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Geisteswissenschaften : Der Fluch der Interdisziplinarität

  • -Aktualisiert am

„Kontrast zum Lob des Interdisziplinären“

Dies ist auch der Tenor eines Papiers des Wissenschaftsrates dazu, das die Wahrnehmung einer zunehmenden Asymmetrie zum Ausdruck bringt. Sie besteht darin, dass Interdisziplinarität durchgehend positiv konnotiert ist, Disziplinarität demgegenüber als provinziell oder gar rückständig, bei der geforderten Problemlösungskapazität oder erwarteten Anwendungsbezügen gar als überholt erscheint. Diese Zuschreibungen würden durch die Akademisierung von Berufsfeldern, Bedürfnissen des Arbeitsmarktes und nicht zuletzt durch die Hochschulleitungen begünstigt.

Der Wissenschaftsrat stellt dazu fest: „Im wissenschaftspolitischen Diskurs ist von Disziplinarität – wenn überhaupt – meist nur als Gegenbegriff zu Interdisziplinarität die Rede. Normativ aufgeladen wird der Begriff im Kontrast zum Lob des Interdisziplinären . Der Wissenschaftsrat hält diese Aufladung nicht für zweckmäßig und angemessen. Er betrachtet wissenschaftliche Disziplinen als Ort, an dem fachliche Standards für Forschung und Lehre erarbeitet und vor allem kontinuierlich, dem neuesten Stand der Forschung und Methodik entsprechend fortentwickelt werden.“

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Interessant sind im Papier des Wissenschaftsrates auch einige Daten und Fakten, die als Indikatoren dieser Asymmetrie interpretiert werden können. Sie benennen die strukturellen Hintergründe des Ungleichgewichts von Disziplinarität und Interdisziplinarität, deren schwerpunktmäßige Förderung eines der programmatischen Ziele der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war und ist. Nicht nur flossen insgesamt rund 60 Prozent der Mittel in die interdisziplinäre Verbundforschung. Auch die Unterstützung interdisziplinär ausgerichteter Graduiertenkollegs lag bei 49 Prozent, im Vergleich zu 12 Prozent der Fördermittel für disziplinäre Ausrichtungen.

Vor allem Juniorprofessuren betroffen

Noch deutlichere Ungleichgewichte zeigen sich bei der Bewilligung von Exzellenzclustern: 57 Prozent dieser Cluster waren interdisziplinär angelegt und nur 8 Prozent als disziplinär ausgewiesen. Analog fordern Hochschulleitungen kontinuierlich, neue interdisziplinäre Studiengänge zu entwickeln, nach aufmerksamkeitsträchtigen Querschnittsthemen Ausschau zu halten und entsprechend der Förderpraxis der DFG die Finanzierung interdisziplinärer Forschergruppen und Sonderforschungsbereiche zu beantragen.

Ob es indessen innerhalb der Philosophischen Fakultäten immer auch ein entsprechendes Problembewusstsein gibt, welche längerfristigen Folgen es haben kann, wenn Interdisziplinarität im Sinne einer Abwertung von spezifischer Fachlichkeit gepriesen und darüber hinaus etwa zum zentralen Bestandteil von Denominationen gemacht werden soll, steht also zur Diskussion. Bezogen auf die Besetzung von Professuren, heißt es denn auch im Positionspapier des Wissenschaftsrates: „Wenn eine interdisziplinäre Ausrichtung der Professur bevorzugt wird, besteht die Gefahr, dass damit in der fachlichen Lehre nur ein Ausschnitt abgedeckt wird. Bei einer interdisziplinären Denomination ist außerdem zu bedenken, ob die Ausrichtung auf eine Schnittstelle zwischen zwei Fächern eine starke Verengung von möglichen Entwicklungen in Forschung und Lehre bedeutet.“

Von dieser Problematik dürfen vor allem auch die Juniorprofessuren betroffen sein, deren Stellenprofile oftmals besonders stark mit Aktualitätsbezügen verbunden sind und vor dem Hintergrund des legitimations- und reputationsträchtigen Versprechens, aktuelle Probleme zu lösen, gleich in Gänze Spezialthemen gewidmet werden, von denen heute niemand weiß, ob sie nicht in zehn Jahren durch die dann aktuellen Problemlagen verdrängt sein werden.

Wenn neu berufene Kollegen, die in dem Fach, an das sie institutionell gebunden sind, keine Grundlagenvorlesung mehr halten können, weil sie ihre akademische Sozialisation in Kontexten erhalten haben, in denen es nur Querschnittsthemen, aber keine Fächer mehr gibt, hat dies natürlich auch Konsequenzen für den Normalbetrieb an unseren Fakultäten, etwa für die Abdeckung fachlich grundlegender Lehraufgaben, die Begutachtung von Qualifikationsschriften oder die Auswahl von Professoren in Berufungsverfahren. Es geht um die Sensibilisierung bei der Umwidmung von Professuren (und der damit oft verbundenen Aufforderungen, sich neue Studiengänge auszudenken). Und es geht um die Aufforderung an die Hochschulleitungen, Auswirkungen von Profil- und Strukturentscheidungen auf die „alten“ Disziplinen zu bedenken, deren Pflege den Fakultäten obliegt.

Der Autor lehrt am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen.

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