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Berufungspraxis an Hochschulen : Talente für die Lehre?

  • -Aktualisiert am

Vorlesung an der Universität Tübingen Bild: dpa

Universitäten und Fachhochschulen sind die einzigen Institutionen, die wissenschaftliche Lehre anbieten können. Spielt die Befähigung dazu in der Berufungspraxis eine angemessene Rolle?

          3 Min.

          Gerade hat der Wissenschaftsrat in seiner Stellungnahme zur Fortschreibung des Hochschulpakts die Bedeutung der Lehre für die Zukunft der deutschen Hochschulen herausgestellt. Wieder einmal. Dabei steht es für den Rat fest, dass an eine Verbesserung der Lehre mit der heutigen Betreuungsrelation von Professoren und Studenten nicht einmal zu denken ist. Insofern wäre es angesichts dieses unbestrittenen und höchstwahrscheinlich auch in Zukunft andauernden Mangels an Professoren eigentlich logisch, wenn die Hochschulen in ihrer jetzigen Berufungspraxis der Lehre einen besonders hohen Stellenwert einräumten.

          Die herausragende Bedeutung lehrbezogener Kriterien bei der Auswahl von Bewerbern auf Professuren im Unterschied zu forschungsbezogenen Kriterien wäre schon deshalb logisch, weil Universitäten wie Fachhochschulen schließlich die einzigen Institutionen sind, die wissenschaftliche Lehre anbieten können. Forschung dagegen findet bekanntlich sowohl in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen als auch in der Privatwirtschaft statt. Verpflichtet dieses Monopol die universitären Berufungsgremien nicht zu einer besonderen Wertschätzung vorweisbarer Leistungen in der Lehre? Leistungen von Bewerbern wie zum Beispiel die Ergebnisse der Evaluationen ihrer Lehrveranstaltungen durch ihre Studenten, Erfahrungen in Prüfungen oder mit der Betreuung von Abschlussarbeiten. Zumal man den Kollegen von den Fachhochschulen auch weiterhin das Promotions- wie Habilitationsrecht hartnäckig verweigert, weil es ein Alleinstellungsmerkmal der Universitäten bleiben soll.

          Andernfalls wären die üblichen Beteuerungen der großen Relevanz der Lehre für eine erfolgreiche Berufung nicht viel mehr als Lippenbekenntnisse. Sie hätten keine Bedeutung für die reale Besetzungspraxis der deutschen Universitäten. Doch kann man tatsächlich die ständige Forderung nach mehr Professuren mit dem Verweis auf die angeblich so miserable Lage der universitären Lehre begründen und sich dann bei Berufungen gar nicht für die Lehre interessieren?

          Deutliche Separation von Universitäten und Fachhochschulen

          Man kann. Das belegt eine jetzt in den „Beiträgen zur Hochschulforschung“ veröffentlichte Studie von Bernd Kleimann und Malte Hückstädt. Ihre Untersuchung, die sich auf eine 2015 durchgeführte Online-Erhebung stützt, befragte 410 Dekane, Gleichstellungsbeauftragte sowie Mitglieder und Vorsitzende der Berufungskommissionen von Universitäten und Fachhochschulen nach ihrer Einschätzung der Bedeutung bestimmter Kriterien in Bewerbungsverfahren. Die gute Nachricht ist, dass bei diesen Verfahren tatsächlich begründbare Kriterien zur Anwendung kommen. Es herrscht keine Willkür – immerhin. Nur herrschen nicht die Kriterien, die man – Stichwort Lippenbekenntnisse – erwarten dürfte. Vielmehr zeigt sich, dass Universitäten und Fachhochschulen hinsichtlich der Entscheidungskriterien ihrer Auswahlgremien nach wie vor eklatante Unterschiede aufweisen: Wenn es um Stellenbesetzungen geht, gilt die Lehre an den Fachhochschulen viel, an den Universitäten wenig, so das Fazit der Studie.

          Wer dort mit seiner Bewerbung Erfolg haben will, muss für seine erhoffte Unikarriere in der Forschung punkten können. Also beim Renommee der Publikationen, bei den durchgeführten Projekten, den eingeworbenen Drittmitteln und dem eigenen Standing in der wissenschaftlichen Community. Dagegen legten Berufungskommissionen an Fachhochschulen ganz traditionell besonderen Wert auf die Lehrerfahrung eines Bewerbers, kaum aber auf dessen Leistungen in der Forschung.

          Nun geht es den beiden Autoren der Studie gar nicht darum, das gängige Bekenntnis der Hochschulen zur Bedeutung der Lehre als eine für die tatsächliche Praxis von Berufungsentscheidungen irrelevante Heuchelei zu entlarven. Das gelingt ihnen eher nebenbei. Vielmehr ziele ihr Beitrag auf die Frage, ob die Auswahlkriterien in diesen Verfahren für eine Angleichung von Universitäten und Fachhochschulen sprächen oder eher deren Differenzen betonten, so ihre Begründung. Und da muss man der Studie zugestehen, dass ihre Ergebnisse all diejenigen enttäuschen werden, die gerade für eine Angleichung zumindest der forschungsstarken Fachhochschulen an die Universitäten plädieren, wie etwa kürzlich wieder die „Hochschulallianz für den Mittelstand“.

          Kleimann und Hückstädt sprechen vielmehr von einer deutlichen Separation von Universitäten und Fachhochschulen bezüglich der Kriterien für eine erfolgreiche Bewerbung. Organisationssoziologisch betrachtet, hat man es bei den beiden Institutionen also doch mit zwei sehr verschiedenen Gebilden zu tun. Wer also für die institutionelle Vielfalt im deutschen Hochschulsystem plädiert, kann diese Studie als empirischen Beleg lesen für deren reale Ausprägung. Sie spricht aber auch für eine verstärkte Umleitung der Studentenströme hin zu den Fachhochschulen, weg von den Universitäten. Denn dort werden die pädagogischen Talente offensichtlich gar nicht nachgefragt. Zumindest gilt das für die aktuellen Berufungen. Doch gerade sie werden die deutschen Hochschulen für die nächsten zwanzig Jahre prägen.

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