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Studienplätze in Frankreich : Präferenzen unerwünscht

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Bevorzugte Lage: Studentenleben an der Sorbonne IV in Paris Bild: Anzenberger

Die Zuteilung der Studienplätze in Frankreich geschieht seit 2018 per Algorithmus. Die Kriterien sind undurchsichtig und ein Drittel der Studenten ist mit dem Ergebnis unzufrieden.

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          Es ist ein kleines Jubiläum, das Millionen junge Menschen betrifft: Am 16. September feierte Parcoursup den Abschluss seiner fünften Zulassungsrunde. Stressige Jahre, sagen die Studenten, ein Erfolg mit Anlaufschwierigkeiten, die verantwortlichen Politiker. Parcoursup ist die französische Internetplattform für die zentrale Vergabe von Studien- und Ausbildungsplätzen.

          Anfang 2018 wurde sie in wenigen Monaten von der Hochschulministerin Frédérique Vidal aus der Taufe gehoben, um die Vorläuferplattform Admission post bac (Zulassung nach dem Abi) zu ersetzen, die vor dem Kollaps stand; damals mussten 35.000 Studenten rasch per Losverfahren zugelassen werden. Nachfolgerin Parcoursup, die in diesem Jahr rund 936.000 Kandidaten (Abiturienten, Auszubildende, Studiengangwechsler) auf mehr als 13.000 Studiengänge und etwa 7500 Ausbildungswege verteilt hat, sollte nicht nur effizienter arbeiten: Sie hat den Zugang zur höheren Bildung gravierend verändert.

          Von Dezember 2022 an können die Kandidaten Informationen über die Studiengänge auf Parcoursup einsehen und vom 18. Januar 2023 an ein Dossier anlegen. Bis zum 8. März wählen sie zehn Studiengänge, ohne Präferenzen angeben zu können; hinzu kommen zwanzig Unterwünsche, zum Beispiel verschiedene Einrichtungen für einen Studiengang. Bis zum 6. April müssen die Wünsche bestätigt, Ergänzungen vorgenommen und es muss ein Motivationsschreiben angefügt werden.

          Fragen der Herkunft

          Die Schulen ergänzen das Dossier durch eine „fiche avenir“, einen Zukunftszettel, der Noten, Kommentare, Einschätzungen enthält. Vom 1. Juni an erfolgen die Zulassungen: Die Kandidaten erfahren von jeder Bildungseinrichtung separat, ob sie zugelassen oder abgelehnt wurden oder ob sie warten müssen; bei Zulassung müssen sie sich innerhalb weniger Tage entscheiden, ob sie den Studienplatz annehmen, während andere Antworten eventuell noch ausstehen. Voraussichtlich Mitte Juni beginnt die Ergänzungsphase, in der man sich auf verbleibende Studienplätze bewerben kann.

          Das klingt unspektakulär, aber der Teufel liebt das administrative Detail. Zunächst sind die Auswahl-Algorithmen unbekannt: Die Abiturienten wissen nicht, nach welchen Kriterien sie angenommen oder abgelehnt werden, und haben den Eindruck, dass existenzielle Entscheidungen von einem anonymen, obskuren Programm getroffen werden. Das sehen viele als versteckten Numerus clausus – ein zentraler Kritikpunkt, ebenso wie die Bedeutung, die der besuchten Schule zukommt. In Bewertungen von Parcoursup wird oft betont, dass ein Systemwechsel stattgefunden habe, von einer Studienplatzvergabe hin zu einer Auswahl von Studenten.

          Jede Einrichtung legt eigene Kriterien fest

          Um diese Veränderung einzuschätzen, muss bedacht werden, dass das höhere Bildungssystem in Frankreich zweigeteilt ist: Neben elitären Bildungsinstitutionen – den grandes écoles (großen Schulen) und den classes préparatoires (Vorbereitungsklassen), die auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten – existieren Universitäten und ähnliche Einrichtungen, die den Anspruch haben, alle aufzunehmen, auch wenn später gesiebt wird, in Medizin oder Jura zum Beispiel nach dem ersten Jahr. Die höhere Bildung kennt also einerseits die Elite und andererseits die egalitäre große Masse. Das ist ein Grund, warum die französischen Universitäten in einem schlechten Zustand sind. Erschwerend kommt hinzu, dass rund achtzig Prozent eines Jahrgangs Abitur machen und dass das System chronisch unterfinanziert ist; grandes écoles und classes préparatoires haben viermal mehr Mittel pro Student.

          Vor diesem Hintergrund wundert nicht, dass die Linke im Präsidentschaftswahlkampf die Abschaffung von Parcoursup forderte – ohne konkrete Gegenvorschläge zu unterbreiten. Aber auch der Oberste Rechnungshof regte in einer Zwischenbilanz im Februar 2020 an, die Herkunftsschule auf Parcoursup zu anonymisieren und die von den Bildungseinrichtungen eingesetzten Algorithmen öffentlich zu machen.

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