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Initiativen für Frauen : IT reimt sich auf „sie“

Nicht jede Frau trägt Nagellack, nicht jeder IT-Nerd ist ein Mann. Bild: dpa

Wie wird Informatik zu einem Mädchen- und Frauenthema? Mehrere Initiativen versuchen das, doch traditionelle Rollenbilder sind immer noch im Weg.

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          Es riecht nach Energydrinks und Pizza, die passenden Kartons stapeln sich in der Ecke, der dunkle Raum wird nur von einer rotleuchtenden Tastatur und riesigen Monitoren erhellt, und gelüftet wurde auch schon etwas zu lange nicht mehr: Ein gängiges Klischee, das viele vor dem inneren Auge haben, sobald es ums Programmieren geht. Genauso wie die Vorstellung, dass ein Mann vor dem Computer in dem imaginierten Gamer-Zimmer sitzt. Das Bild des männlichen Nerds hält sich hartnäckig, wenn man an die IT-Branche denkt. An Frauen, die Apps entwickeln oder eine Website programmieren, denken die wenigsten.

          Annina Metz
          Redakteurin für Social Media.

          Das hat vor allem kulturelle Gründe. „Egal, welche Serie oder welchen Film ich mir anschaue: Es ist immer der Nerd, der im Keller sitzt, der als ITler vorgestellt wird. Damit kann man sich als Frau überhaupt nicht identifizieren“, sagt Vivien Schiller. Sie hat sich nach ihrem Abitur trotzdem für eine Karriere zunächst in der Wirtschaftsmathematik, anschließend in der Informatik entschieden und ist mittlerweile als leitende Softwareingenieurin für das Beratungs- und IT-Unternehmen Adesso tätig. Schillers Spezialgebiet: IT-Sicherheit. Und die Stärkung von Frauen in der Branche.

          Denn Frauen sind in der Informatik immer noch eine Minderheit: Während mittlerweile knapp die Hälfte aller Studierenden in Deutschland weiblich ist, wurden 2019 nur etwa 15 Prozent der bestandenen Abschlussprüfungen im Fach Informatik von Studentinnen absolviert. Auch die Bundesagentur für Arbeit meldete für die Berufsgruppe Mint, kurz für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, 2019 einen deutlichen Männerüberschuss: Von gut acht Millionen Beschäftigten in diesem Bereich waren nur 1,3 Millionen weiblich.

          Netzwerken ist unerlässlich

          Schon im Studium machte sich Schiller daher für die Gleichberechtigung in der IT-Welt stark und gründete, damals noch Werkstudentin, bei Adesso die Initiative „She for IT“. Heute leitet sie das Projekt gemeinsam mit Kollegin Angela Carell, moderiert einen zugehörigen Podcast und bemüht sich, die Mitarbeiterinnen ihres Unternehmens gut miteinander zu verbinden. Ein funktionierendes Netzwerk, so Schiller, sei in dieser Branche für Frauen unerlässlich.

          Mit diesem Ansatz steht die Initiative nicht allein da, auch andere Unternehmen steuern aktiv gegen den Frauenmangel: Der Automobilhersteller Mercedes gründete 2015 mit „She’s Mercedes“ medienwirksam ein eigenes Programm für seine Mitarbeiterinnen (das sich zwar nicht nur auf IT-Berufe beschränkt, aber viel aus diesem Bereich aufgreift). Mittlerweile verfolgen mehr als 62.000 Menschen die Initiative bei Instagram. Und auch weitere namhafte Unternehmen wie SAP, Bosch, Vodafone und die Deutsche Bahn fordern mehr Frauen in der Digitalisierung und formierten sich dazu unter dem Slogan „She transforms IT“.

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          Ein Punkt ist den Unterstützerinnen dabei besonders wichtig: Weibliche Vorbilder schaffen. Die Digitalisierung müsse von Kindertagen an als Mädchenthema etabliert werden. Auch Vivien Schiller sieht die (früh-)kindliche Bildung als Grundstein für heterogene Teams innerhalb der Informatik. Es müsse gezielt darauf geachtet werden, Mädchen und Jungen in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern gleichermaßen mitzunehmen. Die Lehrpläne hätten dabei noch Optimierungsbedarf.

          Juliane Siegeris, Professorin für Softwaretechnik an der HTW Berlin, veröffentlichte schon 2011 zusammen mit Marita Ripke einen Aufsatz zur Frage, worauf Lehrkräfte dabei konkret achten sollten. Der weibliche Informatikzugang sei anwendungsbezogener und praxisnäher als derjenige der Männer, heißt es darin. Wolle man Mädchen im Informatikunterricht mitnehmen, sei es unerlässlich, gendergerechte Lehrpläne zu schreiben. Nur so sei es möglich, Stereotype und traditionelle Verhaltenserwartungen aufzubrechen und zu zeigen, dass die Informatik keineswegs „unweiblich“ sei. Auch die Mathematikerin Britta Schinzel betont in ihren Forschungsarbeiten, wie wichtig gendersensible Unterrichtsweisen sind. Um den von Frauen bevorzugten Lernstil zu integrieren, müsse man auf einen kommunikativen Schwerpunkt statt auf Einzelarbeit setzen.

          Ein Paradox der Gleichberechtigung

          Andere EU-Staaten wie Bulgarien, Lettland oder Litauen sind in Sachen Frauen in der IT schon deutlich weiter als Deutschland: Dort arbeiten sogar mehr Frauen als Männer in den angesprochenen Berufen. Wissenschaftler der Leeds Beckett’s School of Social Sciences und der University of Missouri stellten 2016 fest, dass sich die Frauen, je gleichberechtigter sie sind, umso weniger für ein Studium in den Mint-Fächern interessieren. Klingt paradox, liegt aber den Wissenschaftlern zufolge daran, dass Frauen ohne Sorgen um ihre ökonomischen Perspektiven – zum Beispiel, weil sie in einem Sozialstaat leben – ihre Berufswahl anders gestalten.

          In Ländern, in denen Frauen weniger Wahlfreiheit haben und unter höherem finanziellen Druck stehen, streben sie häufiger auch gegen ihre Interessen oder gegen die Erfüllung der traditionellen Rolle eine Karriere an, die ihnen finanzielle Sicherheit verspricht. Möchte man also auch im Sozialstaat Deutschland für mehr Parität in den IT-Berufen sorgen, müssten Lernumfelder für beide Geschlechter attraktiv und leicht zugänglich gemacht werden, schreiben die Forscher.

          Diese Vorstellungen sind nicht nur in der Ausbildung junger Frauen ein Problem. Auch wenn es um Führungsaufgaben in der Informatik geht, schrecken Frauen aufgrund eingefahrener Klischees zurück. Der Digitalverband Bitkom befragte 2019 Gleichstellungsbeauftragte, Personalmanager und Geschäftsführer von 504 IT-Unternehmen in Deutschland, was Frauen von Führungspositionen in der IT abhalte. 22 Prozent der Befragten gaben die traditionellen Rollenbilder zu Protokoll.

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