegolten hat. Forschungsdaten wurden nach ihrer Kenntnis nicht entwendet, und hätten es die Hacker tatsächlich auf die Wissenschaft abgesehen gehabt, hätten sie größeren Schaden hinterlassen können. Was aber war dann das Motiv? Laut Shulman gibt es Hinweise darauf, dass die Hacker die Rechenkraft der Supercomputer zur Herstellung von Kryptogeld anzapfen wollten. Einfallstor der Hacker waren wohl gestohlene Account-Daten. Und weil die großen europäischen Rechenzentren alle miteinander verbunden sind, reicht offenbar der Passwort-Diebstahl an einem Ort, um sich auch in die übrigen Rechenzentren einzuschleusen.

          Gravierender Schaden

          Wie immer nach Hackerangriffen ist von den Betroffenen erst einmal wenig zu erfahren. Die spärliche Informationslage wird teils damit erklärt, dass öffentliche Kommunikation von den Hackern aufmerksam verfolgt werde. Daneben ist man wohl erst einmal ratlos und schockiert. In einigen Fällen, wie in Freiburg, ist nicht einmal klar, wann der Angriff überhaupt begonnen hat.

          Der Schaden wird allgemein als gravierend eingeschätzt und wird sich nur durch die aufwendige Neuinstallation der Systeme beheben lassen. Damit fallen zentrale Bereiche der Wissenschaft vorübergehend aus. Der Rechner ist heute das Herzstück vieler Forschungen. Ob bei Klimamodellen, Gehirnsimulationen, Analysen in der Teilchenphysik oder der Wirkungsforschung von Medikamenten: Wo immer aus großen Datenmengen Muster und Modelle errechnet werden, kann auf Großrechner nicht verzichtet werden, nicht zuletzt bei der Fortentwicklung des wissenschaftlichen Computing selbst.

          Die Rechenzentren in Stuttgart, Jülich und Garching, die sich im Gauss Computing Centre zusammengeschlossen haben, sind versteckte Riesen in der Forschungslandschaft. Der Hawk und der Supermuc rangieren in der prestigereichen Liste der weltgrößten Supercomputer unter den Top Ten, der Juwels etwas dahinter. Zusammen verfügen sie über mehr als fünfzig Petaflops, also fünfzig Billiarden Rechenoperationen pro Sekunde. Der Wissenschaft hierzulande fehlt damit derzeit ein großer Teil ihrer Rechenkapazität.

          Ein Blick auf die Forschung, die in den Zentren betrieben wird, lässt das Ausmaß des Schadens erahnen. Am Garchinger Supermuc wurde beispielsweise die Entstehung des Universums erforscht, in Jülich wurden unter anderem Klimamodelle gerechnet und Hirn-Simulationen, außerdem arbeitet man am Quantencomputing, das bald Realität werden soll. Und nicht zuletzt zum Coronavirus. Ein konkretes Ziel der Attacke sei aber nicht erkennbar, teilt das Zentrum mit. Stuttgart bietet seine Rechenleistung neben der Wissenschaft auch der Industrie an, die damit Materialien oder Verkehrsmodelle optimiert. Wichtig sind die Supercomputer auch für Materialwissenschaft, Energieforschung, und Umweltforschung – alles Bereiche, die bei der Bewältigung des Klimawandels eine zentrale Rolle spielen.

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