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Gefälschte Publikationen : Mehr als zweihundert sinnlose Papiere

  • -Aktualisiert am

Gefälscht und in die Uni-Bib? Einige Arbeiten wurden sogar von Redakteuren redigiert, damit sie dem Stil der akademischen Zeitschrift entsprachen. Bild: Lucas Bäuml

Zwei französische Forscher machen Jagd auf automatisch produzierte Publikationen. Sind Nonsens-Aufsätze ein echtes Problem in der Wissenschaft?

          2 Min.

          Kennen Sie die mathematische Abhandlung „On the Continuity of Morphisms“? Sie ist elf Seiten lang, hat beeindruckend viele Formeln und schließt mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis ab. Der Autor dieser Zeilen ist, gemeinsam mit seinem zwölf Jahre alten Sohn, als Verfasser angegeben. Forschung war dafür nicht notwendig. Es gibt einen Online-Generator, der hochtrabend klingende, inhaltlich jedoch sinnlose Aufsätze zur Mathematik fabriziert. Einzutragen sind lediglich die gewünschten Autorennamen.

          Die französischen Forscher Cyril Labbé und Guillaume Cabanac konnten nun 243 Nonsens-Artikel in wissenschaftlichen Publikationen identifizieren. Dazu haben sie in der akademischen Suchmaschine dimensions.ai nach grammatischen Mustern und stilistischen Formulierungen gesucht, die besonders häufig in solchen Veröffentlichungen, aber selten bei menschlichen Autoren vorkommen. Die Fahndung nach diesen Fingerabdrücken, etwa der Formulierung „in fact, few futurists would disagree with“, erfolgt informatisch. Die Ergebnisse wurden händisch kontrolliert.

          Lustig oder deprimierend?

          Instrumente zur Erzeugung falscher wissenschaftlicher Texte gibt es auch für Informatik (SCIgen), Physik (scigen-physics) und Philosophie (Postmodernism Generator), es gibt sogar einen Fördermittelgenerator (Automatic SBIR Proposal Generator). „Die Leute tragen ihre Namen ein und reichen die Papiere bei Konferenzen und Zeitschriften ein“, erläutern Labbé und Cabanac gegenüber dieser Zeitung. „Unter diesem Vorbehalt scheinen die problematischen Veröffentlichungen aus wenigen Orten der Welt zu stammen.“ Von den Fälschern stammten 156 aus China, 54 aus Indien, drei aus Indonesien sowie je einer aus Belgien, Iran, Polen, der Slowakei und den Vereinigten Staaten. Bei den übrigen Beiträgen war ein Herkunftsland nicht zu ermitteln.

          Einige Arbeiten wurden sogar von Redakteuren redigiert, damit sie dem Stil der akademischen Zeitschrift entsprachen. „Nur Verleger kennen die Gründe, warum diese Papiere den Peer-Review bestehen“, meinen Labbé und Cabanac. Sie führen drei mögliche Erklärungen an: Da das Englisch einwandfrei aussieht, könnte ein Gutachter von dem Fachjargon beeindruckt sein. Eine zweite Möglichkeit sei, dass nur oberflächlich der Titel und der Untertitel gelesen werden. Zuletzt sei es auch denkbar, dass ein Peer-Review-Prozess in Gänze fehle. Doch die Verlage versagen nicht nur an dieser Stelle. Auch die Rückziehung der Nonsens-Aufsätze dauert in vielen Fällen lange, seitens der Publikationshäuser heißt es oft: „Wir prüfen noch.“

          Nonsens-Aufsätze sind ein kleines Problem in der Wissenschaft. Die beiden Franzosen vermuten, dass von einer Million Papieren nur 75 von Computern erstellt wurden. Während für Cabanac die Existenz dieser Aufsätze deprimierend ist, findet sie Labbé ziemlich lustig. Beängstigender sind für beide „research paper mills“, also Organisationen, die betrügerische Manuskripte, die den Anschein echter Forschung erwecken, produzieren und verkaufen. Auch Datenfälschungen seien gefährlich. Daher arbeiten die beiden, gemeinsam mit Jennifer Byrne von der Universität Sydney, an Werkzeugen, um automatisiert Fehler in Krebsstudien zu erkennen (Seek&Blastn). Zusammen mit Alexander Magazinov haben sie zudem Formulierungen aufgespürt, die auf Umschreibungsprogramme hinweisen, die Plagiate verbergen. Letztendlich könnten all diese Instrumente das grundsätzliche Problem der Fälschungswut nicht lösen. Die Abhandlung „On the Continuity of Morphisms“ blieb übrigens unveröffentlicht.

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