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Professuren und Studiengänge : Im Labyrinth der Künstlichen Intelligenz

  • -Aktualisiert am

KI wird in erster Linie mit Informatik assoziiert: Wissen über Datenstrukturen und Algorithmen ist in gewissem Maße unverzichtbar. Bild: dpa

Den Königsweg zum KI-Master gibt es nicht. Dafür aber 75 Studiengänge und 192 Professuren. Wer blickt da noch durch?

          5 Min.

          Er kann Raumschiffe reparieren und Pfeiftöne von sich geben: R2-D2. Der intelligente und mutige Droide aus dem Star-Wars-Universum hat die Vorstellung von Künstlicher Intelligenz (KI) von einem Fünftel der Deutschen am stärksten geprägt. Das ergab eine Umfrage im Auftrag der Gesellschaft für Informatik (GI) im Mai 2019. So falsch liegen die Befragten nicht: Immerhin ist KI die Wissenschaft intelligenter Computerprogramme und Maschinen. Damit R2-D2 also eine Schraube am Raumschiff festziehen oder Feuer im Maschinenraum löschen kann, muss zumindest ein Teil der menschlichen Intelligenz in seinen Programmen abgebildet worden sein.

          Wie die KI-Professoren Kristian Kersting, Jan Peters und Constantin Rothkopf in einem Artikel vom Februar 2019 schreiben, sei mit der KI eine weitere Wissenschaft entstanden: Cognitive Science. Diese beschäftige sich damit, zu verstehen, was menschliche oder natürliche Intelligenz überhaupt ausmache. So haben etwa die Objekterkennung (Wahrnehmung und Sehen) und das Greifen von Objekten (Robotik) eine enge Beziehung zu Neurowissenschaften und zur Psychologie.

          400 neue Studiengänge mit KI-Schwerpunkt

          KI ist damit ein interdisziplinäres Fachgebiet. „Im Grunde sind das alles Bindestrich-Studiengänge“, sagt Aljoscha Burchardt vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Berlin. Voneinander unabhängige Einzelwissenschaften, wie etwa Maschinenbau und Informatik, werden in einer Fragestellung kombiniert - „und in der Realität abgebildet“, erklärt Jörg Bienert vom Bundesverband KI e.V.

          Die Wissenschaftlerinnen Dana-Kristin Mah und Corinne Büching haben im Mai 2019 eine Studie vorgelegt, die einen Überblick über Professuren und Studiengänge der KI in Deutschland zeigt. Zum Erhebungszeitpunkt Februar 2019 gab es demnach an deutschen Hochschulen 192 bestehende Professuren mit einem KI-Schwerpunkt, weitere 22 sind geplant. Bei der Ermittlung der KI-Studiengänge sorgt das interdisziplinäre Wesen des Fachs für Schwierigkeiten.

          Die Studie weist nur die KI-Studiengänge an deutschen Hochschulen aus, die mindestens ein KI-Modul beinhalten. Somit gibt es derzeit 75 Studiengänge mit KI-Schwerpunkt: ein Promotionsstudiengang, 29 Bachelor- und 46 Masterstudiengänge. Weitere vier Studiengänge sind geplant. Im Vergleich dazu plant China mit dem Faktor 100: Es seien etwa 400 neue Studiengänge für das Jahr 2019 mit Bezug zu Big Data, KI und Robotik angekündigt worden, so die Studie.

          Mit Blick auf die KI-Studiengänge zählen in Deutschland knapp drei Viertel zu den Ingenieurwissenschaften, zu denen auch Informatik gehört. Die übrigen Studiengänge mit KI-Schwerpunkt entfallen auf Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Ein gutes Fünftel der Studiengänge sind interdisziplinär und können mehreren Fächergruppen zugeordnet werden. Die Autorinnen der Studie nennen die englischsprachigen Bachelor-, Master- und PhD-Programme zu Cognitive Science der Universität Osnabrück ein Musterbeispiel für Interdisziplinarität.

          Sie haben neben Mathematik und Computerlinguistik auch Philosophie des Geistes, Kognitive Psychologie und KI zum Inhalt. Von den 75 Studiengängen werden zehn an privaten Einrichtungen gelehrt. Laut Statistischem Bundesamt waren im Wintersemester 18/19 knapp acht Prozent aller deutschen Studierenden im Fach Informatik eingeschrieben, das die Hauptdisziplin für KI darstellt. Die Fokussierung auf KI entsteht indes oft erst im Laufe des Studiums, wie bei Denise Cucchiara, die zunächst Sprachwissenschaft und Übersetzung an der Universität Saarbrücken studiert hat.

          In ihrer Masterarbeit verglich sie humane und maschinelle Übersetzungen. „Vom Bachelorstudium Data Science and AI, das ich zusätzlich begonnen habe, verspreche ich mir intensivere und vor allem technischere Einblicke in die Welt der Künstlichen Intelligenz“, sagt die 27 Jahre alte Studentin. „Mein Ziel ist es, mein bereits erworbenes Wissen über Sprache und Übersetzung mit dem über Informatik und KI zu verbinden, um an der Forschung und der Weiterentwicklung neuronaler Übersetzungssysteme mitwirken zu können.“

          Es mangelt an KI-Professoren

          Die Studie über die deutsche KI-Hochschullandschaft zeigt, dass fast zwei Drittel der Studienangebote auf Universitäten entfallen, wobei diese doppelt so viele Masterstudiengänge bereitstellen wie Fachhochschulen. Mehr als ein Viertel der Studiengänge werden in englischer Sprache unterrichtet, davon allein 17 der 46 Masterstudiengänge. Laut der Studie richten sich einige wenige gezielt an internationale Studierende, so etwa der Masterstudiengang „Machine Learning“ an der Universität Tübingen.

          Zudem werden weitere 16 Studiengänge auf Deutsch und Englisch angeboten. „Da an deutschen Universitäten die Lehre eng an die Forschung gekoppelt ist, hat es auch in der KI-Ausbildung immer eine gute Repräsentanz der Breite des Faches gegeben. Aktuell muss aufgepasst werden, dass nicht einseitig nur auf dem KI-Teilgebiet Maschinelles Lernen gelehrt und gefördert wird“, sagt Ingo Timm, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Trier. „Insbesondere an kleineren und mittelgroßen Universitäten wird das eine große Herausforderung werden, da häufig nur ein bis zwei KI-Professuren pro Standort bestehen.“

          KI wird in erster Linie mit Informatik assoziiert, und das Wissen über Datenstrukturen und Algorithmen ist in gewissem Maße unverzichtbar. In der Unternehmenspraxis sei es aber so, dass „viele Quereinsteiger keinen Informatikabschluss haben und sich das Wissen später aneignen“, sagt Nabil Alsabah, Bereichsleiter KI vom Verband Bitkom. Gerade bei Start-ups stellt sich oft nicht die Frage „Was hast du studiert?“, sondern „Was kannst du?“. So gibt es außerhalb der Präsenzstudien an Hochschulen im Bereich E-Learning universitäre Online-Angebote, berufsbegleitende Studien, aber auch kommerzielle Kurse, die Entscheidungsträgern in kurzer Zeit Wissen über KI vermitteln oder in mehrmonatigen Seminaren KI-Manager hervorbringen sollen.

          Nachholbedarf für deutsche Hochschulen

          Für das Thema KI müsse ein „Ruck durch die Gesellschaft“gehen, sagt Burchardt, der auch Mitglied der Enquetekommission KI zur Beratung des Deutschen Bundestages ist. Um bei dem Tempo der Länder Schritt zu halten, die derzeit die Technologieführerschaft haben, sei einige Anstrengung vonnöten. Letztlich will sich Deutschland auf dem Gebiet nicht marginalisieren lassen.

          „Damit die Breite der KI auch in der Fläche vermittelt werden kann, bedarf es ausreichend vieler Professuren. Hier gibt es - gerade auch im internationalen Vergleich - einen erheblichen Nachholbedarf für deutsche Hochschulen“, sagt Timm. Deswegen steht auch das Wissenschaftsjahr 2019 unter dem Motto KI. Im Bemühen, zu Amerika und China aufzuschließen, wurde im Strategiekonzept der Bundesregierung vom November 2018 nicht gekleckert: Mit mindestens 100 zusätzlichen neuen Professuren bis zum Jahr 2025 soll eine breite Verankerung der KI an Hochschulen abgesichert werden, um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern.

          „Ich bin mir nicht sicher, ob das Strategiekonzept den ,bottleeck' in Deutschland trifft“, sagt Zweig, die seit 2018 Mitglied der Enquetekommission KI ist. „Es geht vor allem darum, Studierende für KI zu begeistern und damit ihre Anzahl zu erhöhen.“ Auch Bienert sieht dort Bedarf: „KI als Studiengang sollte attraktiver vermarktet werden. Oft wird nur über die Risiken gesprochen, die Chancen für Studenten werden meist nicht aufgezeigt.“ Derzeit ist die Förderung für 30 „Alexander-von-Humboldt-Professuren für KI“ ausgeschrieben.

          Mit diesen sollen führende Wissenschaftler aus dem Ausland angeworben werden. „Es ist wichtig, solche Koryphäen nach Deutschland zurückzuholen“, sagt Bienert. „Sie ziehen magnetisch Studenten und Start-ups an.“ In der Vergangenheit habe es einen hohen Verlust von Experten gegeben, die in Deutschland studiert, ihre professionelle Wertschöpfung allerdings im Ausland erbracht haben.

          Eine KI-Uni in der Wüste

          Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) wollen mit ihrer KI-Strategie vom Oktober 2017 die Infrastruktur und Verwaltung auf die Zukunft ausrichten. Sogar das Kabinett wurde um einen eigenen Minister für KI erweitert. Dabei will die VAE das "volle Potential von KI entfesseln", wie Sultan Ahmed Al Jaber, Staatsminister der VAE und Vorsitzender des Kuratoriums einer neugegründeten KI-Universität in Abu Dhabi, im Oktober 2019 erklärte. Das Studienangebot der "Mohamed bin Zayed University of Artificial Intelligence" (MBZUAI) richtet sich an Graduierte, die ein Master- oder Promotionsprogramm im Bereich "Machine Learning" oder "Computer Vision" anstreben. "Natural Language Processing" soll gemäß Universitäts-Website ab dem Jahr 2021 angeboten werden. Laut MBZUAI liegen schon über 200 Bewerbungen für den ersten Jahrgang vor, der im September 2020 beginnen soll. Die Website der Universität gibt an, dass einer der Schwerpunkte der Universität die Bereitstellung von Diensten an externe Kunden, wie etwa die Regierung der VAE, sei. Die Universität wirbt zudem mit Vollstipendien, Krankenversicherung und Unterbringung. Auch hier wird der Kampf um die besten KI-Köpfe geführt: Während das Kuratorium aus ausgewiesenen KI-Experten wie Kai-Fu Lee besteht, werden noch Professoren gesucht. Die Website der Universität verspricht diesen neben enormen Datenmengen Freiheit der akademischen Forschung, ohne sich dem Druck von Zuschüssen auszusetzen - und ganzjährigen Sonnenschein.

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