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Ende des Austauschprogramms : Großbritannien sagt: Bye-bye Erasmus

Durch den Brexit hat Großbritannien auch das EU-Austauschprogramm Erasmus verlassen. Bild: dpa

Erasmus verbindet die Studierenden Europas, doch Großbritannien scheidet wegen des Brexits aus dem beliebten europäischen Austauschprogramm aus. Kann das „Turing“-Nachfolgeprogramm die große Lücke füllen?

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          Wo man auch hinhört, man hört Bedauern, Enttäuschung und Ärger. Der Beschluss Londons, künftig nicht mehr am Erasmus-Austauschprogramm teilzunehmen, kam für viele wie eine kalte Dusche. Man hatte gehofft, die britische Regierung werde sich für eine Fortführung entscheiden. Doch schon ein Blick in den nächsten Haushaltsplan zeigte: Da war kein Geld mehr für Erasmus vorgesehen. Das Bildungsministerium wiederum hatte schon angekündigt, an einem Alternativprogramm zu arbeiten. Also kam das Aus für Erasmus nicht ganz überraschend, das mit dem Brexit-Vertrag mit der EU zu Weihnachten verkündet wurde.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Unter Studierenden galt Erasmus in Großbritannien immer als Top-Wahl. Nun hört man überall Klagen. „Das ist schon sehr schade“, sagt Julius Bock, Doktorand und Präsident der German Society an der Cambridge University. „Erasmus war eine starke Brücke zwischen Europa und Großbritannien.“ Der 27 Jahre alte Deutsche hatte zuvor an der TU München Maschinenbau und BWL studiert, dann bekam er 2019 ein Erasmus-Stipendium für die Eliteuni Cambridge. „Eine einzigartige Chance“, sagt er. Das akademische Umfeld, neue Freundschaften, eine andere Kultur – alles hat ihn begeistert, und er wollte unbedingt wieder hin. Jetzt schreibt er in Cambridge an einer Doktorarbeit über Datenstrategien und digitale Transformation von Unternehmen.

          Es ist fast schon ein Klischee, dass Studenten den Erasmus-Austausch als „das beste Jahr meines Lebens“ bezeichnen. „Es war eine mega-coole Zeit“, sagt Luis Dubreil über seine Erfahrungen an der Universität Birmingham. „Das Highlight meines Studiums“ habe seinen Horizont erweitert, sagt der Wirtschaftsstudent von der Frankfurter Goethe-Universität. In Birmingham hätten ihn vor allem die vielen asiatischen Studenten an der Hochschule erstaunt. „In meiner Business-Studies-Klasse gab es eine Mehrheit Chinesen.“ Mit einheimischen britischen Studenten habe er dagegen gar nicht so viel Kontakt gehabt. Dass Großbritannien jetzt aus dem Erasmus-Programm ausscheidet, bedauert er sehr. „Da geht etwas kaputt.“

          Kultureller Austausch steht im Vordergrund

          Mona Stöckl, die ebenfalls Wirtschaft in Frankfurt studiert, kommt noch heute ins Schwärmen, wenn sie an ihr Semester an der Northumbria-Universität in Newcastle zurückdenkt. „Eine wunderbare, sehr glückliche Zeit war das“, sagt sie. Akademisch habe es ihr viel gebracht. Während an der Goethe-Uni die Anfängervorlesungen mit bis zu 600 Leuten überfüllt sind, gab es in Newcastle kleinere Kurse mit persönlichen Kontakten zu den Dozenten. Und sie hat schöne Erinnerungen an ihre WG in Newcastle. „Wir waren acht Leute aus fünf Ländern auf drei Kontinenten, aus Deutschland, Italien, Spanien, Japan und Ecuador.“ Ihre italienische Freundin habe ihr beigebracht, die perfekte Lasagne zu machen.

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          Aus Sicht Londons war Erasmus nicht perfekt. Die britische Regierung verweist darauf, dass es ein Ungleichgewicht gab bei dem Austauschprogramm. Sehr viel mehr EU-Europäer wollten an die Unis auf der Insel als Briten in umgekehrter Richtung. Nach der jüngsten Statistik gingen im Studienjahr 2018/2019 nur 9.993 britische Studenten an EU-Universitäten, aber fast doppelt so viele, nämlich 17.768 EU-Studenten, kamen mit Erasmus-Stipendium auf die Insel und erhielten dort einen gebührenfreien Uni-Platz. Auch bei den Praktika, die „Erasmus Plus“ unterstützt, gibt es ein gewisses Ungleichgewicht (8.000 zu 12.000). Hinter vorgehaltener Hand heißt es in London daher schon länger, dass Großbritannien für Erasmus mehr bezahle, als es davon profitiere.

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