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Hochschulzulassung : Sind die asiatischen Bewerber am Ende zu gut für Harvard?

Stark, aber trotzdem nicht leistungsgerecht vertreten: asiatische Bewerber in Harvard Bild: Getty

Strebsamkeit wird nicht belohnt: Ein Gericht sieht asiatische Bewerber beim Zugang zu der Elite-Universität nicht benachteiligt.

          3 Min.

          Die Wahrheit, lateinisch ausbuchstabiert in drei aufgeschlagenen Büchern, ist die Devise auf dem Wappen der Universität Harvard. Und nichts als die Wahrheit scheinen die Beamten der Universität vorgetragen zu haben, die vor dem Bezirksgericht in Boston in den Zeugenstand traten – wenn man nach dem am 1. Oktober verkündeten Urteil geht, mit dem Richterin Allison Burroughs die Klage eines Vereins namens Students for Fair Admission abgewiesen hat. Gegründet hat ihn ein konservativer Aktivist namens Edward Blum, dessen Mission es ist, durch Musterprozesse die Abschaffung der positiven Diskriminierung aufgrund der Hauptfarbe zu erzwingen. Blums bislang letzter Versuch, den Obersten Gerichtshof zur Rücknahme der 1978 ausgesprochenen Billigung der Berücksichtigung der rassischen Zugehörigkeit bei der Verteilung von Studienplätzen zu bewegen, scheiterte 2016 an einer Stimme. Das Neue an Blums jüngstem, 2014 eingeleitetem Anlauf ist, dass als Geschädigte, die Benachteiligung geltend machen, weil anders aussehende Konkurrenten angeblich bevorzugt werden, nicht Weiße auftreten, sondern Amerikaner mit asiatischem Hintergrund.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Richterin Burroughs, von Präsident Obama ernannt, hat in ihrer 130 Seiten starken Urteilsbegründung nicht nur die Vereinbarkeit des Auswahlverfahrens für Studienanfänger in Harvard mit den Leitentscheidungen des Obersten Gerichtshofs einer demonstrativ ausführlichen Prüfung unterzogen, sondern auch ein persönliches Bekenntnis zum Sinn der Vielfalt („diversity“) im Bildungswesen abgelegt. Nur mit dem Nutzen, den junge Menschen aus der Begegnung mit Gleichaltrigen aus unterschiedlichsten Welten ziehen, kann nach den Vorgaben des Supreme Court die bevorzugte Behandlung von Studienbewerbern aus historisch benachteiligten Minderheiten begründet werden.

          Varianten von Diversität

          Welche Parameter von Vielfalt förmlich zu berücksichtigen sind, wandelt sich. Die Bewerbungsformulare für Harvard enthalten die Rubrik der Religionszugehörigkeit nicht mehr. Das Verfahren, in dem die Universität die Daten von mehr als 150 000 Bewerbern für die Aufnahmejahrgänge 2010 bis 2015 vorlegen musste, bot eine Fülle von Informationen über die zweckgemäß geheim gehaltene interne Seite der Auswahlprozedur. Man erfuhr, dass das Zulassungsamt während der mehrstufigen Bearbeitung der Bewerberakten ständig Buch führt über die projektierte Zusammensetzung des Anfängerjahrgangs nach Hautfarbe, so dass diese Zwischenstände bei der Einordnung der einzelnen Bewerbungen mitbedacht werden können. Andererseits sind die Beamten angewiesen, den Faktor Rasse nur bei der abschließenden Gesamtbewertung des Bewerbers einzubeziehen, nicht in den Einzelnoten für akademisches Potential, außerschulische Aktivitäten und Charaktereigenschaften. Diese Anweisung ist ein erstes Nebenprodukt des Gerichtsverfahrens.

          Nach der amtlichen Statistik liegen die Anteile von Weißen und Amerikanern asiatischer Herkunft an der Bevölkerung der Vereinigten Staaten bei 60 und 5,9 Prozent. Die Vergleichszahlen der Harvard-Bewerber für den Abschlussjahrgang 2019 lauten 57,6 und 21,2 Prozent, die für die einheimischen Zugelassenen 40 und 24 Prozent. Die Richterin nennt diese Zahlen, um „Kontext“ für die Behauptung der Benachteiligung der Asian Americans bereitzustellen. Allerdings liegt die Annahmequote asiatisch-amerikanischer Bewerber bei 5 bis 6 Prozent, die der Weißen bei 7 bis 8 Prozent. Ein Grund dafür ist, dass fast ein Drittel der Plätze an Sportler sowie Kinder von Alumni, Spendern und Universitätsangehörigen vergeben werden – eine Variante von Diversität, die das Urteil mit dem Überlebensinteresse der Institution rechtfertigt.

          Fleiß ohne Preis

          Vielleicht zu entschieden bejaht die Richterin die Glaubwürdigkeit der Zeugen aus dem Zulassungsamt, die jede persönliche Abneigung gegen Asiaten bestritten. Die Kläger glauben sich durch uneingestandene Vorurteile benachteiligt. Für diesen Verdacht liefert das Urteil bemerkenswerte statistische Indizien. Asiaten schneiden in der Bewertung der Persönlichkeit, der Note für Charaktermerkmale wie Hilfsbereitschaft und Selbstvertrauen, schlechter ab und werden sogar von ihren Lehrern in der Schule in diesen psychologischen Kategorien schlechter bewertet, obwohl sie typischerweise bessere Schüler sind. Kurzum: Sie wirken in Prüfungssituationen im Durchschnitt weniger sympathisch. In den Harvard-Akten werden sie häufiger als „standard strong“ eingestuft, als Kandidaten von normaler Stärke, will sagen: nicht stark genug, gemessen am individualistischen Ideal von Harvard.

          Im Auseinanderklaffen von akademischer und persönlicher Note sehen die Kläger den Beweis der Diskriminierung. In einer Fußnote ist vermerkt, dass dieser Befund auch den Beklagten unangenehm war, die nicht offen hätten behaupten wollen, dass asiatische Bewerber tatsächlich im persönlichen Fach schwächer seien. Daran knüpft die Richterin eine Erwägung, die ihrer grundsätzlichen Bedeutung zum Trotz vielleicht richtig in der Fußnote steht, weil sie wohl ein Tabu sein muss, wo exklusive Bildungsinstitutionen inklusive Rekrutierungsprogramme auflegen. Es ist nicht auszuschließen, dass in bestimmten Bevölkerungsgruppen akademische Höchstleistungen tatsächlich öfter mit einem Persönlichkeitstypus einhergehen, dem man auch in Harvard ungern begegnet: dem Streber.

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