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Digitalisierung der Unis : Der Hörsaal der Zukunft

  • -Aktualisiert am

Lernen mit der VR-Brille: Studierende mit ihrem Dozenten an der RWTH Aachen Bild: MyScore Projekt, RWTH Aachen

Studierende fordern schon lange mehr Digitalisierung an den Unis. Jetzt zeichnen sich erste Trends ab – von VR-Brillen bis zur Interaktion über das Smartphone und Vorlesungen auf Youtube.

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          Schneller, schneller – wenn Julius Fiedler zu Hause vor dem Computer seinem Dozenten zuhört, spult der 20 Jahre alte Student das Youtube-Video zur Vorlesung in der 1,5-fachen Geschwindigkeit ab. „Die Professoren reden in den Vorlesungen sonst so langsam, dass es für mich sehr anstrengend ist, zuzuhören“, sagt Fiedler, der im fünften Semester Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln studiert. In der digitalen Wirtschaftspolitik-Vorlesung kann Fiedler das Redetempo seines Dozenten Steffen Roth mit einem Mausklick selbst bestimmen, anhalten oder vorspulen.

          Jede Woche können sich Roths Studierende vor einer physischen Plenumssitzung den aktuellen Stoff in einem Youtube-Video anschauen. „Durch die Videos spare ich mir den Vortrag und muss nicht jedes Semester denselben Stoff runterspulen“, erklärt der Dozent und Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Kölner Uni.

          „In der Plenumssitzung haben die Studenten dann 90 Minuten Zeit, um Fragen zu stellen und über die Inhalte zu diskutieren.“ Student Fiedler gefällt das Konzept der sogenannten Micro-Lectures: „So bin ich nicht auf feste Termine angewiesen, sondern kann selbst entscheiden, wann ich das Video schaue.“ Ginge es nach ihm, sollten mehr Dozenten an der Uni die Technologie nutzen. Überfüllte Hörsäle und neunzigminütige Frontalvorträge gehörten dann der Vergangenheit an.

          Wie VR-Brillen Dozenten unterstützen können

          So wie Fiedler wünschen sich die meisten Studierenden mehr digitale Angebote an ihren Hochschulen: In einer Befragung des Pearson-Verlags aus dem Jahr 2019 gaben mehr als 80 Prozent der Studierenden an, dass sie sich einen häufigeren Einsatz von E-Learning-Methoden an ihrer Uni wünschen. Nur jeder Zehnte lernte lieber mit dem Buch. Auch Roths Kollegen an deutschen Hochschulen sehen in der Digitalisierung viele Vorteile für ihre Lehre. Wie die F.A.Z. im November berichtet hatte, gaben in einer bisher unveröffentlichten Pearson-Umfrage 85 Prozent der befragten Dozenten an, mit E-Learning-Angeboten die Lehrqualität verbessern zu wollen. Trotzdem setzen nur 18 Prozent der Befragten digitale Lehrmethoden auch häufig ein. Mehr als die Hälfte greift nur gelegentlich darauf zurück. Das etwas ratlose Fazit des Studienautors lautete deshalb: Deutsche Dozenten finden E-Learning super, doch nur die wenigsten nutzen es auch.

          Dabei ist schon heute vieles möglich: Die RWTH Aachen arbeitet gerade an einem virtuellen Stimmtraining für ihre Mitarbeiter und Studierenden. „Dozenten und Lehrer haben damit zu kämpfen, dass sie ihre Stimmen wegen falscher Techniken in Vorlesungen kaputtreden“, sagt Valerie Varney, Forschungsgruppenleiterin für digitale Lernwelten an der RWTH. Über eine Virtual-Reality-Brille werden die Nutzer in einen digitalen Hörsaal versetzt. Unter Anleitung eines Trainers können so etwa Lehramtsstudenten ihre Stimme erproben.

          Die VR-Brille simuliert den Hall der Stimme und zeigt an, welche Sitzreihen der Nutzer mit seiner Stimme erreicht. „Bisher ist der Einsatz von VR-Brillen noch eher die Ausnahme“, sagt Varney. Denn die Brillen seien teuer und immer noch recht unhandlich. „Virtual Reality wird sich in deutschen Hörsälen wohl nicht flächendeckend durchsetzen.“ Trotzdem könne die VR-Brille in Einzelfällen den Dozenten unterstützen: etwa, um mit Geographie-Studenten an abgelegene Orte zu reisen – ohne in ein Flugzeug zu steigen.

          Die Fehlerkultur muss sich ändern

          Die Digitalisierung kann Hochschuldozenten auch bei Prüfungen unterstützen: Besonders in den Grundlagenmodulen müssen sie angesichts stetig steigender Studierendenzahlen oft Hunderte Klausuren korrigieren. Das ist ermüdend und kostet viel Zeit. Deshalb schreiben die Studierenden an der RWTH Aachen ihre Prüfungen teilweise nicht mehr mit Stift und Papier, sondern am Computer. Dozenten müssen so nicht mehr mühsam so manche Sauklaue entziffern und können Texte um bis zu einem Drittel schneller kontrollieren, wie eine Auswertung der Freien Universität Berlin (FU) ergeben hat. Auch an der RWTH gaben Studierende und Dozenten ein positives Feedback. „Zwar hat es zunächst sehr viel Arbeit gekostet, die Prüfungen zu digitalisieren, Fragen zu entwickeln und die Technik einzurichten, aber am Ende war es eine unheimliche Erleichterung für die Dozenten“, sagt Varney.

          Dass Hochschulen diese Möglichkeiten bisher nur wenig ausschöpfen, liegt der Pearson-Studie zufolge vor allem an fehlenden finanziellen Mitteln, mangelndem Fachpersonal und zu wenig Zeit. „Ich habe die Videos bei mir im Büro gedreht, mit meiner eigenen Kamera gefilmt und selbst geschnitten“, erklärt Dozent Roth von der Uni Köln. „Das war sehr viel Arbeit.“ Forschungsgruppenleiterin Varney beobachtet: „Dozenten werden häufig von den Unis alleingelassen.“ Viele Wissenschaftler seien zwar in der Forschung erprobt, bräuchten aber didaktische Unterstützung, etwa bei dem Einsatz neuer Medien, so Varney. „Digitalisierung der Lehre bedeutet nicht, die Vorlesung einfach in einem Livestream zu übertragen. Das hilft niemandem weiter.“ Denn Livestreams hätten keinen didaktischen Mehrwert.

          Auch die Fehlerkultur müsse sich ändern: „Wenn ein Dozent neue Medien einsetzt, ist ein Erfolg nicht garantiert“, sagt Varney. Studierende müssten sich häufig erst an neue Lernmethoden gewöhnen, bis sie sie annähmen und ihre Leistung steigerten. „Universitäten geben ihren Dozenten häufig zu wenig Zeit und tolerieren keine Fehler. Deshalb haben sie Hemmungen, digitale Lernmethoden auszuprobieren.“ Statt bis ins letzte Detail ausgefeilte Digitalisierungsstrategien bräuchten Lehrkräfte den Freiraum, neue Methoden auszuprobieren.

          Lerntipps vom digitalen Assistenten

          Denn moderne Hilfsmittel können den Hochschulmitarbeitern oft eine Menge Arbeit ersparen – und Studierende effektiv während des Lernens unterstützen. Ein solches Potential bietet auch die Künstliche Intelligenz (KI). Die Fernuniversität Hagen etwa entwickelt gerade einen digitalen Assistenten auf Grundlage einer Künstlichen Intelligenz. Der Assistent analysiert Daten, die Studierende auf einer Lernplattform speichern, etwa den Wissensstand und das Lernverhalten. Darauf aufbauend gibt der Assistent den Studierenden Tipps – von der Organisation bis zum richtigen Lernen.

          Laut Varney von der RWTH kann KI zudem Wissenslücken aufdecken, wenn jemand eine Fremdsprache erlernt. „Künstliche Intelligenz kann beispielsweise Texte auswerten, die ein Student geschrieben hat, und genau erkennen, welche Konzepte der Prüfling noch nicht verstanden hat.“ Sieben deutsche Universitäten, darunter auch die RWTH, entwickeln gerade eine Künstliche Intelligenz, die zum Beispiel Prüfungen der Studierenden auswertet und aufschlüsselt, wo sie noch Stoff wiederholen müssen. Bis 2022 wollen die Hochschulen dazu eine eigene Anwendung entwickeln.

          Varney ist überzeugt, dass sich die digitale Architektur an Universitäten langfristig deutlich erweitern wird. Schon jetzt laufen Vorlesungen mitunter anders ab als früher: Auf ihren Smartphones können Studierende in der Vorlesung zum Beispiel an öffentlichen Abstimmungen teilnehmen. Sogenannte Audience-Response-Systeme sind digitale Plattformen, auf denen Studierende und Dozenten im Hörsaal miteinander interagieren. Das hilft besonders den Studierenden, die sich sonst nicht trauen, vor Hunderten Kommilitonen laut zu sprechen.

          Statt mit Kreide auf einer grünen Tafel werden Dozenten künftig immer häufiger mit Touchpens auf einem Tablet oder einem smarten Overheadprojektor schreiben, glaubt Varney. Die Geräte veröffentlichen die Mitschriften dann automatisch auf einer digitalen Lernplattform. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Finger beim Mitschreiben krampften, weil der Dozent ein Schachtelsatz an den nächsten reihte. Analoge Lernangebote bleiben aber bestehen, ist sich die Forschungsgruppenleiterin sicher. Das liege auch an juristischen Hürden: „Die Datenschutzgesetze in Deutschland sind sehr streng. Das setzt der Wissenschaft enge Grenzen.“ Auch deshalb seien viele Hochschulen noch vorsichtig mit digitalen Lehrangeboten, sagt Varney. „Zwar gibt es immer mehr Projekte dazu, doch meist bleiben es Einzelne, die neue Technologien an den Hochschulen ausprobieren.“ Die grüne Tafel wird den Studierenden in Deutschland also wohl noch einige Zeit erhalten bleiben.

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