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Forschung in Zeiten der Krise : Plötzlich Expertin für das Virus

  • -Aktualisiert am

Die Medizinstudentin Toni Meister von der Ruhr-Universität Bochum erforscht das Coronavirus. Bild: Privat

Hochschulen im ganzen Land erforschen gerade die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Diese drei Studentinnen sind an vorderster Front mit dabei.

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          Eigentlich ist das Coronavirus gar nicht ihr Fachgebiet: Toni Meister schreibt ihre Doktorarbeit über Hepatitis-E-Viren. Doch seit dem 18. März ruhen alle regulären Forschungsarbeiten und Experimente an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Auch Meisters Versuche mit dem Hepatitis-E-Virus liegen erst mal auf Eis. Anstatt wie alle anderen Studierenden ins Homeoffice zu gehen, bleibt die 25-Jährige allerdings im Labor. Denn ihr Chef hat die Promotionsstudierende für ein neues Forschungsprojekt akquiriert. Das Thema: „Stabilität und Inaktivierung“ des Virus Sars-CoV-2. Meister und ihre Kollegen an der RUB züchten Zellen und infizieren sie mit Sars-2. „Das Virus oder die Zellen kann man vorher auf unterschiedlichste Arten behandeln“, erklärt Meister. „Im Anschluss schauen wir beispielsweise unter einem Mikroskop, ob sich durch die Behandlung die Infektiosität des Virus verändert.“ Zwar sei es schade, dass sie ihre bisherigen Versuche erst mal nicht weiterführen könne. Doch sie lerne fachlich unglaublich viel dazu.

          Lebenslanger Ruhm

          Die Zahl der Forschungsprojekte und Studien rund um das Coronavirus in Deutschland ist in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Anfang Februar waren bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 25 klinische Studien zur Krankheit Covid-19 registriert. Zwei Monate später zählt die WHO weltweit mehr als 900. Im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS) sind aktuell 33 klinische Covid-19-Studien registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte weitaus größer sein, denn eine Pflicht zur Registrierung besteht nicht. Hochschulen und Universitätskliniken sind an den meisten registrierten Studien beteiligt. Innerhalb weniger Wochen bauten deutsche Unis Labore in Corona-Forschungszentren um und stoppten bisherige Forschungsprojekte. Auch Forschungsgesellschaften und Unternehmen sind an Corona-Studien beteiligt. Forscher der Uni Heidelberg etwa haben unter anderem mit Kollegen der Uni in Mannheim und privaten Einrichtungen eine Allianz gegründet. Gemeinsam forschen die Wissenschaftler unter anderem an Impfstoffen und Antikörpertests.

          Meister von der RUB arbeitet schon seit zwei Jahren in der Abteilung für Virologie, aber mit Coronaviren hatte sie bisher nicht zu tun. „Es ist nicht ganz leicht gewesen, von einem Tag auf den anderen das Themengebiet zu wechseln“, sagt sie. „Aber zum Glück haben wir mit Prof. Stephanie Pfänder eine Corona-Expertin im Team. Die kann ich immer fragen, wenn ich mal nicht weiterweiß.“ Auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sei jetzt viel größer. Denn während der Forschungsstand zu Hepatitis-E-Viren bisher wohl kaum einem Laien bekannt ist, schaut nun die ganze Welt auf Meister und ihre Forschungskollegen. „Ich spüre schon einen gewissen öffentlichen Druck. Aber es ist auch einfach ein cooles Gefühl, an einem Forschungsprojekt mitzuarbeiten, bei dem man richtig was bewegen kann.“

          Wenn es sein muss, steht Meister gern auch mal länger im Labor – zumal sie abends meist ohnehin nichts vorhat. Denn ihr Hockeytraining, zu dem sie normalerweise direkt vom Labor fährt, fällt erst mal aus. „Ich arbeite jetzt noch effizienter, um möglichst schnell voranzukommen.“ Die Zeit drängt, und der Wettbewerb in der Hochschulmedizin war wohl noch nie so groß. Ein Impfstoff, ein Medikament muss her – und zwar schnell. Eine Impfung gegen das Coronavirus könnte die Kontaktsperren aufheben, Therapien und Medikamente die Todesrate senken. Dem Forscherteam, dem das gelingt, dürfte lebenslanger Ruhm sicher sein.

          Doch nicht nur Mediziner leisten gerade einen wichtigen Forschungsbeitrag gegen die Corona-Pandemie. Denn die Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen treffen alle Menschen – auch die gesunden, die keiner Risikogruppe angehören. Der Arbeitsalltag, die Freizeit und das Zusammenleben werden auf eine einmalige Probe gestellt. „Es gibt so viele unterschiedliche Situationen, in denen Menschen unter der Kontaktsperre leiden“, sagt Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der FU Berlin: „Denken wir zum Beispiel an Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Familien, die völlig auf das nun weggebrochene Einkommen angewiesen sind.“ Umso wichtiger sei es, dass die Hochschulen auch die gesellschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie untersuchten.

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