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Geisteswissenschaften : Der Fluch der Interdisziplinarität

  • -Aktualisiert am

Abguss der Skulptur von Michelangelo in der Georg Forster Bibliothek auf dem Mainzer Uni Campus. Bild: Marcus Kaufhold

Fächerübergreifend war Forschung in den Geisteswissenschaften schon immer – aber nicht als Selbstzweck, der Schaden anrichtet. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          An unseren Universitäten gehören Schlagworte wie „Interdisziplinarität“, „Verbundprojekte“ oder „Querschnittsthemen“ mittlerweile zur Familie der einspruchsimmunen und maximal zirkulationsfähigen Hochwertbegriffe. Es gibt praktisch kein Konzeptpapier, in dem Interdisziplinarität nicht als angekündigt, berücksichtigt oder gewünscht ausgewiesen wird. Jenseits der zwischen sachgerechten Begründungen und rhetorischen Leerformeln schwankenden Bekenntnisse zu „Querschnitt“ und „Inter“ gibt es eine Reihe ernstzunehmender Fragen an diese Programmatik, insofern sie die Identität und den Fortbestand der oft auf lange Traditionen zurückblickenden Fächer betreffen.

          Immer schon haben nicht gelöste Probleme dazu geführt, dass die Wissenschaften über ihren eigenen Tellerrand hinweg nach Lösungen suchten, gehörte also das gemeinsame Bearbeiten von Themen über Fächergrenzen hinaus zum Selbstverständnis wissenschaftlichen Arbeitens. Doch wird die Interdisziplinarität (oder gar Transdisziplinarität) zum Selbstzweck erklärt, verliert sie ihren guten Sinn, also Forschung voranzutreiben. Sie wird in dieser normativen Überhöhung immer erkauft mit der Abwertung der eigentlichen fachwissenschaftlichen Forschung. Die unbedingte Forderung nach der Erschließung von Querschnittsthemen und der damit verbundenen Interdisziplinarität, insbesondere als Hauptbestandteil von Denominationen, hat dann gravierende Konsequenzen für die Fachkulturen, ganze Studiengänge und die akademische Lehre, sei es als unbeabsichtigte Nebenfolge, sei es als gezielter wissenschaftspolitisch motivierter Eingriff in bestehende Strukturen.

          Überaus anspruchsvolle Form wissenschaftlichen Arbeitens

          Sicher ist zu berücksichtigen, dass im Gesamtspektrum der ausdifferenzierten Wissenschaften mit arbeitsteilig organisierten Unterdisziplinen die interdisziplinäre Forschungskooperation unterschiedlich sinnvoll und fruchtbar sein kann. So weisen die Geistes- und Kulturwissenschaften eine weitaus größere Methodenvielfalt und begriffliche Differenzierung auf als die Natur- und Technikwissenschaften. So sind Begriffe wie Denken, Sprache, Kunst oder Glauben für Philosophie, Psychologie, Linguistik, Geschichts-, Literatur-, Kunst- oder Sozialwissenschaft entlang unterschiedlicher disziplinärer Vorentscheidungen unter Umständen erst einmal etwas ganz anderes, während die Begriffe Energie, Kraft, Lichtgeschwindigkeit oder Evolution für die Naturwissenschaften relativ stabile Konzeptualisierungen ihrer Gegenstände darstellen.

          Es ist deshalb auch kein Zufall, dass das zeitgenössische Modell der interdisziplinär zu beforschenden Querschnittsthemen ursprünglich von den Natur- und Technikwissenschaften her gedacht war, die sich nicht in gleicher Weise in den Paralleluniversen der durch ganz unterschiedliche Theorien und Moden strukturierten Erkenntnisinteressen bewegen müssen und vollkommen andere Evidenzkulturen pflegen. Eine weitere Modellfunktion übernahmen die eigens zu diesem Zweck gegründeten außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die allerdings mehrheitlich ebenfalls einen naturwissenschaftlichen Hintergrund hatten. Dabei ist durchaus zu betonen, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit eine überaus anspruchsvolle Form wissenschaftlichen Arbeitens darstellt, denn sie verlangt nicht nur eine überaus gründliche Beherrschung der eigenen Disziplin und ein umfangreiches Wissen über die Forschung anderer Fächer, sondern auch eine ausgeprägte Fähigkeit zu einer begrifflichen und methodologischen Übersetzungsleistung.

          Das Problem liegt also keineswegs in den sachlich begründeten und immer schon praktizierten Formen der Interdisziplinarität, sei es als komplementäre Kooperation oder als konkurrierender Zugriff auf Forschungsgegenstände, ohne die sich das zeitgenössische Wissenschaftssystem seit dem späten 18. Jahrhundert nicht hätte entwickeln und ausdifferenzieren können. Vielmehr sind es zunehmende Ungleichgewichte und die zu beobachtende Abwertung von Disziplinarität, die zu einer Beschäftigung mit dem Thema Anlass geben.

          „Kontrast zum Lob des Interdisziplinären“

          Dies ist auch der Tenor eines Papiers des Wissenschaftsrates dazu, das die Wahrnehmung einer zunehmenden Asymmetrie zum Ausdruck bringt. Sie besteht darin, dass Interdisziplinarität durchgehend positiv konnotiert ist, Disziplinarität demgegenüber als provinziell oder gar rückständig, bei der geforderten Problemlösungskapazität oder erwarteten Anwendungsbezügen gar als überholt erscheint. Diese Zuschreibungen würden durch die Akademisierung von Berufsfeldern, Bedürfnissen des Arbeitsmarktes und nicht zuletzt durch die Hochschulleitungen begünstigt.

          Der Wissenschaftsrat stellt dazu fest: „Im wissenschaftspolitischen Diskurs ist von Disziplinarität – wenn überhaupt – meist nur als Gegenbegriff zu Interdisziplinarität die Rede. Normativ aufgeladen wird der Begriff im Kontrast zum Lob des Interdisziplinären . Der Wissenschaftsrat hält diese Aufladung nicht für zweckmäßig und angemessen. Er betrachtet wissenschaftliche Disziplinen als Ort, an dem fachliche Standards für Forschung und Lehre erarbeitet und vor allem kontinuierlich, dem neuesten Stand der Forschung und Methodik entsprechend fortentwickelt werden.“

          Interessant sind im Papier des Wissenschaftsrates auch einige Daten und Fakten, die als Indikatoren dieser Asymmetrie interpretiert werden können. Sie benennen die strukturellen Hintergründe des Ungleichgewichts von Disziplinarität und Interdisziplinarität, deren schwerpunktmäßige Förderung eines der programmatischen Ziele der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war und ist. Nicht nur flossen insgesamt rund 60 Prozent der Mittel in die interdisziplinäre Verbundforschung. Auch die Unterstützung interdisziplinär ausgerichteter Graduiertenkollegs lag bei 49 Prozent, im Vergleich zu 12 Prozent der Fördermittel für disziplinäre Ausrichtungen.

          Vor allem Juniorprofessuren betroffen

          Noch deutlichere Ungleichgewichte zeigen sich bei der Bewilligung von Exzellenzclustern: 57 Prozent dieser Cluster waren interdisziplinär angelegt und nur 8 Prozent als disziplinär ausgewiesen. Analog fordern Hochschulleitungen kontinuierlich, neue interdisziplinäre Studiengänge zu entwickeln, nach aufmerksamkeitsträchtigen Querschnittsthemen Ausschau zu halten und entsprechend der Förderpraxis der DFG die Finanzierung interdisziplinärer Forschergruppen und Sonderforschungsbereiche zu beantragen.

          Ob es indessen innerhalb der Philosophischen Fakultäten immer auch ein entsprechendes Problembewusstsein gibt, welche längerfristigen Folgen es haben kann, wenn Interdisziplinarität im Sinne einer Abwertung von spezifischer Fachlichkeit gepriesen und darüber hinaus etwa zum zentralen Bestandteil von Denominationen gemacht werden soll, steht also zur Diskussion. Bezogen auf die Besetzung von Professuren, heißt es denn auch im Positionspapier des Wissenschaftsrates: „Wenn eine interdisziplinäre Ausrichtung der Professur bevorzugt wird, besteht die Gefahr, dass damit in der fachlichen Lehre nur ein Ausschnitt abgedeckt wird. Bei einer interdisziplinären Denomination ist außerdem zu bedenken, ob die Ausrichtung auf eine Schnittstelle zwischen zwei Fächern eine starke Verengung von möglichen Entwicklungen in Forschung und Lehre bedeutet.“

          Von dieser Problematik dürfen vor allem auch die Juniorprofessuren betroffen sein, deren Stellenprofile oftmals besonders stark mit Aktualitätsbezügen verbunden sind und vor dem Hintergrund des legitimations- und reputationsträchtigen Versprechens, aktuelle Probleme zu lösen, gleich in Gänze Spezialthemen gewidmet werden, von denen heute niemand weiß, ob sie nicht in zehn Jahren durch die dann aktuellen Problemlagen verdrängt sein werden.

          Wenn neu berufene Kollegen, die in dem Fach, an das sie institutionell gebunden sind, keine Grundlagenvorlesung mehr halten können, weil sie ihre akademische Sozialisation in Kontexten erhalten haben, in denen es nur Querschnittsthemen, aber keine Fächer mehr gibt, hat dies natürlich auch Konsequenzen für den Normalbetrieb an unseren Fakultäten, etwa für die Abdeckung fachlich grundlegender Lehraufgaben, die Begutachtung von Qualifikationsschriften oder die Auswahl von Professoren in Berufungsverfahren. Es geht um die Sensibilisierung bei der Umwidmung von Professuren (und der damit oft verbundenen Aufforderungen, sich neue Studiengänge auszudenken). Und es geht um die Aufforderung an die Hochschulleitungen, Auswirkungen von Profil- und Strukturentscheidungen auf die „alten“ Disziplinen zu bedenken, deren Pflege den Fakultäten obliegt.

          Der Autor lehrt am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen.

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